Dialog

Um Gottes Willen

Eines dieser Prinzipien ist, dass wir Gottes Willen nicht hinterfragen. Foto: Colourbox

Dialog

Um Gottes Willen

Warum Juden und Christen das diesjährige Motto der »Woche der Brüderlichkeit« unterschiedlich deuten

von Eliyah Havemann  29.02.2016 19:10 Uhr

Die am Sonntag beginnende »Woche der Brüderlichkeit«, die sich alljährlich seit 1952 um die Versöhnung von Juden und Christen bemüht, steht diesmal unter dem Motto »Um Gottes Willen«. Es wird wieder viel über das Verbindende – den gemeinsamen Glauben an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – gesprochen werden, aber auch über das Trennende.

Schon die uneinheitliche Interpretation des Mottos zeigt Unterschiede. »Um Gottes Willen«: Auf Deutsch ruft man das, wenn man erschrocken ist. Denn Gottes Wille kann schrecklich sein. Auf Hebräisch würde man in einer solchen Situation allerdings »Chas WeSchalom« sagen, wörtlich übersetzt »Himmel und Frieden«.

Aussöhnung Gottes Wille ist ein schwieriges theologisches Terrain. Wer weiß schon, was Er will? Und wenn alles nach Seinem Willen geht, wollte Er dann auch den Holocaust? Und will Er die Aussöhnung zwischen Juden und Christen?

Religionen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie einen absoluten Wahrheitsanspruch haben. Ob Jesus der Erlöser ist oder nicht, ist für Juden und Christen nicht verhandelbar. Jeder wird bei seiner Position bleiben, sogar bleiben müssen, wenn er es mit sich und seiner Religiosität ernst meint. Was also Gottes Wille ist, hängt stark davon ab, wen man dazu befragt.

Wir haben am Berg Sinai nach dem Auszug aus Ägypten die Tora bekommen, die schriftliche und die mündliche. Nach diesen Gesetzen leben zumindest orthodoxe Juden bis heute. Die Interpretationen haben sich über die Jahrhunderte entwickelt, das grundlegende Prinzip blieb aber bestehen.

Eines dieser Prinzipien ist, dass wir Gottes Willen nicht hinterfragen. Er sagt in der Tora, wir dürfen kein Schweinefleisch essen, also tun wir das auch nicht. Den wahren Grund dafür kennen wir nicht. Die Tora ist für die Christen das Alte Testament und hat für sie weiterhin Gültigkeit. Dennoch essen sie Fleisch vom Schwein. Sie glauben zu wissen, dass dieses Gebot nicht mehr relevant sei. Wer weiß, vielleicht haben sie sogar recht damit. Uns gläubige Juden interessiert das aber nicht.

Wille Deshalb sagen wir auch »Himmel und Frieden«, wenn wir erschrocken sind, und rufen nicht »Um Gottes Willen«. Der Wille ist der Hoffnung vorbehalten, wir kennen ihn nicht. Nur so konnten wir unser Gottvertrauen bewahren, trotz all der schrecklichen Begebenheiten, die das Volk Israel in seiner wechselhaften Geschichte durchleben musste.

Aber um eine Art Ökumene zwischen Juden und Christen geht es in der Woche der Brüderlichkeit auch nicht, denn das theologische Interesse am jüngeren Bruder ist aus jüdischer Sicht doch eher gering. Andersherum kann man das nicht behaupten. Das Judentum bildet das Fundament des Christentums, und das christliche Interesse am Judentum ist ungebrochen.

Diese Spannung zwischen der ewigen Verbundenheit auf der einen und dem immer wieder gescheiterten Versuch der Ablösung auf der anderen Seite ist es wohl auch, die den religiösen Antisemitismus befeuerte. Dass das Verhältnis heute freundschaftlich ist – oder brüderlich, wie Chris-ten sagen –, ist ein wahrer Segen.

Das war nicht immer so. Die Karfreitagsfürbitte, in der katholische Christen für die Erleuchtung der Juden durch Jesus beten, ist wie ein fein abgestuftes Thermometer, das durch die Jahrhunderte in seinen zahlreichen inhaltlichen und symbolischen Veränderungen den aktuellen Grad der Hassliebe zu den religiösen Ahnen anzeigt: mal mit Niederknien oder lieber ohne, mit Amen oder ohne Amen, mit oder ohne das Adjektiv »perfidis«, aus dem Dunkel heraus oder in das Licht hinein. Oder eben überhaupt nicht, wie es heute dankenswerterweise in den meisten Gemeinden gehalten wird. Zugegeben, die Fürbitte sprechen nur Katholiken, aber die Protestanten haben dafür einen Kirchenvater, der einen Antisemitismus gepredigt hat, der viel deutlicher und direkter war als jede Fürbitte, die uns Juden immerhin zu den Menschen zählt und uns erlösen will.

Kompromiss Menschen müssen miteinander sprechen, sich gegenseitig verstehen, die Bedürfnisse, auch die religiösen, des Gegenübers nachvollziehen können. Dafür muss man keinen theologischen Kompromiss finden, sondern ein geordnetes Nebeneinander der Religionen und Miteinander der Menschen entwickeln.

Nur den Namen der Veranstaltung finde ich irgendwie unpassend. Er ignoriert die Schwestern! Und auch, wenn ich persönlich meine vielen Geschwister ausnahmslos von Herzen liebe, in der Bibel haben Brüder oft keine harmonischen Beziehungen: Abel und Kain, Ischmael und Jizchak, Esaw und Jakob oder auch Josef und seine elf Brüder sind eher schlechte Beispiele für Brüderlichkeit.

Auf der anderen Seite passt der Name dann aber doch ganz gut. Denn Brüder kann man sich nicht aussuchen, man bleibt ein Leben lang mit ihnen verbunden und muss sich mit ihnen auseinandersetzen. Und genau darum geht es in der Woche der Brüderlichkeit.

Der Autor ist in Rüdersdorf bei Ost-Berlin geboren und lebt seit 2010 in Israel. Er ist Verfasser des Buches »Wie werde ich Jude? Und wenn ja, warum?«.

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