Interview

»Tolerant, nur nicht bei Israel«

Frau Lamberty, Sie waren Teil eines Forschungsteams des Moses Mendelssohn Zentrums (MMZ), das die Einstellungen von Studenten der Uni Potsdam zu Antisemitismus und Islamfeindlichkeit untersucht hat. Warum haben Sie sich speziell Studenten vorgenommen?
Zu Vorurteilen wird vielfach geforscht. Aber die Gruppe der Studierenden, also die zukünftige Elite, ist bisher nicht sehr stark erforscht. In Diskursen um Rechtsextremismus und Antisemitismus hört man oft, Menschen mit geringerer Bildung seien anfälliger für solche Vorurteilsstrukturen als gebildete Menschen.

Hat die Studie das bestätigt?
Im Großen und Ganzen schon. Traditionelle Formen von Antisemitismus – etwa Aussagen wie »In wirtschaftlichen Fragen sollte man im Umgang mit Juden vorsichtig sein« – finden kaum noch Zustimmung, wohl aber Aussagen, die sich auf Israel beziehen, etwa »Israel führt einen Vernichtungsfeldzug gegen die Palästinenser«.

Wie viel Zustimmung gab es zu dieser Aussage?
Eine völlige Zustimmung gab es bei sieben Pro
zent, 32 Prozent haben »eher« zugestimmt. Dies ist deutlich mehr als bei Aussagen zu traditionellem Antisemitismus. Insgesamt sind die Studierenden recht tolerant, aber man sieht allgemein, dass traditionellem Antisemitismus immer weniger zugestimmt wird, außer in explizit rechten Milieus. Insgesamt kann man schon ein tolerantes Bild der Studierenden zeichnen, aber bei Themen wie dem Nahostkonflikt gibt es durchaus auch Zustimmung zu problematischen Aussagen.

Wie sind Sie methodisch vorgegangen?

Es war eine Online-Studie. Nach einer theoretischen Vorauswahl wurden verschiedene Items aus bestehenden Skalen adaptiert – zu den Themen Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, aber auch Einstellungen zur Zuwanderung, zu Religion allgemein, zur interkulturellen Gesellschaft.

Wie haben Sie die Teilnehmer erreicht?

Die Uni Potsdam hat einen E-Mail-Verteiler. In Kooperation mit der Universität konnten wir die Studie über diesen Verteiler bewerben und hatten somit einen recht breiten Zugriff auf die Studierendenschaft.

Wie viele Studenten haben teilgenommen?
Insgesamt 1123 Personen. Wir haben versucht, ein möglichst genaues Abbild der Studierendenschaft zu erreichen. Es ist ein etwas größerer Anteil von Geisteswissenschaftlern darunter. Selbstselektion hat man natürlich immer bei Online-Umfragen, aber es ist ein annähernd repräsentativer Querschnitt.

Welche Schlüsse sind aus der Studie zu ziehen?
Um inhaltliche Schlüsse ziehen zu können, sollte man zuerst weitere Forschung an anderen Unis betreiben und Fragen stellen wie: Gibt es Unterschiede in Ost und West? Wie denkt die zukünftige Elite? Wie äußert sich moderner Antisemitismus, wie kann man ihn empirisch begreifen? Auch, damit man nicht zu früh Entwarnung gibt.

Mit der Psychologin und Mitarbeiterin am Moses Mendelssohn Zentrum sprach Ingo Way.

Jerusalem

NGO Monitor wirft Ärzte ohne Grenzen tief verwurzelten Antisemitismus vor

Einem neuen Bericht zufolge erlebten zahlreiche jüdische Beschäftigte ein Arbeitsumfeld, in dem israelfeindliche Einstellungen weit verbreitet seien

 06.07.2026

USA

»Wir kommen zurück« – Wieso New Yorker Juden Deutsche werden

Mehr und mehr New Yorker Jüdinnen und Juden beantragen als Nachfahren von NS-Verfolgten die deutsche Staatsangehörigkeit. Viele sehen darin eine Rückkehr zu ihren Wurzeln – und auch eine Absicherung

von Anne Pollmann  06.07.2026

Jerusalem

Netanjahu widerspricht Vance: Israel hat »sehr viele Freunde«

Zuvor hatte US-Vizepräsident JD Vance behauptet, dass die USA der einzige internationale Verbündete Israels seien. Der israelische Präsident entgegnete, dass die internationalen Beziehungen des Landes deutlich besser seien, als es der öffentliche Eindruck vermuten lasse

 06.07.2026

Diplomatie

Streit mit der Türkei: Wadephul stellt sich an die Seite Israels

Außenminister Johann Wadephul hat Aussagen seines türkischen Amtskollegen Hakan Fidan als »vollkommen unangemessen« bezeichnet. Fidan hatte Israel ein »Problem für die Menschheit« genannt

 06.07.2026

Iran

Trauerzug mit Chameneis Leichnam führt durch Teheran

Rund vier Monate nach seiner Tötung soll Irans Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei beerdigt werden. Die Trauerfeiern sollen die Geschlossenheit des Regimes demonstrieren, zeigen aber auch, welcher politische Flügel ausgeschlossen wird

 06.07.2026

Debatte

Zentralrat der Juden positioniert sich zum Thema AfD-Verbot

 05.07.2026

Religionsfreiheit

Oberrabbiner sieht religiöse Praktiken europaweit unter Druck

Bei einem Symposium in Amberg diskutierten Politiker, Vertreter von Religionsgemeinschaften und Juristen über die Einschränkungen der Religionsfreiheit

von Christoph Renzikowski  05.07.2026

Terrorismus

In diesem Land gibt es keinen Platz für Islamisten. Sie sollten konsequent abgeschoben werden

Eine Klarstellung

von Jessie Katz  05.07.2026

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026