Tradition

Tora und Grundgesetz

Das Prinzip der »Würde des Menschen« haben schon die Rabbiner im zweiten Jahrhundert anerkannt und aktiv propagiert. Foto: dpa

Moderne westliche Gesellschaften werden demokratisch regiert, das heißt, Gesetze werden ausschließlich von parlamentarisch gewählten Körperschaften nach einem Mehrheitsprinzip in Kraft gesetzt, in aller Regel aber stehen diese Gesellschaften unter Verfassungsprinzipien, die nicht beliebig änderbar sind: In der Bundesrepublik Deutschland ist das nach Artikel 1 Grundgesetz die unantastbare Würde des Menschen. Zudem sind westliche Staaten Rechtsstaaten, das heißt, was zu tun und zu unterlassen ist, ist verbindlich und verlässlich geregelt – im Zweifelsfall überprüfen das unabhängige Gerichte.

Lange Zeit war man in der Geschichte der politischen Ideen davon überzeugt, dass all dies dem antiken Griechenland, Rom oder dem Christentum zu verdanken ist – eine Überzeugung, die sich mehr und mehr als mindestens ergänzungsbedürftig erweist. So schien man sich bisher darüber einig zu sein, dass das Prinzip der Würde des Menschen biblischen Ursprungs ist, vor allem aber wurde kolportiert, dass es das Christentum war, das dieses Prinzip erstmals postuliert habe.

würde Indes: Was man in den christlichen Schriften immer wieder lesen konnte, war das Prinzip der »Würde Gottes«. Das Prinzip der »Würde des Menschen« wurde als solches überhaupt erst in der Renaissance von dem italienischen Humanisten Pico della Mirandola – er kannte die jüdische, auch die kabbalistische Literatur gut – artikuliert.

Tatsächlich aber haben die antiken Rabbiner schon im zweiten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung das Prinzip der Würde des Menschen einschließlich des Prinzips seiner Individualität gekannt und aktiv propagiert, und das zu einer Zeit, als das den Vätern der Kirche noch keine Erwähnung wert war. So lesen wir etwa in der Mischna Sanhedrin aus dem zweiten Jahrhundert: »Und zu bezeugen die Größe des Heiligen, gelobt sei er, dass ein Mensch so viele Münzen mit einem Stempel prägt, und alle gleichen sie einander, aber der König aller Könige, gelobt sei er, prägt jeden Menschen mit dem Stempel des ersten Menschen und nicht einer gleicht dem anderen ...« (IV, 5).

bund Das Prinzip des Rechtsstaates wurde – das ist nicht zu bezweifeln – zuerst im antiken Griechenland artikuliert. Gleichwohl waren es wieder die Rabbiner, die dieses Prinzip im Anschluss an die Schriftpropheten, vor allem Amos, zu einer universellen Menschenpflicht erhoben. Wenig bekannt ist, dass nach rabbinischer Auffassung Gott einen Bund nicht nur mit Israel, sondern mit der ganzen Menschheit geschlossen und in den sogenannten Noachidischen Gesetzen besiegelt hat. Demnach sind allen Menschen Gotteslästerung, Unzucht, Götzendienst et cetera verboten – unter den sieben noachidischen Weisungen finden sich sechs Verbote, aber nur ein einziges, freilich wesentliches Gebot: Alle Menschen, keineswegs nur Israel, sind verpflichtet, in einem Rechtsstaat zu leben.

Die jüngste Forschung bestätigt es: Jüdisches, jüdisch-rabbinisches Denken, keineswegs nur biblische Motive haben den Weg zur westlichen Moderne in den Niederlanden, bei Calvinisten und Puritanern, bei Naturrechtlern und frühen Völkerrechtlern nachhaltig geprägt. Europa wird um eines besseren Verständnisses seiner selbst diese Fundamente neu entdecken und bewerten müssen.

messianismus Dass das politische Denken der modernen Linken von Karl Marx über Walter Benjamin bis zu Theodor W. Adorno und Max Horkheimer weit in das 20. Jahrhundert hinein vom jüdischen Messianismus inspiriert war, hat sich herumgesprochen – was das freilich genau heißt, blieb und bleibt gleichwohl oft im Dunkel. »Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben«, so das etwa von Herbert Marcuse aufgenommene, Goethe und Kafka entlehnte Bekenntnis Walter Benjamins – von der Überzeugung gespeist, dass den Juden bei aller Skepsis Verzweiflung verboten sei und der Messias jederzeit eintreffen könne.

