Angriff in Berlin

Tatverdächtiger stellt sich

Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus hat ein Video des Angriffs auf seiner Facebook-Seite gepostet. Foto: screenshot JA

Nach der Attacke auf zwei Kippa tragende Männer in Berlin ist die Identität eines mutmaßlichen Tatverdächtigen geklärt. Der 19-Jährige sei unter anderem aufgrund von Zeugenhinweisen ermittelt worden.

Er habe sich am Mittag gegen 12.30 Uhr im Beisein einer Rechtsanwältin bei der Polizei Berlin gestellt. Der mutmaßliche Täter sollte auf Antrag der Staatsanwaltschaft Berlin noch am Donnerstag einem Ermittlungsrichter zum Erlass eines Haftbefehls vorgeführt werden, teilte die Polizei weiter mit.

Experiment Unterdessen sagte der 21 Jahre alte Israeli, der am Dienstagabend im Prenzlauer Berg zusammen mit einem 24-jährigen Deutschen Opfer des antisemitischen Angriffs wurde, er sei kein Jude. Der Deutschen Welle sagte er am Mittwochabend: »Ich bin nicht jüdisch, ich bin Israeli, ich bin in Israel in einer arabischen Familie aufgewachsen.«

Das Tragen der Kippa sei ein Experiment gewesen. Ein Freund habe ihn gewarnt, man sei in Deutschland nicht sicher, wenn man Kippa trage. Das habe er nicht geglaubt, so der 21-Jährige.

Zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Entschlossenheit im Kampf gegen Antisemitismus bekräftigt. Es sei ein »schrecklicher Vorfall«, sagte die Kanzlerin am Mittwoch in Bad Schmiedeberg nach einem Treffen mit den Ministerpräsidenten der ostdeutschen Bundesländer. Merkel sagte, dass es sowohl unter deutschen Staatsbürgern als auch unter Arabischstämmigen Antisemitismus gebe. Dagegen müsse »mit aller Härte und Entschlossenheit« vorgegangen werden.

Der Angriff hatte bundesweit Aufsehen erregt. Die beiden Männer waren aus einer Gruppe heraus körperlich attackiert und antisemitisch beleidigt worden. In einem Video von der Tat, das das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) in der Nacht zu Mittwoch auf Facebook postete, ist zu sehen, wie ein Angreifer mit einem Gürtel auf eines der Opfer eindrischt und ihn als »Jahudi« (arabisch für »Jude«) bezeichnet, ehe ein anderer Mann ihn wegzieht. Das verwackelte Video wurde mit dem Handy von einem der Opfer, einem 21 Jahre alten Israeli, angefertigt. Darin ist auch zu hören, wie der Angegriffene dem Angreifer nachruft: »Jude oder nicht Jude – du musst damit klarkommen!« Wie die Bild-Zeitung am Donnerstagnachmittag berichtete, soll sich der Angreifer inzwischen im Beisein seiner Anwältin der Polizei gestellt haben.

Helmholtzplatz Ein Sprecher der Berliner Polizei sagte der Jüdischen Allgemeinen, die Polizei sei am Dienstag gegen 20 Uhr in die Raumerstraße nahe des Helmholtzplatzes gerufen worden.In einer Pressemitteilung der Polizei hieß es: Einer der Pöbler habe kurz mit einem Gürtel auf den 21-Jährigen eingeschlagen. Die beiden Begleiter des Angreifers sollen den Mann an weiteren Attacken gehindert haben.

Weiter teilte die Polizei mit: »Die Gruppe entfernte sich vom Tatort, wurde jedoch vom 21-Jährigen verfolgt. Nun nahm der Schläger sich eine Glasflasche und versuchte, den Verfolger damit zu schlagen. Eine couragierte Zeugin ging dazwischen und verhinderte durch ihr beherztes Vorgehen weitere Schläge des Täters. Die Gruppe trennte sich nun und entfernte sich in Richtung Lychener und Gneiststraße. Der 21-Jährige wurde bei dem Angriff leicht verletzt. Der Polizeiliche Staatsschutz beim Landeskriminalamt führt die Ermittlungen und fahndet nach den Unbekannten.«

Dem israelischen TV-Sender »Kan« sagte der 21-jährige Israeli sagte am Mittwoch, er sei überrascht, dass ihm so etwas passiert sei: »Ich bin immer noch geschockt«, so der junge Mann. Er habe zusammen mit einem Freund seine Wohnung in Prenzlauer Berg verlassen. Beide hätten Kippa getragen. Auf der Straße hätten drei Personen unvermittelt angefangen, sie zu beschimpfen. Als der Freund sie aufgefordert habe, damit aufzuhören, seien die drei Personen in Rage geraten. Eine sei daraufhin auf ihn zugelaufen. Es sei ihm wichtig gewesen, zu filmen, weil er der Polizei etwas zur Verfügung stellen wollte, gab der 21-Jährige an.

