Ausbildung

So werden Lehrer auf Antisemitismus vorbereitet

Vor zwei Jahren sprühten Judenhasser 106 Hakenkreuze an das Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Hamburg-Poppenbüttel. Foto: picture alliance /

Wie sieht jüdisches Leben in Deutschland heute aus? Welche Rolle spielen soziale Medien bei Antisemitismus? Sollten Lehrkräfte parteiisch sein? Und wie funktionieren Verschwörungsmythen? Mit Fragen wie diesen setzen sich Lehramtsstudierende in Würzburg auseinander, um sich für Antisemitismus auf Schulhöfen und in Klassenzimmern zu wappnen.

»An den Schulen kocht manchmal der Nahost-Konflikt im Kleinen hoch«, sagt Ilona Nord. Sie ist Professorin für Evangelische Theologie an der Universität Würzburg, hat dort ein Zentrum für antisemitismuskritische Bildung (CCEA) initiiert und einen Zusatzstudiengang aufgebaut: Zabus - Zertifikat der Antisemitismuskritischen Bildung für Unterricht und Schule - gibt es seit dem Wintersemester 2022/2023. Laut Experten handelt es sich um einen bundesweiten Vorreiterstudiengang.

»Wir sehen Antisemitismus immer mehr in der Mitte der Gesellschaft«, sagt Nord. Zabus soll angehende Lehrerinnen und Lehrer für Antisemitismus sensibilisieren und ihnen zeigen, wie sie reagieren können. Dafür schauen sich die Studierenden schon mal zusammen antisemitische Tiktok-Videos an und überlegen, was sie tun könnten, wenn ihre Schülerinnen und Schüler sich solche Videos ansehen.

»Bilder, die man nicht vergisst«

Gemeinsam erarbeiten sie, wie sie Kinder auf immer noch kursierende antisemitische Karikaturen vorbereiten - wie als vor einigen Jahren Meta-Gründer Mark Zuckerberg als Krake dargestellt wurde. »Das sind Bilder, die man nicht vergisst und die sich in die Seele einbrennen«, meint Professorin Nord.

Seit dem 7. Oktober, dem Tag des Überfalls der Hamas und anderer palästinensischer Terrororganisationen auf Israel, »erleben wir eine furchtbare neue Welle des Judenhasses«, sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) vergangene Woche. Die Zahl israelfeindlicher und antisemitischer Beiträge in sozialen Medien ist ihrem Ministerium zufolge stark gestiegen.

Bereits in den vergangenen Monaten hatten Zahlen des Bundeskriminalamtes eine Zunahme antisemitischer Straftaten in Deutschland gezeigt.

Völkisches Denken bei Schülern

Auch wenn Antisemitismus nicht nur an Schulen vorkommt: Bildungseinrichtungen stehen im jährlichen Bericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in Berlin an dritter Stelle der Tatorte, nach Internet und Straße. »Schulen sind Kristallisationsorte, an denen die gesellschaftlichen Probleme und Tendenzen deutlich sichtbar und auch ausgetragen werden«, sagt der Bayerische Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle. Lehrkräfte müssten dafür gut aus- und fortgebildet sein.

»Ich fand das Thema super spannend, weil es sonst im Studium gar nicht vorkommt«, sagt die 24-jährige Studentin Anna Eberl, die 2022 mit dem Zusatzstudiengang begonnen hat. Jetzt würde sie viel schneller antisemitische Parolen als solche erkennen.

»Als hilfreich habe ich dabei die Biografiearbeit erlebt, also nachzuforschen, was eigentlich meine Familie im Nationalsozialismus gemacht hat und wie wir damit heute umgehen. Leider habe ich dabei ein großes Schweigen erlebt«, sagt Eberl. Das neugewonnene Wissen wirke sich auch auf ihren Umgang mit dem derzeitigen Krieg aus. »Bei Social Media habe ich stark aussortiert«, sagt sie.

Entwicklung eigener Haltung

Nach den Angriffen vom 7. Oktober habe sie von manchen Menschen Dinge gelesen, die sie nicht gutheißen könne. Eine eigene Haltung entwickelt zu haben, hilft laut Professorin Nord vielen der bisherigen Studierenden.