»Jüdischer« – wenn sich der Begriff »jüdisch« überhaupt steigern lässt – wirkt da Martin Buber mit seinen chassidischen Geschichten; aber wer weiß schon, dass Buber in seinen Anfängen ein österreichischer Intellektueller war, der in engstem Kontakt mit einer keineswegs nur jüdischen zeitgenössischen Philosophie stand; einer Philosophie, die Begegnung und Dialog auf ihre Fahnen geschrieben hatte – kurz: einer Philosophie, die die Intersubjektivität als Prinzip entdeckt hatte.

So gut wie gar nicht bekannt ist freilich, dass es wiederum ein jüdischer Philosoph, Hermann Cohen, war, der dieses Prinzip – das Prinzip des Menschen als Mitmenschen – in seiner noch immer unterschätzten, posthum erschienenen Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums aus dem Jahr 1918 erstmals artikuliert hatte. Es zeigt sich: Jüdische Tradition und jüdische Denker haben das politische Denken Europas stärker mitgeprägt als bisher bekannt.

Berlin

Israel-Kurs: Streit in der SPD eskaliert

Adis Ahmetović, der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, kritisiert Außenminister Wadephul, weil dieser Sanktionen gegen Israel ablehnt. Das sorgt für Ärger in der Partei

 24.04.2026

Antisemitismus im Alltag

Angefeindet wegen einer Kippa

Zwei Studenten der JSUD werden in Berlin-Mitte angefeindet – weil sie Kippa tragen. Viele Jüdinnen und Juden verstecken aus Angst ihre religiöse Identität

von Jan Feldmann  24.04.2026

Bündnis-Streit

Spanien reagiert auf Bericht über mögliche Nato-Suspendierung

Planen die USA Maßnahmen gegen »schwierige« Nato-Partner? Madrid jedenfalls betont nun die Zusammenarbeit mit Bündnispartnern

 24.04.2026

Fördergeldaffäre

»Evident rechtswidrig«

Kein einziges der 13 vom Berliner Senat mit staatlichen Zuschüssen bedachten Projekte gegen Antisemitismus sei »bescheidungsreif« gewesen, so der Prüfbericht des Rechnungshofes. Die Hintergründe

von Michael Thaidigsmann  24.04.2026

London/Washington

Giuffres Vermächtnis: Epstein-Opfer warten auf Gerechtigkeit

Ihre Berichte brachten den Skandal um Epstein vor Jahren ins Rollen. Doch nach wie vor kämpfen die Opfer des Sexualstraftäters um Gerechtigkeit. Bleibt ihr Kampf am Ende vergeblich?

von Patricia Bartos  24.04.2026

Österreich

Neuer Höchststand an antisemitischen Vorfällen

Seit Beginn des Gaza-Kriegs haben die Anfeindungen stark zugenommen. Der Konflikt droht auch den ESC in Wien zu überschatten. Warum sich die jüdische Gemeinde dennoch auf den ESC freut

 24.04.2026

Berlin

Wegner entlässt Berliner Kultursenatorin Wedl-Wilson

Nach dem die Vergabe von Fördergeldern gegen Antisemitismus als rechtswidrig gerügt wurde, hat Kultursenatorin Wedl-Wilson ein Rücktrittsgesuch eingereicht

 24.04.2026

USA

18-Jährige wollte Anschlag auf Synagoge in Houston verüben

Angelina Han Hicks aus Lexington (North Carolina) befindet sich in Gewahrsam. Der Vorwurf gegen sie: Verschwörung zur Planung eines Massenangriffs auf die Gemeinde Beth Israel

 24.04.2026

Jerusalem

Katz: Israel zu neuer Offensive gegen Iran bereit

Die Armee warte auf grünes Licht aus Washington, sagt der Verteidigungsminister. Die Streitkräfte seien sowohl für Verteidigung als auch für Angriffe vorbereitet. Sämtliche Ziele seien bereits markiert

 24.04.2026