Holocaust

Sie waren Helden

Es ist eine besondere Geste - gerade in Zeiten deutsch-polnischer Konflikte über die Russlandpolitik: Auf Einladung von Polens Präsident Andrzej Duda hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier heute als erster deutscher Staatsgast zum Jahrestag des Beginns des Warschauer Ghetto-Aufstandes am 19. April eine Gedenkrede gehalten - und zwar vor dem 1948 errichteten Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos, das auch durch Willy Brandts Kniefall von 1970 berühmt wurde.

Heute vor 80 Jahren, am 19. April 1943, hatten sich jüdische Ghetto-Bewohner gegen die Übermacht von SS und Wehrmacht erhoben. Fast vier Wochen dauerte es, bis die SS den Aufstand endgültig niederschlagen konnte.

Erst vor wenigen Wochen hat das Historische Museum der polnischen Juden eine wichtige Entdeckung vorgestellt: die bislang einzigen bekannten Fotos des Aufstands, die nicht von deutschen Besatzern stammen. Sie wurden vom polnischen Feuerwehrmann Leszek Grzywaczewski (1920-1993) angefertigt.

Sein Sohn entdeckte die Negative in einer Kiste mit Filmrollen. Die Bilder zeigen, wie SS und Polizei Ende April 1943 jüdische Bewohner zum Bahnhof führten, von dem sie zumeist ins Vernichtungslager Treblinka transportiert wurden.

Es war die Zeit des Pessachfestes 1943, als ab vier Uhr morgens die deutschen Truppen das Ghetto umstellten. Ziel von SS-Führer Heinrich Himmler war es, Warschau zu Hitlers Geburtstag am 20. April »judenfrei« zu präsentieren. Zu dieser Zeit lebten noch rund 60.000 Menschen eingeschlossen hinter den 18 Kilometer langen Mauern des Ghettos.

Im November 1940 hatten die Deutschen das Ghetto wegen angeblicher Seuchengefahr errichtet und Juden aus ganz Polen dort zusammengepfercht. Zu Spitzenzeiten waren 445.000 Menschen in dem Gebiet im Stadtzentrum eingeschlossen - in katastrophalen hygienischen Verhältnissen und in ständiger Angst vor dem Abtransport in die Todeslager. Übervölkerung und Hunger lösten Typhus und Gelbfieber aus. 6.000 Menschen starben pro Monat. Die Straßen waren mit Leichen übersät.

Viele Juden mussten Zwangsarbeit leisten. Die SS zwang den von ihr eingesetzten Judenrat, bei der Auswahl der zu Deportierenden mitzuentscheiden - und machte ihn somit zum Herren über Leben und Tod. Bereits im Juli 1942 begannen die Nationalsozialisten, das Ghetto zu räumen, bis zum April 1943 wurden 300.000 Menschen in Vernichtungslager deportiert.

Am 19. April 1943 sollten die letzten aus dem Ghetto geholt werden. Mit Widerstand rechnete die SS nicht. Doch 750 spärlich bewaffnete Kämpfer setzten sich zur Wehr. Mit wenigen Pistolen, Messern, Handgranaten und Molotow-Cocktails sowie etwa 100 Gewehren und einem einzigen Maschinengewehr zogen sie in den Kampf gegen mehr als 2000 Soldaten, SS und Polizeikräfte, die durch Panzer, Artillerie und Luftwaffe unterstützt wurden.

Marek Edelman, einer der wenigen überlebenden Anführer des Ghettoaufstands, sagte kurz vor seinem Tod 2009: »Während der ganzen Okkupation war das Hauptproblem, wie man an Waffen kommt. Ständig redeten wir nur über Waffen.«

Das Überraschungsmoment war auf der Seite der Widerstandskämpfer. 200 SS-Männer wurden getötet, der Rest zog sich zunächst zurück. In den ersten Tagen des Aufstandes konnten die Kämpfer die Angriffe zurückschlagen, doch am Ende hatten sie keine Chance. Die Deutschen begannen unter dem SS-Gruppenführer Jürgen Stroop, das Ghetto systematisch in Brand zu stecken.

Insgesamt forderten die Kämpfe mehr als 12.000 Todesopfer. Weitere über 30.000 Menschen wurden anschließend erschossen, 7000 in Vernichtungslager transportiert. Wenigen gelang die Flucht durch die Kanalisation. Am 16. Mai 1943 ließ Stroop die Große Synagoge zerstören. »Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr«, brüstete er sich.

Der Aufstand hat eine enorme symbolische Bedeutung. Er zeigte, dass die Deutschen nicht unbesiegbar waren. Bereits unmittelbar nach dem Ereignis setzte eine durchaus kontroverse Erinnerung ein, die bis heute andauert. Es ging um die Rolle der Polen bei der Judenverfolgung und die Frage, warum es nicht mehr jüdischen Widerstand gegeben hat.

Debatte

Nach der »Spiegel«-Enthüllung: Jetzt spricht Elif Eralp

Die wichtigsten Statements der Linkspartei-Spitzenkandidatin im Überblick

 29.10.2026 Aktualisiert

New York

NYPD stoppt Direktvergabe an israelischen Überwachungstechnik-Hersteller

Linke Politiker und Aktivisten aus dem Umfeld von Bürgermeister Zohran Mamdani hatten den geplanten Kauf eines Ortungssystems kritisiert

 29.10.2026

Straßburg/Prag

Europarat warnt vor zunehmendem Antisemitismus in Tschechien

Sowohl die Zahl als auch die Schwere der Judenhass-Vorfälle nimmt zu

 29.10.2026

Berlin

Wie sich Elif Eralp von Terrorunterstützern mundtot machen lässt

Das Nachrichtenmagazin »Spiegel« hat brisante Hintergründe zur Spitzenkandidatin der Linkspartei veröffentlicht

 29.10.2026 Aktualisiert

Dubai

Verletzter »Fly Dubai«-Pilot für Rettung von Passagieren geehrt

Dem auf einem Flug nach Tel Aviv attackierten und schwer verletzten Kapitän geht es inzwischen besser. In den Vereinigten Arabischen Emirate wurde er nun für seinen Einsatz ausgezeichnet

 29.10.2026

Berlin

Zentralrat der Juden: Linke lässt sich von Vanessa Emde auf der Nase herumtanzen

Josef Schuster: »Solange Positionspapiere nicht von konkreten personellen Konsequenzen auf jeder Ebene begleitet werden, nehme ich der Linken ihr Bekenntnis zum Kampf gegen Antisemitismus nicht ab«

von Imanuel Marcus  29.10.2026

Washington D.C.

Medien: Vance lotet mit Teheran Chance auf Verhandlungen aus

Berichten zufolge bereiten die USA und Israel neue Militärschläge gegen den Terrorsponsor Iran vor. Nun soll es neue Bemühungen um eine diplomatische Lösung geben

 29.10.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  28.10.2026

Brüssel

EU setzt nach Wahl in Israel auf enge Zusammenarbeit

Nach der Parlamentswahl in Israel stehen Verhandlungen über die nächste Regierung an. Die EU will mit ihr zusammenarbeiten – und zugleich bestehende Meinungsverschiedenheiten offen ansprechen

 28.10.2026