Justiz

Schusswechsel mit Halle-Attentäter - Polizisten berichten von Einsatz

Jüdische Gemeinde Foto: imago images/Steffen Schellhorn

Ein verwackeltes Handy-Video zeigt einen uniformierten Mann mit Helm, der aus einem Gewehr auf ein Ziel außerhalb des Bildes feuert. Rauch steigt auf, der Schütze lädt nach, schließlich wechselt er zur Fahrerseite. Schüsse sind zu hören, er kippt um und liegt zwischen geöffneter Fahrertür und Auto.

Die Aufnahmen, die am Mittwoch im Prozess zum rechtsextremen Terroranschlag in Halle abgespielt werden, zeigen einen Teil des Schusswechsels, den sich der Attentäter beim rechtsextremen Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 mit der Polizei lieferte. Die Sequenz dauert nicht einmal eine Minute, die Konfrontation am Tattag nur wenig länger.

Die drei Polizisten, die am 9. Oktober 2019 das Feuer erwiderten und versuchten, den Attentäter zu stoppen, sagten am Mittwoch stundenlang als Zeugen vor dem Oberlandesgericht aus. Ob ihnen klar gewesen sei, dass es um Leben und Tod gehe, fragt ein Anwalt der Nebenklage die 33 Jahre alte Polizistin, die den Streifenwagen steuerte: »In dem Moment, in dem jemand mit einer Langwaffe auf Sie zielt, dann denken Sie auch, es ist gleich vorbei.«

Es sei aber hilfreich gewesen, dass sie und viele ihrer Kollegen eine besondere Ausbildung bekommen hätten, in der lebensbedrohliche Einsätze geübt würden, sagt die junge Frau auf Nachfrage. Zuvor hatte ihr gleichaltiger Kollege ausgesagt, der die einzige Maschinenpistole aus dem Funkwagen nahm, auf eine Distanz von etwa 50 Metern auf den Angeklagten schoss und ihn am Hals traf. Vorher habe er noch keinen Schusswechsel im Dienst mitgemacht.

Zu dem Zeitpunkt sei ihm nicht bewusst gewesen, dass er getroffen habe, schildert der Polizist die damalige Lage. Er habe den Täter nach seinen ersten beiden Schüssen nicht mehr gesehen und vermutet, dass er sich hinter der Autotür in Deckung gebracht habe. Als dieser sich wenig später aufrappelt und mit dem Auto davonbraust, schießt der 33-Jährige noch einmal. »Ziel ist es, die Flucht zu verhindern, das ist mir nicht gelungen«, fasst er am Mittwoch zusammen.

Obwohl die Funkstreife nach dem Schusswechsel die Verfolgung aufnahm, verlor sie den Schützen aus den Augen. Ein Transporter, der nicht als Polizeiauto zu erkennen war, folgte seinerzeit dem Täter länger, verlor ihn aber auch. Der Attentäter flüchtete schließlich in den Nachbarkreis und verletzte weitere Menschen, ehe er gefasst werden konnte.

Seit Juli dieses Jahres arbeitet der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Sachsen-Anhalt die Geschehnisse juristisch auf. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 28 Jahre alten Stephan B. vor, »aus einer antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnung heraus einen Mordanschlag auf Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens« geplant zu haben. Der Deutsche hat die Taten gestanden. Nachdem er vergeblich versucht hatte, in die Synagoge einzudringen, tötete er in er Nähe eine 40 Jahre alte Passantin und einen 20 Jahre alten Gast eines nahen Döner-Imbisses.

