Debatte

»Sehr kontrovers«

Die Frage, wer Jude beziehungsweise Jüdin ist, wird sehr kontrovers diskutiert. Foto: Getty Images/iStockphoto

Die aktuelle Debatte ist alt und kommt immer wieder auf. Die halachische Frage innerhalb des Diskurses kann gar nicht in Kolumnen ausgetragen werden, sondern muss vor allem durch die Gelehrten, unsere Poskim, erörtert werden. Doch darum geht es lange nicht mehr: Es geht um den Willen, ein Teil des jüdischen Volkes zu sein. »Progressive« Stimmen legen dies anders aus als die überwiegende Mehrheit im Judentum. Selbstverständlich darf Personen, die nur einen jüdischen Vater haben, der Zugang zu Aktivitäten der jüdischen Gemeinden und Organisationen nicht verwehrt werden. So handhaben es auch wir als Verband und sichern stets die Teilnahmemöglichkeiten für Gastmitglieder. Doch wer repräsentieren und Verantwortung innerhalb des Verbandes übernehmen möchte, muss selbst entweder eine jüdische Mutter haben oder einen Giur nach den Regeln der beiden Rabbinerkonferenzen (ARK/ORD) vorweisen können. Doch wer, anstatt seine Zugehörigkeit zu klären, stattdessen dem Zentralrat der Juden hier eine Schuld gibt, liegt falsch. Der Zentralrat ist eine politische Dachorganisation seiner Gemeinden. Wer hier vermeintliches Unrecht korrigieren möchte, kann mit den örtlichen jüdischen Gemeinden in Dialog treten oder auch seine eigene Gemeinschaft gründen. Diese Gemeinden können selbst entscheiden, welche Zugangskriterien für eine Mitgliedschaft bestehen. Durch eine Anerkennung unserer beiden Rabbinerkonferenzen ergeben sich folglich Mitgliedsoptionen in überregionalen Verbänden. So bin ich selbst bewusst Mitglied einer Gemeinde, die sich als orthodox geführte Einheitsgemeinde definiert, und dies ist auch gut so. Anderen Auslegungen spreche ich ihre Daseinsberechtigung nicht ab. Brauchen wir tatsächlich einen Konsens? Lasst uns doch alle miteinander sprechen als das, was wir sind. Das ist wahrer Pluralismus.
Michael Movchin, Vorsitzender des Verbands Jüdischer Studenten in Bayern (VJSB)

Gibt es Zufälle? Just in der Woche, als Maxim Billers Polemik über Max Czollek in der ZEIT erschien, erzählte mir meine Mutter von einem Gespräch in ihrer wöchentlichen Bridge-Runde. »Die Gertrud hat übrigens jüdische Vorfahren. Wie ich auch.« »Du hast keine jüdischen Vorfahren, Mama, du bist Jüdin«, antworte ich, »aber woher weiß sie das so genau?« Meine Mutter zuckt mit den Schultern. Seit Vater auf dem jüdischen Friedhof beerdigt wurde, weiß der Seniorinnentreff, dass wir Juden sind. Gertruds Anliegen ist arglos. Sie will sich interessant machen. Will etwas Wichtiges mit meiner Mutter gemein haben. Aber hat sie das? Mit meiner Mutter, deren Großeltern ermordet wurden, die im Waisenhaus versteckt überlebte, die sich aus ihren vielen Verehrern den einzigen Juden rauspickte? Nein. Hat sie nicht. Warum im Land der Schoa so viele Menschen »jüdische Vorfahren« haben wollen, ist eine rhetorische Frage. Die Psychologie von Schuld, Verantwortung, Entlastung und Verdrängung ist lange analysiert. Ist man mit einer jüdischen Identität automatisch Jude? Nein, sagt das Religionsgesetz. Will die Halacha Menschen diskriminieren? Nochmal nein. Ohne eine matrilineare Weitergabe der Zugehörigkeit zum Judentum kann sich jeder, der einen jüdischen Vorfahren aus dem Spätmittelalter herbeifantasiert, Jude oder Jüdin nennen. Es reicht ein einziger Urururgroßvater, und schon hat man entweder matri- oder patrilinear in jeder folgenden Generation bis zur eigenen Geburt immer einen Juden parat. Schlussendlich könnte die halbe deutsche Bevölkerung jüdische Vorfahren vorweisen. Und ich wette, das würde sie. Aus der Schoa würde ein deutsches Trauma, ein furchtbares Versehen. Wussten die meisten Arier nicht, dass auch sie Juden waren? Um einem solchen Irrsinn vorzubeugen, sind die alten rabbinischen Regeln heute wichtiger als in der Antike. Sie sollten gelten! Und was ist nun mit Max Czollek? Wer ihm seine jüdische Identität abspreche, greife seine modernen Ideen einer pluralen, diversen Gesellschaft und seine Kritik an der israelischen Politik an, lese ich im deutschen Feuilleton. Echt jetzt? Brauchst du als linker Deutscher eine jüdische Identität, um glaubwürdiger zu sein? Ich weiß gar nicht, wie ich das fände. Die Vorstellung, dass der historische Ariernachweis durch einen aktuellen Hebräernachweis abgelöst werde, hat was. Mir ist Max Czollek ein einziges Mal vor Jahren bei Limmud begegnet. Sein Projekt »Desintegriert euch!« finde ich immer noch klasse. Um mich für seine Ideen zu begeistern, braucht er kein Jude zu sein. Wenn ihm das dennoch wichtig ist, soll er konvertieren. Ich vermute, er büffelt längst heimlich Kaschrut-Regeln und wird uns demnächst überraschen. Wenn ich seine klugen Ideen recht verstehe, wird auch er nicht wollen, dass die Halacha für Millionen Möchtegern-Juden aufgeweicht werde. Mit einer Ausnahme vielleicht. Vaterjüdinnen und Vaterjuden, Menschen, deren Großmutter väterlicherseits Jüdin war, sollten wir die Tür leichter öffnen! Wenn sie sich der jüdischen Gemeinschaft zugehörig fühlen, sollten wir sie nicht durch einen elend langen Giur quälen. Und sollten sie nicht durch eine Serie nicht bestandener Prüfungen vor dem Beit Din demütigen. Lasst sie uns in einer liebevollen Zeremonie aufnehmen!
Lorenz S. Beckhardt, Journalist und Autor

