Moskau

»Sie haben angefangen« - Putin wäscht seine Hände in Unschuld

Foto: imago images/SNA

Der russische Präsident Wladimir Putin hat den von ihm befohlenen Krieg gegen die Ukraine als eine Art Geiselbefreiung darzustellen versucht. Die Regierung in Kiew und »ihre westlichen Lehrmeister« hätten die Ukraine gekidnappt und das Land faktisch besetzt, sagte Putin am Dienstag in seiner Rede zur Lage der Nation.

Russland versuche, die Ukraine zu befreien. »Wir kämpfen nicht gegen das ukrainische Volk« beteuerte er und kündigte an, Russland werde den New-Start-Atomwaffenvertrag mit den USA suspendieren.

Putin sprach kurz vor dem Jahrestag der russischen Invasion ins Nachbarland vor Abgeordneten, Staatsbediensteten und Soldaten, die in der Ukraine gekämpft haben. Die Rede wurde von allen russischen staatlichen Fernsehsendern ausgestrahlt. Beobachter erwarteten sich davon Aufschlüsse über Putins Sicht auf den nach schweren Rückschlägen für die Invasionstruppen festgefahren Konflikt und dessen weitere Entwicklung.

Der russische Präsident breitete seine persönliche Version der Ereignisse aus, mit der er einmal mehr den Versuch unternahm, seinen Krieg zu rechtfertigen. Nach Putins Lesart kämpft in diesem Konflikt nicht die Ukraine um ihre nackte Existenz, sondern Russland - und verantwortlich dafür ist der Westen.

»Sie sind es, die den Krieg angefangen haben«, behauptete Putin. »Und wir setzen Gewalt ein, um ihn zu beenden.« Seine Soldaten beschützten Zivilisten in Gegenden der Ukraine, die der Kreml illegal annektiert hat. »Wir verteidigen Menschenleben, unser Zuhause«, sagte Putin. »Und der Westen strebt nach uneingeschränkter Herrschaft.«

Putin wiederholte sein Klagelied, mit dem er schon früher versucht hatte, den Krieg als Notwehr Russlands dazustellen. »Die westlichen Eliten versuchen nicht, ihre Ziele zu verbergen, nämlich Russland eine «strategische Niederlage» zuzufügen«, sagte er. »Sie beabsichtigen, den lokalen Konflikt in eine globale Konfrontation zu verwandeln.« Russland sei bereit, darauf zu reagieren, da »es um die Existenz unseres Landes gehen wird«.

Der Westen wisse, dass »es unmöglich ist, Russland auf dem Schlachtfeld zu besiegen«, sagte Putin. Daher sei Russland zum Ziel »aggressiver Informationsattacken« geworden, bei denen »historische Fakten falsch ausgelegt« und die russische Kultur, Religion und russische Werte angegriffen würden.

Zu den westlichen Angriffen zählte Putin auch Wirtschaftssanktionen, die aber nichts bewirken könnten. Er warf den USA und ihren Nato-Verbündeten zudem vor, »an unsere Atomanlagen herankommen« zu wollen. Die USA drängten darauf, die im 2010 geschlossenen Atomwaffenvertrag New Start vereinbarten Inspektionen russischer Nuklearanlagen wieder aufzunehmen.

Gleichzeitig hätten sie der Ukraine geholfen, Drohnenangriffe auf russische Luftwaffenstützpunkte zu starten, auf denen atomwaffenfähige Bomber stationiert sind.

»Und jetzt wollen sie unsere Verteidigungsanlagen inspizieren? - Unter den Bedingungen der heutigen Konfrontation klingt das wie blanker Unsinn«, sagte Putin und kündigte an, Russland werde seine Teilnahme am New-Start-Vertrag aussetzen. Sein Land müsse bereit sein, um Atomwaffentests wiederaufzunehmen, sollten die USA das tun. Russland ziehe sich vorerst aber nicht vollständig aus dem Vertrag zurück, sagte Putin.

New Start begrenzt die Atomwaffenarsenale der USA und Russlands auf jeweils höchstens 1550 Atomsprengköpfe und je 700 Raketen und Bomber. Hinzu kommen weitreichende Inspektionsmöglichkeiten, mit denen die Einhaltung des Abkommens sichergestellt werden soll. Vor zwei Jahren hatten Moskau und Washington den Vertrag kurz vor Auslaufen um fünf Jahre verlängert.

Die Inspektionen sind nach dem Beginn der Corona-Pandemie ausgesetzt worden. Im Herbst 2022 sperrte sich Russland gegen deren Wiederaufnahme und verschob die ebenfalls vorgesehenen Konsultationsgespräche.

2022 hatte Putin keine Rede zur Lage der Nation gehalten, obwohl die Verfassung eine jährliche Ansprache dieser Art vorschreibt. Von der diesjährigen Rede wurden Medien aus Ländern ausgeschlossen, die von der russischen Regierung als »unfreundlich« gesehen werden. Auf der unerwünschten Liste sind Medien der USA, Großbritanniens und der EU.

Analysten hatten nach dem Kurzbesuch von US-Präsident Joe Biden am Montag in Kiew mit harten Tönen gerechnet. Später am Dienstag wollte Biden eine Rede in Warschau halten, in der es um den Einsatz Polens und anderer Verbündeter für die Ukraine gehen dürfte. Biden sehe seine Ansprache nicht als Wettbewerb mit Putin, sagte dessen Nationaler Sicherheitsberater Jake Sullivan. »Das ist kein Redewettstreit«, versicherte er. ap

Krieg

Medien: Trump fordert von Israel Verzicht auf Gegenschläge

Der US-Präsident fordert zugleich den Iran auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und ein Abkommen abzuschließen

 07.06.2026

Krieg

Iran bricht die Waffenruhe und feuert Raketen auf Israel

Was bislang bekannt ist

 07.06.2026 Aktualisiert

Kommentar

Der alte Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026

Meinung

Libanon: Zwischen Anschein und Wirklichkeit

Wer den aktuellen Konflikt verstehen will, darf den Zedernstaat nicht als tragisches Opfer Israels lesen

von Jacques Abramowicz  07.06.2026

Berlin

Verfassungsschutz warnt vor islamistischer Einflussnahme auf deutsche Institutionen

Laut BfV-Chef Sinan Selen geht es nicht um kurzfristige Aktionen, sondern langfristig angelegte Strategien, die auf eine Veränderung politischer Entscheidungsprozesse abzielen

 07.06.2026

Justiz

Richterbund warnt vor Einfluss der AfD auf Justiz

Das Risiko gezielter politischer Eingriffe in die Richterauswahl und in die Strafverfolgung müsse minimiert werden

von Lukas Philippi  07.06.2026

»documenta«

Kulturrat: Antisemitismus letztlich nicht zu verhindern

Olaf Zimmermann will mit einem »Code of Conduct« Antisemitismus, Rassismus »und jedweder anderen Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aktiventgegentreten«

von Susanne Rochholz  07.06.2026 Aktualisiert

NSDAP-Mitgliederkartei

Ein Land durchsucht den Datenschatz

Die Recherche nach der Nazivergangenheit der eigenen Vorfahren scheint neuerdings so einfach wie eine Google-Suche. Auch in manch jüdischer Familie wächst das Interesse. Doch tragen die Erkenntnisse wirklich zur Aufklärung bei?

von Mascha Malburg, Michael Thaidigsmann  07.06.2026

Teheran

Irans neuer Oberster Führer erklärt USA zum Verlierer des Krieges

Der Oberste Führer wirft den Gegnern seines Landes vor, nach dem militärischen Konflikt nun auf psychologische Mittel zu setzen

 05.06.2026