Meinung

Teheran und Hollywood

Fundamentalisten haben es nicht leicht. Schon gar nicht im Iran. Innerhalb des Mullah-Regimes tobt ein Richtungsstreit, der Atomkonflikt droht sich zuzuspitzen, und das Volk spurt auch nicht mehr so wie früher. In solch einer Situation kommt jede Ablenkung recht, sogar die Oscar-Verleihung.

Der erste Auslands-Oscar für einen iranischen Film sei ein »Sieg über das zionistische Gebilde und seine westlichen Alliierten«, tönte es aus Teheran, nachdem Asghar Farhadis A Seperation (auf deutsch: Nadir und Simin) Sonntagnacht als Sieger feststand.

Im Staatsfernsehen jubelte man über die »Niederlage des Zionismus«, und der Chef der iranischen Cinemathek sah in der Entscheidung der Oscar-Akademie den »beginnenden Zusammenbruch« des israelischen Einflusses in den USA. Denn unter den Konkurrenten, die Farhadi hinter sich gelassen hatte, war Joseph Cedars israelischer Beitrag Footnote und Agnieszka Hollands Schoa-Drama In Darkness.

Berlinale Nun ist kein Gedanke, wie irgendein kluger Mensch einmal gesagt hat, dumm genug, als dass er nicht schon mal gedacht worden wäre. Aber man muss schon ziemlich töricht oder paranoid sein, um in den Oscars eine Sympathiekundgebung für oder gegen irgendwelche Länder zu sehen.

Wenn man Farhadis Film, ein wunderbares Kinostück, das völlig zu Recht vor einem Jahr bei der Berlinale den Goldenen Bären gewann, möglicherweise sogar gesehen hat, dann weiß man, dass eher das Gegenteil zutrifft: Der Film ist nämlich – unter der harmlosen Oberfläche einer privaten Geschichte einer Ehe in der Teheraner Bourgeoisie – ein sehr regimekritisches Werk.

Er zeigt die alltäglichen Klassen- und Bildungskonflikte innerhalb der gespaltenen iranischen Gesellschaft, vor allem aber dreht er sich um die Verlogenheit religiöser Floskeln und die grundsätzliche Relativität dessen, was wir gern für Wahrheit halten.

Insofern ist dem iranischen Regisseur ein universales Werk geglückt, dessen Botschaft ironischerweise viele Ähnlichkeiten mit Joseph Cedars israelischem Film aufweist – auch der handelt von Klassenschranken und davon, wie unter dem Mantel der Wahrheit die Lüge haust.

In seiner Dankesrede in Hollywood erinnerte Asghar Farhadi denn auch sehr geschickt an den großen Reichtum und die Vielfalt der persischen Kultur, die sich »unter dem schweren Staub der Politik« verbergen. So entlarven sich die Teheraner Kommentare ziemlich schnell als primitiver Propagandahusten.

Der Autor ist freier Filmkritiker in Berlin.

Reaktionen

Ein Hausmeister für die Mullahs

Die Bundesregierung habe zu lasch auf die iranischen Mordkomplotte in Deutschland reagiert, finden jüdische und pro-israelische Organisationen. Sie fordern tiefgreifende Konsequenzen

von Stefan Laurin  20.10.2026

Vereinte Nationen

Wer finanziert die Arbeit der UN-Berichterstatter?

Die Genfer NGO UN Watch hat einen Bericht vorgelegt, der die Zuwendungen an rund 140 unabhängige Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen unter die Lupe nimmt. Auf Platz 3 der Liste: Francesca Albanese

von Michael Thaidigsmann  20.10.2026

Speyer

Nach Drohbrief: Kirchen solidarisch mit Jüdischer Gemeinde

Die beiden großen christlichen Kirchen haben Drohungen gegen die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz in Speyer verurteilt. Die Bedrohung jüdischen Lebens sei nicht hinnehmbar

 20.10.2026

Washington D.C.

Vance gibt keine Wahlempfehlung für Netanjahu ab

Im Gegensatz zu seinem Chef Donald Trump sieht der amerikanische Vizepräsident von einer Unterstützung des israelischen Ministerpräsidenten ab. Warum?

 20.10.2026

Nach Spionage-Urteil

Deutscher Botschafter im Iran einbestellt

Dem Diplomaten solle der starke Protest des Iran übermittelt werden, heißt es. Kurz zuvor hatte das Auswärtige Amt den iranischen Botschafter einbestellt

 20.10.2026

Gießen

Staatsanwaltschaft klagt AfD-Politiker wegen NS-Parole an

Bei seiner Bewerbungsrede für den Vorstand der AfD-Jugendorganisation soll Kevin Dorow eine Parole der Hitlerjugend verwendet haben. Nun muss ein Gericht über die Anklage entscheiden

 20.10.2026

Luftwaffenstützpunkt Ovda

Hegseth trifft Netanjahu bei unangekündigtem Israel-Besuch

Wenige Tage vor der israelischen Wahl ging es bei dem Geheimtreffen wohl um das weitere Vorgehen gegen das Mullah-Regime in Teheran

 20.10.2026

Berlin

Berliner Linke berät über umstrittene Abgeordnete

Seit dem Wahlsieg der Berliner Linke wird bundesweit über Antisemitismus und Israel-Kritik in ihren Reihen diskutiert. Nun will die Fraktion klären, wie sie mit Vaness Emde umgeht

 20.10.2026

Analyse

Hält Israels Brandmauer zur AfD?

Die deutsche Rechtsaußen-Partei wird von der israelischen Regierung boykottiert. Ein prominenter AfD-Politiker versucht nun, das zu ändern

von Joshua Schultheis  20.10.2026