Die Debatte um Czollek und Biller hat innerhalb, aber auch unglücklicherweise außerhalb der jüdischen Community für viel Aufregung gesorgt. Das Thema, wer Jude ist, bewegt die Gemüter. Weil diese Frage selbstverständlich nicht nur mit den Gesetzen der Halacha beantwortet werden kann, schließlich lebt der Großteil der Juden immer noch in der Diaspora. Und das Leben in der Diaspora, glücklicherweise ohne Ghettos, führt dazu, dass sich Juden in Nichtjuden verlieben und mit ihnen Kinder zeugen. Und nicht jede Nichtjüdin oder nicht jeder Nichtjude ist bereit, einen orthodoxen Giur zu machen, wenn doch das Leben in der Beziehung überhaupt nicht orthodox ist. Ich selbst, mit einem jüdischen Vater und einer nichtjüdischen Mutter in die Welt geschickt, versuchte auch mal mein Glück mit einem Giur. Im Kurs waren ausschließlich Deutsche ohne jüdische Wurzeln. Das Unbehagen, das ich in diesem Zusammenhang spürte, führte zum Abbruch. Aber weil ich viele Vater­juden kenne, weiß ich, dass sie sich nichts mehr wünschen als eine Lösung. Eine individuelle Lösung, die ihren Background, ihre jüdische Identität und ihre Ängste und Unsicherheiten mitdenkt. Diese Lösung muss her. Nennt sie Vaterjuden-Giur oder Statusanerkennung oder was auch immer. Macht sie kürzer, lebensnaher und respektiert die jüdische Sozialisierung dieser Personen, die manchmal stärker sein kann als jene mit einer jüdischen Mutter, weil in den meisten Fällen eben der Mann die Traditionen innerhalb einer Familie definiert, nicht die Frau. Wer weiterhin auf uns herabsieht, als seien wir Juden zweiter Klasse, hat das Problem nicht verstanden und braucht Nachhilfe in Sachen emotionaler Intelligenz. Der Vater meiner Tochter ist Israeli. Wir machten gleich nach ihrer Geburt einen Baby-Giur mit ihr, damit sie die Probleme, die ich hatte, nicht haben wird. Nun lebt ihr Vater wieder in Tel Aviv. Ich darf nicht Mitglied der Jüdischen Gemeinde werden. Sie darf es nicht, weil keines ihrer Elternteile eines ist. Ihre Zukunft sieht so aus: keine Batmizwa, keine Erlaubnis, auf Machane zu fahren. Ist das fair? Macht das Sinn? Werdet ihr so aus der Gemeinde, von deren Mitgliedern mehr als die Hälfte älter als 50 Jahre ist, einen Ort der jüdischen Zukunft machen? Nein! Werdet ihr nicht. Also lasst euch was einfallen. Besser heute als morgen.
Mirna Funk, Autorin

