Porträt

Statistische Irritation

»Wenn jemandem das Menschsein abgesprochen wird, dann kann mir das nicht egal sein«: Mehmet Daimagüler ist Opferanwalt im Münchner NSU-Prozess. Foto: imago

Porträt

Statistische Irritation

Der Jurist Mehmet Daimagüler engagiert sich für muslimisch-jüdischen Dialog und gegen Antisemitismus

von André Anchuelo  25.04.2017 17:56 Uhr

Mehmet Daimagüler ist ein Mensch, der in keine Schublade passt. Geboren 1968 im nordrhein-westfälischen Siegen als Sohn türkischer Arbeitsmigranten, lebte der Jurist nach seinem Studium in Bonn, Harvard und Yale und heute in Berlin. Er war Mitglied einer schlagenden Studentenverbindung und ist Liberaler.

Er war Mitglied im FDP-Bundesvorstand und erfreut sich heute als Autor für die »Welt« und die »Zeit« seiner Parteiunabhängigkeit. Er machte Karriere als Unternehmensberater in New York und ist heute der vermutlich bekannteste Opferanwalt im Münchner NSU-Prozess. »Ich bin in jeder Hinsicht eine statistische Irritation«, sagt Daimagüler im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.

Zur FDP kam er während des Studiums, als er unter anderem Mitarbeiter im Büro von Gerhart Baum, später bei Burkhart Hirsch war. Für Politik habe er sich schon immer interessiert, die FDP sei ihm jedoch sogar unsympathisch gewesen. »Aber der Baum und der Hirsch, das waren Typen, die mir gut gefielen.« Dabei habe er nicht erkannt, dass »die rechtsstaatsliberale Strömung eigentlich schon seit 1982 – der Bonner Wende – tot gewesen« sei. 2007 verließ er die Partei.

geschichts-AG Als Daimagüler 1983 als Schüler mit seiner Geschichts-AG eine Ausstellung über alliierte Bombenangriffe auf seine Heimatstadt Siegen organisierte, war er nicht nur mit Rassismus, sondern erstmals auch mit der Verdrängung der deutschen NS-Vergangenheit konfrontiert. »Bei den Diskussionen um die Ausstellung spürte ich das erste Mal diesen Unterton: Da kommt ein Türke daher und will uns unsere Geschichte erklären und unser Ansehen kaputt machen«, erinnert er sich.

Die Auseinandersetzung mit Geschichte, Identität und Fragen nach moralischer Verantwortung ließ ihn nie wieder los. »Ich bin im Alter von 24 Jahren Deutscher geworden, aber das war mehr eine Formalie.« Lange habe es hingegen gedauert, bis er sich selbst klargemacht habe, »dass ich nicht einerseits sagen kann, das ist mein Land, meine Heimat – und dann andererseits um die Zeit zwischen 1933 und 1945 einen Bogen mache«.

Von der in Deutschland, wie er sagt, anhand von Kopftüchern geführten Integrationsdebatte hält er nicht viel. »Welches Verhältnis habe ich zur Geschichte dieses Landes, wie gehe ich damit um?« Auf Basis solcher Fragen finde er die Debatte spannender. »Es geht nicht um persönliche Schuld, es geht um Verantwortung.«

Ignatz Bubis Ein Satz, der auch von Ignatz Bubis stammen könnte. Der verstorbene frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland hat ihn von Anfang an gefördert. »Mit Bubis habe ich mich vielleicht so gut verstanden, gerade weil er so tickte wie ich«, so Daimagüler. Trotz seines Austritts aus der FDP: »Ich habe noch nie so viel Politik gemacht wie jetzt«, sagt der ergraute, aber dynamisch wirkende Endvierziger.

Politisches Engagement definiert sich für ihn schon lange nicht mehr parteipolitisch. Sein nächstes Projekt: Demnächst will er zusammen mit jungen deutschen Juden und einer Gruppe junger Flüchtlinge nach Auschwitz fahren. Er wolle sehen, sagt er, was dieser Ort für Leute bedeute, die noch nicht angekommen seien in Deutschland, aber hier ankommen wollen. »Für mich ist es geradezu die Quintessenz des Deutschseins, dass ich diesen Teil der deutschen Geschichte annehme.« Zwar sei er noch nie in Auschwitz gewesen, aber in Yad Vashem. Der Besuch habe ihn »bis ins Mark erschüttert«.

Dabei gehe es ihm vor allem um die Frage, welcher moralische Imperativ aus der Schoa für die heutige Welt folge. Wenn jemandem das Menschsein abgesprochen werde, dann könne einem das nicht egal sein. Deswegen engagiert er sich gegen Rassismus. Und gegen Antisemitismus – das ist für Daimagüler kein Widerspruch. »Wenn man eine Minderheit repräsentiert, dann ergibt sich die Glaubwürdigkeit nicht daraus, dass man für die Rechte dieser einen Minderheit eintritt, sondern aus der Bereitschaft, für die Rechte aller Menschen zu kämpfen«, sagt er.

israelkritik So sollten türkische und muslimische Organisationen aus seiner Sicht die Ersten sein, die sich beispielsweise auch gegen Antisemitismus einsetzen. Auch unter Muslimen gebe es leider Antisemitismus, der nicht dadurch besser werde, dass er als Israelkritik daherkommt. Angesichts dessen könne er eine gewisse emotionale Distanz von Juden zu Muslimen verstehen.

Umgekehrt, das versuche Daimagüler auch jüdischen Institutionen klarzumachen, habe der NSU eben nicht nur türkische Migranten gehasst und ermordet, sondern sei auch zutiefst antisemitisch gewesen. Wichtig sei, als Demokraten gemeinsam gegen menschenverachtende Ideologien aufzustehen.

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