Herr Schindler, wie hat sich die Terrorbedrohung in Europa seit dem Wiederaufflammen des Krieges im Nahen Osten verändert?
Man muss dabei zwei Ebenen beobachten. Wir sehen zunächst einmal eine klare Radikalisierung von Individuen, ohne dass die Islamische Republik selbst aktiv werden muss. Die aktuelle Situation lässt sich dabei nicht isoliert betrachten: Der Krieg mit dem Iran begann nicht im Februar 2026, sondern mit dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023. Seitdem hat sich eine heftige antisemitische und antiisraelische Stimmung in Europa verstärkt. Nicht nur islamistische Extremisten radikalisierten sich weiter, sondern auch Teile der gewaltorientierten linksextremen Szene. Diese interpretiert den Gaza-Krieg als antiimperialistischen Abwehrkampf, obwohl keine der Fronten seit dem 7. Oktober – Hamas, Hisbollah, Huthi oder Iran – von Israel initiiert worden ist. Diese Narrative tragen zur Radikalisierung bei. Wie schnell das in Gewalt umschlagen kann, zeigt ein Fall vom 1. März in Texas: Ein senegalesischer Migrant griff eine Bar an und tötete drei Menschen. Er hatte keine Verbindung zum Iran, führte aber ein Bild des mittlerweile getöteten »Obersten Führers« des Irans, Ali Chamenei, mit sich.
Was ist die zweite Ebene?
Neben dieser Radikalisierung einzelner Täter deutet sich noch eine weitere Entwicklung an. Der neue Oberste Führer Mojtaba Chamenei hat in seiner ersten, im iranischen Fernsehen verlesenen Stellungnahme angekündigt, »neue Fronten gegen seine Feinde« eröffnen zu wollen. Da die Revolutionsgarde militärisch bereits gegen zahlreiche Nachbarstaaten vorgeht, liegt der Schluss nahe: Gemeint sind auch Operationen außerhalb der Region – sprich internationaler Terrorismus.
»Teheran weiß, dass es militärisch weder gegen Israel noch gegen die USA konventionell bestehen kann.«
terrorexperte hans-jakob schindler
Behörden warnten bereits früh vor einer erhöhten Anschlagsgefahr. Inzwischen gab es mehrere Anschläge auf jüdische Einrichtungen im Westen. Lässt sich bei diesen Taten ein Muster erkennen?
Wir sehen derzeit eine Reihe von Vorfällen in Europa und Nordamerika, die zum Teil schwer einzuordnen sind – etwa Schüsse auf das amerikanische Generalkonsulat in Toronto, einen versuchten Bombenanschlag auf die israelische Botschaft in Oslo oder ein Car-Ramming gegen ein jüdisches Zentrum in Michigan. Hinter diesen Taten könnten selbst radikalisierte Einzeltäter stehen – sie könnten aber auch Teil einer größeren Strategie sein. Relativ eindeutig erscheint dagegen eine Serie von Anschlägen auf Synagogen in Lüttich, Rotterdam, Amsterdam und Griechenland. Kurz danach tauchte in Telegram-Gruppen der Hisbollah und der iranischen Revolutionsgarde ein Bekennerschreiben einer bislang unbekannten Gruppe auf: Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya, die sich als neue schiitische Terrororganisation vorstellt.
Was wissen wir über die Verbindung der Gruppe zur »Islamischen Republik«?
Die Gruppe hat zwar bislang keinen eigenen Social-Media-Kanal, veröffentlichte aber Videos der Anschläge – Material, das eigentlich nur Täter oder Mitwisser haben konnten. Dass das Material über Kanäle der Hisbollah und der iranischen Revolutionsgarde verbreitet wurde, deutet darauf hin, dass diese Anschläge zumindest indirekt auf das Konto des iranischen Regimes gehen sollen. Es kann daher sein, dass dies ein neuer iranischer Proxy ist oder dass das Regime einzelnen Operationen ein gemeinsames ideologisches Narrativ gibt.
Welche Strategie verfolgt das iranische Regime, um den Konflikt im Nahen Osten nach Europa zu tragen?
Dem Regime im Iran geht es derzeit vor allem um sein eigenes Überleben. Teheran weiß, dass es militärisch weder gegen Israel noch gegen die USA konventionell bestehen kann, und setzt deshalb auf hybride Kriegsführung. Dazu gehören regionaler Druck über Stellvertreter wie die Hisbollah oder die irakischen Milizen, Angriffe auf die zivile Infrastruktur der Staaten in der Golfregion sowie Druck auf strategische Routen wie die Straße von Hormus. Hinzu kommt eine globale Dimension: Narrative, Propaganda und internationaler Terrorismus sollen auch außerhalb der Region politischen Druck erzeugen, mit dem Ziel, westliche Staaten dazu zu bringen, Israel und die Vereinigten Staaten zu einem Ende des Krieges zu drängen. All das ist von iranischer Seite seit Jahrzehnten angekündigt worden und Teil der Militärstrategie, die Teheran sehr offen beschrieben hat. Aus europäischer Perspektive erklärt das auch, warum sich europäische Staaten Anfang der 2000er-Jahre für einen Verhandlungsansatz entschieden haben und nicht für eine militärische Option.
Wie gut sind unsere Sicherheitsbehörden auf diese Bedrohung vorbereitet?
Die Sicherheitsbehörden haben die Gefahr erkannt – gebannt ist sie damit aber nicht. Der Schutz israelischer und amerikanischer Einrichtungen wurde in Deutschland deutlich verstärkt, und Polizei sowie ausländische Nachrichtendienste tauschen intensiver Informationen aus. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch im digitalen Raum. Netzwerke von Gruppen wie Hamas oder Hisbollah, aber auch die iranischen Geheimdienste kommunizieren und koordinieren ihre Aktivitäten heute vor allem über soziale Medien und das Internet. Genau hier gibt es eine Schwachstelle in Deutschland.
Worin besteht diese?
Im europäischen Vergleich sind deutsche Sicherheitsbehörden bei der Auswertung großer Datenmengen und beim Einsatz moderner Analysewerkzeuge deutlich stärker eingeschränkt. Während viele andere EU-Staaten auf Massendatenauswertung, Künstliche Intelligenz und engere Kooperation mit Plattformen setzen, ist der Handlungsspielraum in Deutschland durch strenge Datenschutzregeln enger. Das führt zu einem strukturellen Problem: Die Datenmengen im Internet sind so groß, dass sie nicht mehr effektiv manuell ausgewertet werden können. Ohne technische Analysewerkzeuge lässt sich dieser digitale Raum kaum effektiv überwachen – eine Herausforderung, die nicht nur beim iranischen Terrornetzwerk, sondern auch bei rechtsextremer Gewalt, Spionage oder Sabotage eine Rolle spielt.
Mit dem Leiter des »Counter Extremism Project« sprach Ninve Ermagan.