Hamas

Strategie des Terrors

Foto: REUTERS/Ibraheem Abu Mustafa

Unter einer Kiefer bei Plowdiw im Süden Bulgariens fanden Polizisten einen halb vergrabenen schwarzen Plastiksack. Darin: mehrere angerostete Pistolen, Munition und ein Schnellfeuergewehr. Wie der »Spiegel« berichtet, handelte es sich um ein Waffenversteck der Hamas, womöglich angelegt, um Terroranschläge in Europa zu verüben.

Der Fund steht in direktem Zusammenhang mit den Festnahmen von vier mutmaßlichen Hamas-Mitgliedern in Berlin und Rotterdam im Dezember vergangenen Jahres. Erst durch Fotos auf den Handys der Verdächtigen kamen die Ermittler auf die Spur des Waffendepots. Zwei Monate vor der Festnahme hatten zwei der mutmaßlichen Terroristen, Mohamed B. und Abdelhamid Al A., einen Ausflug nach Polen unternommen. Angeblich zum Wandern, wie sie bei einer Kontrolle sagten.

Doch ihre matschigen Hosen und eine mitgeführte Schaufel lassen die Fahnder vermuten, dass sie dort ein Depot mit Waffen suchten, um sie nach Berlin zu bringen – für mögliche Anschläge auf jüdische Einrichtungen. Die Behörden in Deutschland hatten eine entsprechende Warnung vom israelischen Geheimdienst erhalten.

Geht die Hamas in Europa nun zum Terror über?

Geht die Hamas in Europa nun zum Terror über? »Ich glaube, dass die Faktenlage noch nicht eindeutig genug ist, um zu sagen, dass die Hamas in nächster Zeit Anschläge plant. Die Waffenlager wurden schon vor mehr als zehn Jahren angelegt, und es könnte auch darum gehen, die Waffen näher an Orte zu bringen, an denen man sie in ferner Zukunft gebrauchen könnte«, sagt Peter Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am Kingʼs College in London.

»In der Vergangenheit hat die Hamas aus ihrer Sicht sehr klug agiert und jede terroristische Aktivität außerhalb des Nahen Ostens vermieden. Sie haben nicht einmal israelische Ziele im Ausland angegriffen. Das hat sie in der Vergangenheit geschützt, weil die Sicherheitsbehörden dachten, dass die Hamas ein Problem für Israel, aber nicht für uns sei«, so der Terrorexperte.

Stattdessen nutzte die Hamas Europa, um Spenden zu sammeln, Mitglieder zu rekrutieren und Terroristen zu verstecken, die zu alt oder verbrannt für Einsätze im Gazastreifen waren. »Ein Strategiewechsel wäre aus Sicht der Hamas sehr dumm, weil sie Europa als sicheren Rückzugsraum verlieren würde«, glaubt Neumann.

Für Hans-Jakob Schindler, Direktor des Counter Extremism Project (CEP), hängt die Strategie der Hamas in Europa von ihrer Machtposition im Nahen Osten ab: »Die Verhaftungen im Dezember waren für mich schon ein Zeichen des Strategiewechsels. Bisher hat die Propaganda der Hamas, Israel international zu dämonisieren, sehr gut funktioniert. Jetzt geht es für die Terrorgruppe im Gazastreifen aber ans Eingemachte. Sie könnte in Europa Anschläge verüben, um den Druck etwa auf die deutsche oder französische Regierung zu erhöhen, Israel noch stärker zu verurteilen und damit dazu beizutragen, dass sich die israelische Regierung gezwungen fühlt, die militärischen Operationen weiter einzuschränken oder zu stoppen.«

Dass diese Strategie nach hinten losgeht und die Unterstützung für Israel stärkt, sei zwar wünschenswert, aber in Anbetracht dessen, wie die Debatte um den Krieg im Gazastreifen geführt wird, nicht garantiert.

Je mehr der Druck auf die Hamas in Gaza steigt, desto größer wird die
Terrorgefahr hierzulande.

Die Islamisten sorgen sich aber auch um die Unterstützung aus Teheran. »Das iranische Regime kalkuliert normalerweise eiskalt: Wenn die Hamas an Einfluss verliert, wird die Unterstützung deutlich reduziert werden«, erklärt Schindler. »Wenn die Hamas nicht unter enormem Druck stünde, ihre Nützlichkeit zu beweisen, gäbe es auch nicht regelmäßig Aufrufe an ihre Unterstützer, dass etwas in Deutschland und Europa passieren muss.«

Peter Neumann sieht diesen Mechanismus ebenfalls, glaubt aber nicht, dass der Druck auf die Hamas bereits groß genug ist, als dass die Terroristen auch in Deutschland Anschläge verüben werden. Doch eine Eskalation wäre besonders für Juden gefährlich. »Die Hamas wird für jüdische Gemeinden deutlich gefährlicher als der Islamische Staat. Denn der hatte zwar auch immer jüdische Ziele im Blick, aber nicht ausschließlich. Bei der Hamas wird das umgekehrt sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einen Weihnachtsmarkt angreift, aber sehr wohl Synagogen, jüdische Geschäfte und israelische Einrichtungen.«

Dem Verfassungsschutz zufolge gibt es in Deutschland rund 450 Mitglieder der Hamas

Dem Verfassungsschutz zufolge gibt es in Deutschland rund 450 Mitglieder der Hamas. Die Dunkelziffer der Unterstützer dürfte deutlich höher liegen, auch weil die Sicherheitsbehörden in Deutschland in den vergangenen Jahren wenig gegen die Hamas-Netzwerke unternommen haben.

Die größte islamistische Anschlagsgefahr in Deutschland geht allerdings laut Innenministern Nancy Fae­ser (SPD) vom Islamischen Staat Provinz Khorasan (ISPK) aus, einem Ableger des IS. Dessen Anschlag auf die Crocus City Hall in Moskau mit mehr als 130 Toten war Hans-Jakob Schindler zufolge auch durch die Massaker vom 7. Oktober motiviert: »In den letzten Monaten wurde in Deutschland und Europa eine Dichte an IS-Terrorzellen verhaftet, wie ich sie bisher kaum gesehen habe. Es gibt außerdem offensichtlich seit dem 7. Oktober eine sehr hohe und nachhaltige Bemühung, in Deutschland Terroranschläge zu verüben. Die Hamas-Massaker haben einen enormen Druck auf den IS ausgeübt, weil bis zu dem Anschlag in Moskau kaum noch über ihn gesprochen wurde. Das ist fatal für eine Organisation, die auf die Gelder von Sympathisanten und daher auf mediale Aufmerksamkeit angewiesen ist.«

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