Berlin

Schuster: Zu viele Verfahren werden eingestellt

Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: Marco Limberg / Zentralrat der Juden in Deutschland

Die Aufklärung gegen Antisemitismus sollte nach den Worten von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, schon im Kindergarten beginnen. Gegen Vorurteile gegenüber Juden könne man schon sehr früh etwas unternehmen, sagte Schuster den »Lübecker Nachrichten« (Sonntag). »Aktivitäten im Vorschul- und Schulalter halte ich für ganz wichtig.«

Die Ursachen für Antisemitismus sieht Schuster nicht nur in Unwissenheit, sondern auch in einem »tradierten Antisemitismus«. Die beiden christlichen Kirchen hätten über Jahrhunderte hinweg antijüdische Vorurteile gepredigt. Auch wenn sie ihr Fehlverhalten mittlerweile deutlich gemacht hätten, sei das Bild auch nach der NS-Zeit durch die Generationen weitergegeben worden.

ERINNERUNGSKULTUR Antisemitismus werde aktuell auch dadurch verstärkt, dass die AfD die deutsche Erinnerungskultur infrage stelle oder das Holocaust-Mahnmal in Berlin verunglimpfe, sagte Schuster. Er gehe aber nicht davon aus, dass der Antisemitismus in Deutschland in den letzten Jahren gewachsen sei. Es gebe zahlreiche Untersuchungen, wonach etwa 20 Prozent der Bevölkerung antijüdische Vorurteile hätten. Diese Zahl habe sich seit Jahren nicht verändert. »Aber man traut sich heute zu sagen, was man sich lange Zeit nicht getraut hat.« Auf Worte folgten dann häufig Taten.

Schuster kritisierte, dass zu viele Gerichtsverfahren mit antisemitischem Hintergrund eingestellt würden. Er habe das Gefühl, dass bei antisemitischen Vorfällen in der Justiz »eine gewisse Sehschwäche auf dem rechten Auge herrscht«.

Unterdessen hat der Bundesverband Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) nach einem Bericht der »Welt am Sonntag« vom März 2020 bis zum März dieses Jahres 561 antisemitische Vorfälle mit Bezug zur Corona-Pandemie registriert. Fast 60 Prozent davon ereigneten sich bei Versammlungen und Demonstrationen, heißt es demnach in einer Studie der RIAS für das American Jewish Committee Berlin Ramer Institute.

ALLTAG Juden und Jüdinnen schilderten dem Bericht zufolge auch Alltagssituationen, in denen sie beispielsweise im Supermarkt von Fremden beschimpft und beschuldigt wurden, das Coronavirus in die Welt gesetzt zu haben. Juden würden verantwortlich gemacht für die Pandemie oder auch für staatliche Eindämmungsmaßnahmen gegen das Virus, heißt es demnach in der Untersuchung, die den Zeitraum vom 17. März 2020 bis 17. März 2021 betrachtete.

Daniel Poensgen von RIAS sagte der Zeitung: »Die Proteste am ersten August-Wochenende zeigen, dass es eine Kontinuität hinsichtlich antisemitischer Äußerungen bei Versammlungen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie gibt.« Man habe es hier mit einem verschwörungsideologischen und rechtsextremen Spektrum zu tun, das auch mit Ende der Pandemie nicht einfach verschwinden werde.

Am vergangenen Sonntag hatten Tausende Gegner der Corona-Schutzmaßnahmen trotz Verbots in Berlin demonstriert. epd

Berlin

Zentralrat der Juden warnt vor rot-grün-roter Koalition

Schuster: »Im Kampf gegen Judenhass ist dieses Schauspiel ein echter Offenbarungseid«

 22.10.2026 Aktualisiert

Cyberkriminalität

Hacker greifen Mail-Konten der AfD an

Die AfD ist Opfer eines Hackerangriffs geworden. Im Netz brüsten sich Unbekannte, rund 421.000 AfD-E-Mails veröffentlicht zu haben. Ob die Dateien echt sind, ist aber noch unklar

 22.10.2026

Straßburg

Europäisches Parlament ehrt Internationalen Strafgerichtshof mit Sacharow-Preis

Das Haager Gericht ist umstritten: Zuletzt wurde es von den USA mit Sanktionen belegt. Doch am Donnerstag bekam der IStGH die Rückendeckung der Europaabgeordneten

 22.10.2026

Hessen

Partnerschaftsverein vermutet politisches Motiv hinter Demontage von Netanya-Schildern

Die Städtepartnerschaft zwischen Gießen und Netanya hat eine große historische Bedeutung

 22.10.2026

Washington D.C./Jerusalem/Teheran

USA und Israel bereiten offenbar neue Angriffe auf Iran vor

Die Streitkräfte beider Länder an konkreten Plänen für eine neue Angriffswelle, die nach den amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November beginnen könnte. Wie könnte ein solcher Einsatz aussehen?

 22.10.2026

Washington D.C.

AIPAC beendet direkte Wahlempfehlungen und Wahlkampfspenden

Wie sollen pro-israelische Politiker in den Vereinigten Staaten von nun an unterstützt werden?

 22.10.2026

Hannover

Anklage gegen Niedersachsens AfD-Chef erhoben

Ihm werden Verstöße gegen das Parteiengesetz vorgeworfen, wie die Behörde mitteilte

 21.10.2026

Jerusalem

Schicksalswahl in Israel: Es geht um mehr als Netanjahu

Kann der heutige Ministerpräsident trotz des Versagens vom 7. Oktober und dreier harter Kriegsjahre seine Macht behaupten? Oder gelingt es der liberaleren Opposition, ihn nach Jahren an der Regierungsspitze abzulösen?

von Sara Lemel  21.10.2026

Israel

Eizenkot liegt vor Netanjahu, doch Mehrheit bleibt außer Reichweite

In dieser Situation könnten besonders die kleineren Parteien und die arabischen Listen entscheidenden Einfluss auf die Regierungsbildung gewinnen

 21.10.2026