»Wir wollen aber nicht nur die Feuerwehr ausbilden«, so Nord. Das heißt, Lehrerinnen und Lehrer sollen nicht nur wissen, wie sie mit antisemitischen Vorfällen umgehen können. »Sie sollen strukturellem Antisemitismus auch proaktiv vorbeugen und jüdisches Leben sowie antisemitismuskritische Bildung in den Schulalltag einbinden.«

Manche der Zabus-Studierenden haben in Praktika schon erste Erfahrungen gesammelt. Der 27-jährige angehende Realschullehrer Lucas Gäde berichtet, dass er Vorträge über Antisemitismus an der Schule gehalten habe. »Dabei wurde teilweise völkisches Denken bei den Schülerinnen und Schülern zutage gebracht«, so Gäde. Leider reiche der zeitliche Rahmen bisher nicht immer aus, um darauf einzugehen.

Mehr über Judentum lernen

Mehr Hilfen für Lehrer scheinen dringend nötig. »Uns erreichen zuhauf Anfragen von Schulen, wie sie mit Antisemitismus umgehen sollen«, sagt CCEA-Co-Leiterin Judith Petzke. Sie würde am liebsten ansetzten, bevor es zu offensichtlichen Problemen kommt. »Wir haben schon ein Problem, wenn Schülerinnen und Schüler ein Schulbuch aufschlagen und dort Juden-Karikaturen aus der NS-Zeit sehen.«

Bei vielen Kindern und Jugendlichen sei das der erste Kontakt zum Judentum: Juden als Opfer der Schoah. Über aktuelles jüdisches Leben erführen sie wenig.

Auch Professorin Nord wünscht sich eine Abkehr von einer »Betroffenheitsdidaktik«, bei der Schülerinnen und Schüler stark emotional mit Geschichten über Jüdinnen und Juden als Opfer konfrontiert werden. Dies könne dazu führen, dass die Kinder und Jugendlichen des Themas irgendwann überdrüssig seien. Zudem entstehe aus emotionaler Betroffenheit oft keine souveräne Handlungskompetenz.

Antisemitismus an Hochschulen

Doch wie sollen Lehrerinnen und Lehrer nun mit antisemitischen Äußerungen umgehen? Laut Petzke hängt die Antwort immer von der Situation ab. Lehrkräfte müssten deutlich machen, dass bestimmte Äußerungen nicht geduldet werden. »Gleichzeitig kann die Wahrnehmung, dass es ein Tabu gibt und die freie Meinungsäußerung eingeschränkt sei, noch mehr Ressentiment hervorrufen«, sagt Petzke.

Das nenne man paradoxe Effekte. Die Pädagogen sollten daher aktiv über Antisemitismus mit den Schülerinnen und Schülern sprechen. Am besten sei es, wenn Schulen bereits vorab eine Interventionskette überlegt hätten.

Für Ilona Nord ist Solidarität wichtig. Sie berichtet, dass Antisemitismus derzeit auch an Hochschulen präsent sei. »Nicht zuletzt durch rechtspopulistische, AfD-nahe Gruppen«, so Nord. Jüdische Studierende seien nach dem 7. Oktober aufgerufen worden, zur Sicherheit zu Hause zu bleiben. »Das möchten wir nicht hinnehmen«, sagt Nord.

Geschlagen und getreten

Bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt hatte zuletzt der Angriff auf einen jüdischen Studenten der Freien Universität Berlin (FU). Er war Anfang des Monats mit Knochenbrüchen im Gesicht ins Krankenhaus gekommen. Ein propalästinensischer Kommilitone soll ihn auf einer Straße in Berlin-Mitte geschlagen und getreten haben. Die Staatsanwaltschaft geht von einem gezielten Angriff und einem antisemitischen Hintergrund aus.

Der Studiengang in Würzburg hat Vorbildcharakter - und auch an einer Ausweitung wird bereits gefeilt: Es gäbe nicht nur Anfragen zur Fort- und Weiterbildung bestehender Lehrkräfte, heißt es von der Uni. Auch die Nachfrage in anderen Studienfächern wie Rechtswissenschaften, Pädagogik und Diversitätsmanagement sei groß. Künftig könnte das Zusatzstudium daher auch für angehende Diversitätsmanager in Unternehmen offen sein.

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