Porträt

Schluss mit lustig

Wolodymyr Selenskyj bei seiner Vereidigung am Montag in Kiew Foto: dpa

Zu Lachen haben die Gäste der feierlichen Amtseinführung des neuen ukrainischen Präsidenten nichts. Zwar ist Wolodymyr Selenskyj als Komiker berühmt geworden. Doch am Montag gibt sich der mit 41 Jahren jüngste Staatschef der Ex-Sowjetrepublik im Parlament in Kiew betont ernst. Er lässt es krachen in seiner Antrittsrede – wie es die Fans seiner Fernsehserie Diener des Volkes – im Original Sluha Narodu – wohl von ihm erwarten. Aber Witze gibt es nicht.

Vielmehr löst der prowestliche Politiker zum Amtsantritt das Parlament auf; empfiehlt der Regierung, nicht immer nur zu schimpfen, ihr seien die Hände gebunden. Sein Rat: Zettel nehmen und Rücktrittserklärung schreiben. Das gehe doch wohl, meint Selenskyj. Der Beifall im Plenarsaal hält sich in Grenzen. Draußen hingegen Begeisterung. Wie einen Star empfangen die Ukrainer Selenskyj bei strahlendem Sonnenschein.

Selenskyj übernimmt nun seine bisher schwerste Rolle.

BÜHNE Schon seit Jahren spielt er einen kecken Präsidenten, der sich unerschrocken die korrupte Machtelite vorknöpft. Auf der echten politischen Bühne soll das Drehbuch nun Wirklichkeit werden. »Neue Bühne. Wir sind bereit«, schrieb er bei Facebook zur Amtsübernahme.

Doch schon kurz nach seiner Antrittsrede schlägt dem Nachfolger des abgewählten Präsidenten Petro Poroschenko der Wind der politischen Realität ins Gesicht. Einige Minister weigern sich, ihre Sachen zu packen. Regierungschef Wladimir Groisman kündigte seinen Rücktritt an. Diskussionen gab es auch, ob die Lage im Parlament wirklich so verfahren ist, dass Selenskyj die Oberste Rada jetzt einfach auflösen durfte.

Neuwahlen sind für ihn deshalb wichtig, damit seine bisher im Parlament nicht vertretene und nach der TV-Serie benannte Partei Diener des Volkes an der Abstimmung teilnehmen kann. Umfragen sehen die Kraft vorn. Erst dann hätte Selenskyj eine eigene Machtbasis.

Wie einen Star bejubeln die Ukrainer den früheren Komiker Selenskyj, als er in Kiew zur Einführung ins Präsidentenamt läuft.

BEGEISTERUNG Auf der Straße äußerten sich Bürger prompt begeistert, dass Selenskyj den erwarteten frischen Wind in die Politik bringe und keine Furcht zeige. »Viele Ukrainer setzen große Hoffnungen auf ihn, dass es besser wird in unserem Land«, sagte ein Passant in eine Fernsehkamera. Die Ex-Sowjetrepublik gehört zu den ärmsten Ländern in Europa und hofft nicht nur auf mehr Wohlstand. Auch der Krieg im Osten lastet auf dem Land. Und Selenskyj verspricht, alles dafür zu tun, dass das Feuer nach fünf Jahren beendet wird.

Doch die Grenzen für den früheren Schauspieler sind offensichtlich. Er ist umgeben von Leuten des Oligarchen Poroschenko. Immer wieder kommt auch die Frage auf, wie stark Selenskyj selbst abhängig ist von dem Oligarchen Igor Kolomoiski, für dessen TV-Sender er gearbeitet hatte. Kolomoiski ist gerade aus Israel in die Ukraine dauerhaft zurückgekehrt.

Nicht zuletzt hat Poroschenko angekündigt, seinen Nachfolger im Auge zu behalten. Da Selenskyj sich bereits festgelegt hat, nur eine Amtszeit zu bleiben, dürften Viele an die Zukunft denken. Poroschenko betonte mehrfach, er wolle in fünf Jahren wieder Präsident werden.

FRIEDENSPLAN Der Wahlverlierer vom 21. April ließ sich zum Ärger Selenskyjs auch bis zuletzt Zeit, seinen Platz zu räumen. Er verteilte noch ruhig Orden und Posten. Auch einen Stolperstein legte Poroschenko ihm noch in den Weg: Das umstrittene Sprachgesetz, das Ukrainisch in allen Sphären des öffentlichen Lebens zum Standard machen soll. Ausnahmen für die russischsprachigen Gebiete der Ostukraine oder gar sprachliche Autonomie – wie im Friedensplan von Minsk festgeschrieben – sieht das Gesetz nicht vor.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat bisher nicht gratuliert.