Immer wieder erreichen mich Anfragen von Menschen, die einen jüdischen Vater, aber keine jüdische Mutter haben und daher nicht Mitglieder der Gemeinde sein können. Das können beispielsweise Kinder sein, die in das Alter der Bat- oder Barmizwa kommen und diese feiern wollen. Interessant festzustellen ist, dass es hier häufig die (nichtjüdischen) Mütter sind, die ihre Kinder darin bestärken. Das können erwachsene Menschen sein, die jeweils ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Erfahrungen zu diesem Thema mitbringen. Wird ein Nachweis über die jüdische Religion des Vaters erbracht (wie ein Nachweis bei einer jüdischen Mutter erbracht werden müsste, um Mitglied in einer Gemeinde zu werden), so beschränkt sich die Prozedur der formellen Aufnahme zum Judentum auf das Wesentliche (Beschneidung bei den Männern, Mikwe bei Frauen und Männern). Das Gespräch vor dem Beit Din der Allgemeinen Rabbinerkonferenz ist meist unkompliziert und verläuft in einer guten Atmosphäre.
Rabbiner Alexander Nachama, Landesrabbiner von Thüringen

Hat jemand von einer Diskussion in China gehört, darüber, wer Chinese ist? Oder in Ungarn, wer ein Ungar ist? Oder in einem anderen Land? Wahrscheinlich nicht. Doch die Frage, wer Jude beziehungsweise Jüdin ist, wird sehr kontrovers diskutiert, und das nicht nur in Deutschland. Dies zeigt, dass das jüdische Volk etwas »Unnatürliches« ist, was auch viele nichtjüdische Intellektuelle (zum Beispiel Mark Twain) bemerkt haben. Doch was hält unser »unnatürliches« Volk schon mehr als 3333 Jahre am Leben? Die Halacha! Dieses scheinbar unbequeme und »sperrige« Gesetz hat uns über Tausende Jahre als ein Volk zusammengehalten, egal, wo einzelne Juden lebten, welche Sprache sie sprachen und welche Gerichte sie aßen. Auch früher gab es Versuche, die Halacha zu »aktualisieren«, »anzupassen«, »selbst zu entscheiden«. Doch das halachische Judentum hat alle diese Versuche überlebt, und »Anpasser« wurden, wie zum Beispiel die Karäer, zu Randerscheinungen in der Geschichte. Aber dieselbe Halacha gibt auch jedem die Chance, sich dem jüdischen Volk anzuschließen und ein Teil der g’ttlichen Aufgabe in dieser Welt zu werden.
Rabbiner Elischa Portnoy, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dessau

Von den Nazis als Juden verfolgt, aber für die Juden nicht jüdisch? Tragisch. Jeder Verfolgte hat mein volles Mitgefühl, denn da gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden. Aber weil die Nazis eine andere Definition von Jude-Sein hatten als die Juden selbst, macht es die Verfolgten noch lange nicht zu Juden. Oder sollen wir Juden die Vorgaben der Nazis (oder auch der Sowjets) übernehmen? Die derzeitige Diskussion stört mich aus vielerlei Gründen. So stimmt es beispielsweise nicht, dass Reformrabbiner in den USA jeden Vaterjuden als Juden anerkennen. Gerade in meiner eigenen Familie kenne ich Gegenbeispiele. So einfach ist es eben nicht, wie es oft dargestellt wird. Vor Tausenden Jahren waren fast alle Gesellschaften patriarchalisch. Die Frau folgte dem Mann und lebte so, wie es allgemein gewohnt war, trat dem Volk bei. Mit einem jüdischen Vater wuchs man also jüdisch auf, weswegen die Patrilinearität damals durchaus sinnvoll war. Ein Jude, der eine nichtjüdische Frau heiratet, ist sich dessen bewusst, dass seine Kinder nicht jüdisch sein werden. Auch wenn die Kinder nichts dafürkönnen, hat sich der Vater dafür entschieden. Ist es ihm und seiner Frau wichtig, kann sie konvertieren – oder später das Kind. Im Übrigen ist auch das Argument, nichtjüdische Soldaten kämpfen für Israel, werden aber nicht neben ihren Kameraden begraben, richtig und in gewisser Weise wirklich ungerecht. Aber ist das nicht in allen Ländern so? Jüdische Soldaten werden auf jüdischen Friedhöfen beerdigt, ihre gefallenen katholischen Kameraden auf einem anderen Friedhof. Denn es gibt den Unterschied zwischen Staatsbürgerschaft und Religion. Mein Eindruck ist, dass die meisten sogenannten Vaterjuden, die sich für eine Anerkennung als Juden aussprechen, selbst nicht willens sind, jüdisch im Sinne der Religion zu leben (»Ich bin religiös, aber auf meine Art«). Und wenn sie es sind, was spricht dann dagegen, einen Giur zu machen? Ist es ihnen wirklich so wichtig, wie sie behaupten, dass es ihr Leben dominiert, warum nicht einfach mehr lernen und übertreten?
David Seldner, Bund traditioneller Juden (BtJ)

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