Rote Linie Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, verurteilte den antisemitischen Angriff scharf. Damit sei erneut eine Rote Linie weit überschritten worden, sagte Schuster am Mittwoch in Berlin. Er sei erschrocken und erschüttert gewesen, als er von dem Vorfall erfahren habe. Er hoffe, dass anhand des Videos, das einer der Betroffenen mit seinem Mobiltelefon machte, der Täter ermittelt werde.

Von der Justiz forderte Schuster ein klares und eindeutiges Zeichen, dass es sich bei dem Vorfall nicht einfach nur um Körperverletzung handele: »Kein Mensch wird als Antisemit geboren«, bemerkte Schuster am Rande einer Tagung, auf der eine neue Internetseite mit Schulmaterialien über das Judentum vorgestellt wurde

Levi Salomon, Sprecher des JFDA, sagte noch am späten Dienstagabend: »Es ist unerträglich anzusehen, dass ein junger jüdischer Mann auf offener Straße im gut situierten Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg angegriffen wird, weil er sich als Jude zu erkennen gibt. Das zeigt, dass jüdische Menschen auch hier nicht sicher sind. Nun sind Politik und Zivilgesellschaft gefragt. Wir brauchen keine Sonntagsreden mehr – es muss gehandelt werden.«

Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, erklärte am Mittwoch: »Dies geschieht nicht zum ersten Mal in dieser Stadt. So wurde 2012 Rabbiner Daniel Alter zusammengeschlagen, und dies ist nur bekannteste Fall.« Politik und Justiz müssten klare Signale setzen, forderte Königsberg: »Wer sich so verhält, stellt sich außerhalb der Rechtsordnung dieses Landes, lehnt die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland ab.«

Reaktionen Außenminister Heiko Mass (SPD) twitterte am Mittwoch: »Wenn junge Männer bei uns attackiert werden, nur weil sie eine Kippa tragen, ist das unerträglich. Juden dürfen sich bei uns nie wieder bedroht fühlen. Wir tragen Verantwortung dafür, uns schützend vor jüdisches Leben zu stellen.«

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), teilte mit: »Ich verurteile diese erneute antisemitische Attacke auf das Schärfste. Antisemitismus gehört nicht zum Berlin, in dem wir leben wollen.« Er sei sicher, dass Polizei und Ermittlungsbehörden alles Notwendige unternehmen, um die Täter zu fassen und der Strafverfolgung zuzuführen.

Auch Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Bündnis 90/Die Grünen) sagte am Mittwoch, er verurteile den gestrigen antisemitischen Angriff auf einen jungen Mann in Berlin ausdrücklich: »Antisemitismus darf in dieser Stadt nicht hingenommen werden.«

RIAS Daher fördere der Senat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS). Er schaffe dadurch Betroffenen nicht nur eine Anlaufstelle, sondern helfe auch der Öffentlichkeit dabei, Antisemitismus in seiner gesamten Breite zu erkennen, so der Justizsenator. Der rot-rot-grüne Berliner Senat hat bisher keinen Antisemitismusbeauftragten berufen.

Eine Veröffentlichung von Fallzahlen durch RIAS verweist unterdessen auf einen möglichen Anstieg judenfeindlicher Vorfälle. Laut der Recherche- und Informationsstelle (RIAS) haben sich 2017 allein 18 antisemitische Übergriffe in Berlin ereignet. Zudem kam es zu 23 Bedrohungen. Laut RIAS ist das ein deutlicher Anstieg antisemitischer Fallzahlen, was aber auch auf eine erhöhte Meldebereitschaft zurückzuführen sein kann.

»Der jüngste Übergriff zeigt, dass bei antisemitischer Gewalt
mittlerweile sämtliche Hemmschwellen gefallen sind. Wir dürfen die Augen vor dem immer häufiger auftretenden Antisemitismus in Teilen der arabischen und muslimischen Community nicht verschließen. Es darf nicht sein, dass Juden auf unseren Straßen zu Freiwild werden«, sagte Deidre Berger, Direktorin des AJC Berlin Ramer Institute for German-Jewish Relations. (mit epd)

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