Ägypten

Terror im Gotteshaus

Wie soll es bloß weitergehen? Die koptischen Christen fürchten weitere Anschläge von muslimischen Extremisten. Foto: Katharina Eglau

Ein Leben lang ist Kamil Issa auf einem griechischen Frachter zur See gefahren. Jetzt arbeitet der Rentner ehrenamtlich in der koptischen »Kirche der zwei Heiligen« in Alexandria mit. »Die Attentäter kommen nicht aus Afghanistan oder Pakistan, die sind von hier«, sagt der 63‐Jährige, während er in der Vorhalle des blutbeschmierten Gotteshauses die Ausgabe der koptischen Kirchenzeitung »Unser Land« verkauft. Bei der Explosion, die in der Neujahrsnacht 23 Menschen tötet, ist ihm nichts passiert. Aber er spricht aus, was hier alle denken.

Der »blinde Terror« trage nicht die Handschrift »ausländischer Täter«, wie Präsident Hosni Mubarak kurz nach der Tat in seiner Fernsehansprache an das ägyptische Volk behauptet hatte. »Die Bombe wurde hier vor Ort gebastelt«, urteilt auch der Chefarzt der Intensivstation im St.-Markus-Krankenhaus neben der Kirche, während er eine Röntgenaufnahme mit Eisenmuttern gegen das Licht hält, die einem der Opfer beide Beine zerschmetterten. Alexandria ist auch eine Hochburg der Muslimbruderschaft und Sammelbecken aller Arten salafistischer Radikaler.

Noch nie zuvor in der jüngeren Geschichte Ägyptens hat es ein solches Massaker in einem Gotteshaus gegeben – in einem Land, in dem Christen etwa zehn Pro‐ zent der rund 80 Millionen Einwohner ausmachen. Reibereien zwischen beiden Religionsgruppen gab es zwar immer, aber in jüngster Zeit hat sich das Klima spürbar verschärft. So skandieren seit einigen Monaten Muslime in Kairo und Alexandria regelmäßig nach Freitagsgebeten antichristliche Parolen und zerreißen unter dem Ju‐ bel der Menge Fotos des koptischen Papstes Shenouda III.

exodus »Wir haben Angst, dass unser Land bald den gleichen Weg nimmt wie der Irak«, sagt Michael Ghattas, Professor für koptische Kirchenmusik in Kairo, und nennt als Hauptursache die »zunehmende Aggressivität der Muslime«. Die Regierung schaue weg. Im neuen Parlament sind die acht Millionen Kopten praktisch nicht mehr repräsentiert. Nach den Worten von Michael Ghattas jedenfalls denken viele Mitchristen inzwischen daran, ins Ausland zu gehen. »Doch wir sind Ägypter, wir sind keine Fremden in diesem Land«, sagt er.

Schon einmal, vor einem halben Jahrhundert, hat Ägypten mit dem Exodus seiner Juden den Verlust einer religiösen Minderheit erlitten. Die Wurzeln jüdischen Le‐ bens reichen zurück bis in die pharaonische Zeit, auch wenn die Zahl der Beter am Nil über viele Jahrhunderte hinweg mit etwa 6.000 relativ klein war. Erst Ende des 19. Jahrhunderts kam der große Aufschwung durch Einwanderungswellen aus Ost‐ und Südeuropa, Nordafrika und dem Osmanischen Reich. 1930 lebten 75.000 Juden am Nil, die meisten in Kairo und Alexandria, bis zwei Jahrzehnte später der große Auszug begann: Nach dem ersten arabisch‐israelischen Krieg 1948 verließen 20.000 Ägypten, weitere 40.000 nach der Suezkrise 1956 und die restlichen nach dem Sechstagekrieg 1967. Heute leben keine 50 Juden mehr am Nil – zwei betagte Männer noch, die übrigen sind ältere Frauen. Und die wenigen Synagogen werden streng bewacht.

Al‐Qaida Seit dem Anschlag in Alexandria sind auch in Sichtweite der Eliahu Hanabi Synagoge im Stadtzentrum Einheiten der Sonderpolizei postiert, während die Fahnder bei der Suche nach den Tätern weiter im Dunkeln tappen. Bisher hat sich niemand zu der Horrortat bekannt, auch wenn eine Al‐Qaida‐Website die »Kirche der zwei Heiligen« zusammen mit 50 weiteren christlichen Gotteshäusern Anfang Dezember auf einer Liste möglicher Ziele aufführt.

Die Polizei schließt nicht aus, dass ein Terrorplaner von Al Qaida nach Ägypten gekommen war, um Kontakt zu lokalen Militanten aufzunehmen und einen Selbst mord attentäter zu rekrutieren. Als Drahtzieher könnten aber ebenso gut ägyptische Radikale in Frage kommen, die sich von Al Qaida zu dieser Tat angestachelt fühlten. Ende Oktober hatte deren Filiale »Islamischer Staat des Irak« nach dem Massaker in der syrisch‐katholischen Kathedrale von Bagdad auch »die hündische koptische Kirche« zu einem »legitimen Ziel« erklärt.

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