Integration

Unser Gott, euer Gott

Ein Präsident für alle: Christian Wulff betont, dass Christentum, Judentum und Islam zu Deutschland gehören. Foto: imago / (M): Frank Albinus

Aus der Mitte der Gesellschaft kommen diejenigen, die Bundespräsident Wulff für seine Aussage kritisieren, der Islam gehöre zu Deutschland und sei somit ein Teil der Republik. Aus der Mitte der Gesellschaft kommen jene, die das Haupt bedächtig neigen, wenn CSU‐Chef Horst Seehofer vorschlägt, keine weiteren Zuwan‐ derer aus der islamischen Welt ins Land zu lassen. Aus der Mitte der Gesellschaft kommen die, die in den Thesen Thilo Sarrazins Wahres zu erkennen glauben.

Wer schon immer einmal verstehen wollte, wie Ressentiments entstehen, dann gesellschafts‐ und schließlich mehrheitsfähig werden, hat jetzt die Chance dazu. Die negativen Beispiele von Integration, die dunklen Seiten des Islam – Islamismus und Fundamentalismus – werden schrittweise auf alle Muslime übertragen. Sie sollen sich selbst rechtfertigen und das Verhalten ihrer unmöglichen Glaubensgeschwister. Für hier lebende Muslime ist eine schwierige Zeit angebrochen.

Türken als neue Juden? Die Deutschen müssen lernen, mit einer neuen religiösen Minderheit zu leben. Und wir sollten es besser machen als in den Jahrhunderten, in denen Christen Juden mit Feindschaft begegnet sind. Wenn heute das »jüdisch‐christliche Erbe« beschworen und sogar gegen den Islam in Stellung gebracht wird, dann steht dieses Bekenntnis auf den Trümmern der Schoa. Es ist das »Nie wieder« der Christenheit, deren Ablehnung des Judentums in Zusammenhang mit dem millionenfachen Mord durch die Nazis steht. Die Türken als neue Juden Europas? Eine absurde Behauptung! Es ist aber auch töricht zu glauben, dass sich Intoleranz und gesellschaftliche Ausgrenzung nicht wiederholen könnten.

Unter den Trümmern des Kriegs bargen die Väter und Mütter des Grundgesetzes die Überlieferung des christlichen Glaubens. Die »Verantwortung vor Gott« steht in der Präambel unserer Verfassung. Gemeint ist der Gott der biblischen Tradition. Kein anderer. Das kann man so festhalten, denn 1948 dachte niemand an millionenfachen Zuzug aus der islamischen Welt. Muslime heute können aber – wenn sie wollen – in der Anrufung unseres Gottes auch ihren Gott erblicken.

Wir Europäer haben viel diskutiert über das jüdisch‐christliche Erbe und darüber, ob es Erwähnung in der gemeinsamen Verfassung finden solle. Vertreter von islamischen Interessenverbänden forderten damals, auch ihre Religion gehöre in die Auf‐ zählung. Das ist mit einem Wort: falsch. Judentum und Christentum, die auf ihnen fußende Kultur, sehen entscheidende Dinge in der Welt grundsätzlich anders als der Islam. Das Menschen‐, Gesellschafts‐, Welt‐ und Gottesbild sind diametral verschieden. Der Islam ist also nicht Teil der europäischen Identität, kann es nicht sein. Aber die Muslime, die heute hier leben, sind ein Teil Deutschlands.

Taufe Der Terminus vom »jüdisch‐christlichen Erbe« gehört ins Repertoire der Sonntagsreden. Die Oratoren verlieren dabei meist den traurigen Teil der Wahrheit aus dem Blick. In einer Verfilmung des Lebens von Gustav Mahler sagt der Komponist im Sinne Heines: »Der Taufschein ist das Eintrittsbillett in die europäische Gesellschaft.« Viele Juden haben sich taufen lassen, um ein Teil von Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft werden zu können. Wollen wir uns wirklich so sehr mit dieser, unserer »jüdisch‐christlichen« Tradition schmücken?

Natürlich müssen wir Integration fordern. Natürlich muss jeder, der hier lebt, die deutsche Sprache lernen, das Grundgesetz als bindend akzeptieren. Aber wozu lernt man etwa Deutsch, wenn einem die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dennoch versagt bleibt, weil das Muslim‐Sein mit einem Ressentiment behaftet ist? An dieser Stelle wiederholt sich die Geschichte.

Der Islam und die Muslime in Europa werden ihren Platz finden müssen auf einem Kontinent, der auf anderen Grundlagen als die Welt ihrer Vorfahren steht. Der bevorstehende Wandel kann sehr fruchtbar werden. Der Prozess dazu beginnt gerade erst! Islamische Religionslehrer werden an den Universitäten ausgebildet. Religionsunterricht wird eingeführt. Moscheen werden gebaut und islamische Friedhöfe errichtet. Dieser Wandel in Deutschland wird unmöglich gemacht, wenn wir den Kurs der gesellschaftlichen Ausgrenzung von Muslimen weiter tolerieren.

Wir sind nur dann eine vorbildliche demokratische und freiheitliche Gesellschaft, wenn wir die Muslime, die hier als anständige Bürger leben, auch Bürger im vollen Sinn sein lassen. Deutschland kann ihre Heimat werden. Das heißt: Sie müssen ein Teil davon werden wollen. Und wir müssen sie ein Teil davon werden lassen.

Der Autor ist Chefredakteur und Herausgeber des Online‐Magazins »The European« (www.theeuropean.de).

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