Und da wirkte es für manche aus Poroschenkos Lager bei der Amtseinführung wie ein Affront, als Selenskyj in seiner Rede in seine Muttersprache Russisch wechselte und den Menschen im Donbass auf diese Weise symbolisch die Hand reichte. Doch einfach zurücknehmen kann er das umstrittene Gesetz nicht. Auch außenpolitisch könnte Selenskyj nach seinem Höhenflug mit historischen 73 Prozent der Stimmen bei der Wahl schnell auf den Boden der Tatsachen landen.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat bisher nicht gratuliert. Er wolle erst Fortschritte sehen im russisch-ukrainischen Verhältnis, sagte ein Kremlsprecher nach der Antrittsrede. Dabei lächelte Moskau auch Selenskyjs Forderung nach einer Rückgabe der Schwarzmeer-Halbinsel Krim weg. Und auch im Donbass stehen die Zeichen eher noch auf Konfrontation. Zuletzt gab Putin mit der erleichterten Vergabe russischer Pässe an die Einwohner der ostukrainischen Separatistengebiete das Tempo vor.

RUSSLAND Nach Umfragen hat Selenskyj zumindest ein klares Mandat für direkte Verhandlungen mit dem Kreml und sogar mit den Chefs der Separatistenrepubliken Donezk und Luhansk selbst. Poroschenko lehnte diesen Dialog stets ab. Und zumindest blieb in Moskau nicht unbemerkt, dass Selenskyj im Gegensatz zu Poroschenko keinen verbalen Dauerangriff gegen den »Aggressor Russland« fährt.

Ende des Jahres laufen die 2009 nach dem russisch-ukrainischen Gaskonflikt geschlossenen Verträge aus.

Während sich Selenskyj wie Poroschenko der breiten Unterstützung der EU und der USA sicher sein kann, dürfte sich am Umgang mit Russland für das Land viel entscheiden. Ganz akut ist etwa das Problem der Energieversorgung der Ukraine. Ende des Jahres laufen die 2009 nach dem russisch-ukrainischen Gaskonflikt geschlossenen Verträge aus. Für Kiew steht dabei eine Menge auf dem Spiel. »Für die Ukraine wäre der Verlust des Transitflusses eine Einbuße von drei Milliarden Dollar. Das sind fast drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts«, warnte der Chef des staatlichen Gaskonzerns Naftogaz, Andrej Kobolew.

Russland hatte sich zuletzt zwar bereiterklärt, den Transit beizubehalten. Mit der neuen Ostseepipeline Nord Stream 2 aber wäre Russland künftig nicht mehr auf das Transitland Ukraine angewiesen.

NSDAP-Mitgliederkartei

Ein Land durchsucht den Datenschatz

Die Recherche nach der Nazivergangenheit der eigenen Vorfahren scheint neuerdings so einfach wie eine Google-Suche. Auch in manch jüdischer Familie wächst das Interesse. Doch tragen die Erkenntnisse wirklich zur Aufklärung bei?

von Mascha Malburg, Michael Thaidigsmann  15.06.2026 Aktualisiert

In eigener Sache

Jüdische Allgemeine depubliziert Texte von Stephan-Andreas Casdorff

Die Prüfung mit spezialisierter Software legt Nahe, dass zwei Kommentare des »Tagesspiegel«-Editor-at-Large in dieser Zeitung von einer KI geschrieben wurden

 15.06.2026

Nahost

Hisbollah: Waffenruhe gilt auch für Libanon

Die geplante 60-tägige Waffenruhe zwischen den USA und Iran gelte auch für den Libanon, behauptet die Terror-Miliz. Doch eine Bestätigung gibt es dafür nicht

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Berlin

Streit um die Landesansprechperson für Antisemitismus

Recherchen des »Tagesspiegel« zufolge geht es bei der Suche nach einem Antisemitismusbeauftragten für die Berliner Hochschulen längst nicht mehr nur um die Belange der jüdischen Studierenden, sondern auch um Politik

 15.06.2026

Diplomatie

Macron will schnell Minen in Straße von Hormus räumen

Noch ist die Tinte nicht auf dem Abkommen zwischen den USA und Iran, doch Frankreichs Präsident signalisiert seine Bereitschaft »sehr schnell zu handeln«

 15.06.2026

Wirtschaft

Iran will Gebühren für Straße von Hormus verlangen

US-Präsident Donald Trump hat die Straße von Hormus für geöffnet erklärt. Aber Details eines US-Iran-Rahmenabkommens sind noch unklar. Im Iran fordern Stimmen Gebühren für die Durchfahrt der Meerenge

 15.06.2026

Meinung

Ein beschämender Deal

Israel und die USA haben den Iran zwar militärisch geschwächt. Dennoch haben sie keines ihrer Kriegsziele erreicht. Mit dem sich nun abzeichnenden Abkommen belohnt Präsident Donald Trump das mörderische Mullah-Regime

von Michael Roth  15.06.2026

Nahost

Die Stolpersteine beim Abkommen zwischen den USA und Iran

Die Umsetzung des Gaza-Abkommens steckt fest, Israel will seine Truppen aufgrund des Verhaltens der Terrororganisation Hisbollah nicht aus dem Libanon abziehen. Droht dem Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran das gleiche Schicksal?

 15.06.2026