Die Polizisten beantworten viele Detailfragen dazu, wie Funksprüche genau lauteten, wann sie was sahen, wie die Abstimmung untereinander und mit den anderen Kollegen war. Sie hatten vor Ort Passanten wahrgenommen, auch Autos fuhren durch die noch nicht abgesperrte Innenstadt. Trotzdem habe er auf das Auto des Täters geschossen, sagte der 33-Jährige. »Das hat mich schon Überwindung gekostet.«

Die beiden Polizisten waren nach dem Einsatz zunächst dienstunfähig, beiden wurde eine posttraumatische Belastungsstörung attestiert. Relativ schnell waren sie allerdings wieder im Einsatz. Ihr 51 Jahre alter Kollege, der auch im beschossenen Streifenwagen saß, gab nach 25 Jahren den Job als Streifenpolizist auf und wechselte in den Innendienst. »Ich habe gemerkt, dass der Dienst nicht mehr so sein wird, wie er mal war«, sagt der 51-Jährige. »Ich bin schon mit einem mulmigen Gefühl rausgefahren, manchmal auch mit Angst.«

Nach ihren Schilderungen reagieren die Polizisten auch auf die Kritik am Einsatz, vor allem daran, dass die Beamten nach den ersten Notrufen an der Synagoge zu spät am Tatort gewesen seien. »Kritik kann ich an diesem Polizeieinsatz nicht nachvollziehen«, sagt der 33-Jährige, der auf den Attentäter schoss. Er habe seine Kollegin noch nie so schnell fahren sehen, wie an diesem Tag.

Zudem seien die Regeln beachtet worden, die für lebensbedrohliche Einsätze gelten würden, etwa das Sichern von Tatorten und das Anlegen besonderer Schutzkleidung. »Wir haben alle das Ziel, jeden Abend gesund nach Hause zu kommen, wie alle anderen.«

Teheran

Modschtaba Chamenei bleibt unsichtbar

Der neue »Oberste Führer« des Iran zeigt sich weiter nicht in der Öffentlichkeit. Eine verlesene Botschaft ersetzt seine Neujahrsrede

 20.03.2026

Bern

Schweiz stoppt Waffenexporte an die USA

Wegen ihres strikten Neutralitätsprinzips liefert die Schweiz vorerst keine Waffen mehr an die USA, weil diese am Krieg gegen den Iran beteiligt sind

 20.03.2026

Berlin

DIG kritisiert Deutschlands Rückzug im Verfahren zum angeblichen Genozid gegen Israel

»Deutschland opfert Israel seinen Ambitionen auf einen Sitz im Weltsicherheitsrat«, sagt DIG-Präsident Volker Beck. Und nennt es »schändlich«

 20.03.2026

Bildung

Stille im Vieh-Waggon - Jugendliche fühlen die Geschichte des ehemaligen KZ Bergen-Belsen

Jugendliche aus ganz Europa hören in Bergen-Belsen von Hunger, Enge und Angst - und stehen plötzlich selbst an den Orten des Grauens. Für viele ist der Besuch im früheren Konzentrationslager die erste intensive Begegnung mit der NS-Zeit

von Charlotte Morgenthal  20.03.2026

Argentinien

Argentinien übernimmt IHRA-Vorsitz

Das südamerikanische Land übernimmt die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Als erstes auf dem Kontinent

 20.03.2026

Oslo

Mette-Marit: Epstein hat mich manipuliert

Vertraute Mails und Liebes-Tipps: Ihre Freundschaft mit dem Sexualstraftäter hat Norwegens Kronprinzessin in Bedrängnis gebracht. Jetzt gab Mette-Marit ein Fernsehinterview

 20.03.2026

Meinung

Warum die Stellungnahme der USA beim IGH eine Enttäuschung ist

Die Intervention Washingtons vor dem Internationalen Gerichtshof nimmt zwar Israel gegen den Vorwurf des Genozids in Schutz. Sie liefert den Richtern aber kaum Argumente

von Menachem Z. Rosensaft  20.03.2026

Berlin

Berliner Spitzen-Linke kritisiert Zionismus-Beschluss

Ein Entscheid der niedersächsischen Linken gegen den »real existierenden Zionismus« sorgt auch in der eigenen Partei für Aufregung. Die Spitzenkandidatin für die Berlin-Wahl geht auf Distanz

 20.03.2026

Teheran

Iran meldet Tod von Revolutionsgarde-Sprecher bei Angriffen

Staatliche iranische Medien vermelden den Tod von Ali Mohammad Naini, der seit 2024 die Revolutionsgarde repräsentierte

 20.03.2026