Replik

Späte Helden

Schlüsselfiguren des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944: Claus Schenk Graf von Stauffenberg (l.) und Albrecht Ritter Mertz Foto: imago

Den betrunkenen Fußballfan, der lauthals verkündet, er selbst hätte den Freistoß locker reingeschossen, belächelt man. Aber in der Weltgeschichte brüllt man gerne mal von der Tribüne: »Schwalbe! Der Stauffenberg hat gar nicht aus Abscheu über den Holocaust gehandelt.« Oder: »Abseits! Stauffenberg ist anfangs gerne in den Krieg gezogen.«

Der Höhepunkt war für mich bislang ein Gespräch unter Bekannten in einem Charlottenburger Café: »Der Stauffenberg war nicht ganz bei der Sache. In so einer Situation musst du doch ein Selbstmordattentat machen. Stellt der einfach sein Köfferchen ab und geht raus, pah, Anfänger!«

GRÖSSE Anscheinend ist es in der Welt nach dem Film Zurück in die Zukunft und den Terroranschlägen vom 11. September für viele Menschen unverständlich, dass man sich noch vor der Selbstoptimierung traut, Ziele anzupacken, und dabei auch noch überleben will. Denn Stauffenberg war genau derjenige, der er sein musste, um in der Lage zu sein, das tun zu können, was er tat.

Ich bin Yogalehrer und möchte dem Historiker keineswegs das Terrain streitig machen. Die Frage, wer der echte Stauffenberg sei, also derjenige, der aus Entsetzen über Hitlers Verbrechen an den ukrainischen Juden gehandelt hat, oder der, der seiner Frau 1939 einen Brief mit antisemitischen Passagen schickte, überlasse ich gerne jedem, der sich hiervon Erkenntnisse verspricht.

Stauffenberg war genau derjenige, der er sein musste, um in der Lage zu sein, das tun zu können, was er tat.

Was mich fasziniert, ist Mut und menschliche Größe. Das Wissen, sich einem Apparat gegenüber zu stellen, der zu jeder Unmenschlichkeit fähig ist. Der womöglich Familie und Bekannte in seine Rache einbeziehen wird. Und trotzdem handelt. Diese unfassbare Geistesgegenwart, die notwendig ist, um so etwas durchzuziehen.

HEILIGENKULT? Wer sich in der heutigen Bundesrepublik über einen »Heiligenkult« der Helden des 20. Juli beschwert, vergisst, dass diese im Nachkriegsdeutschland lange als Verräter galten. Jeder, der etwas getan hatte, bedrohte das »Man konnte doch nichts tun«-Narrativ. Außerdem standen die deutschen Massen auch 1944 noch hinter Hitler. Das darf man nicht verdrängen, wenn man Stauffenberg vorwirft, erst gehandelt zu haben, nachdem schon alles verloren war.

Fakt ist, dass bei einem erfolgreichen Putsch etlichen Menschen das Leben gerettet worden wäre.

Oft hört man, dass es Deutschland an Großerzählungen mangelt, die einem Patriotismusbegriff eine positive Note verleihen könnten. Falls beide Stauffenberg-Versionen stimmen, und er als Antisemit eine Wandlung hin zu Abscheu gegenüber Hitlers Verbrechen gemacht hat, eignet sich diese Biografie dafür nur um so mehr, weil sie ehrlich wäre.

Schon klar: Stauffenberg handelte nicht aus Vorfreude über die erste wieder eröffnete Synagoge. Trotzdem gebührt ihm allerhöchster Respekt.

Handlung Oskar Schindler ging nicht in die Wirtschaft, um Menschen zu retten, und Stauffenberg handelte nicht aus Vorfreude über die erste wieder eröffnete Synagoge. Manche behaupten sogar, selbst Moses hätte das Volk nicht mit »Liebe Israelit/Innen« angeredet.

Halten wir es diesmal frei nach Marx nicht mit denjenigen, die die Welt nur interpretieren, sondern mit denjenigen, die sie verändern. Nicht der Glaube, sondern die Handlung macht die Mitzvah.

Dieser Text ist eine Replik auf den Kommentar »Problematische Erinnerung. Warum die Glorifizierung von Claus Graf Schenk von Stauffenberg und den anderen Attentätern des 20. Juli so irritierend und unangemessen ist«.

Berlin

Deutscher Freundeskreis der Bar-Ilan-Universität gegründet

»Wissenschaft lebt von Offenheit und Zusammenarbeit«, sagt Ron Prosor, Israels Botschafter in Deutschland

 16.09.2026

Washington D.C.

Vance: Iran-Krieg tritt in wenigen Monaten in neue Phase ein

Was wollen die USA in der nächsten Phase des Krieges erreichen?

 16.09.2026

Washington D.C.

USA plant Milliarden-Waffenverkauf an Israel

Die Hintergründe

 16.09.2026

Berlin

Kabinett berät über Maßnahmen für mehr Schutz gegen islamistischen Terror

Sicherheitsinteressen sollen bei Bewährungsentscheidungen stärker zählen und gefährliche Körperverletzungen mit Messern als Verbrechen gewertet werden. Was der neue Maßnahmenkatalog vorsieht

 16.09.2026

Gegen Vorurteile

Über Tattoos, Sport und die Frage, was eigentlich koscher ist - Neuauflage eines Projekts zu jüdischem Leben

Vorne Fotos, hinten Erklärtexte und QR-Codes: Eine neue Box mit Material zu jüdischem Leben in Deutschland ist erschienen. Gedacht ist sie für Schule oder Erwachsenenbildung - und als Beitrag gegen Antisemitismus

von Leticia Witte  16.09.2026

Interview

»Nicht auf Antisemiten setzen«

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) über Prävention von Judenhass an Schulen, die Angst ihrer Mutter und die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus

von Ayala Goldmann  16.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  16.09.2026

Nahost

Geheimes Treffen in Deutschland: Militärchefs beraten über Iran-Krieg

Auch Israels Generalstabschef Eyal Zamir nahm an den Gesprächen an einem unbekannten Ort Teil

 16.09.2026

Frankfurt/Main

Experten: Antisemiten hetzen im Netz inmitten von Lifestyle-Themen

Der Vertrauensverlust in klassische Medien macht TikTok, Youtube und Instagram zur wichtigsten Arena für politische Debatten. Dort müsse der Kampf für die Demokratie stattfinden, betonen Extremismus-Experten

von Christof Bock  15.09.2026