Bundesverfassungsgericht

Rüge für diskriminierende Einbürgerungspraxis

Mit einem Gesetz will die Bundesregierung die Einbürgerung und den Zugang zum deutschen Pass erleichtern. Foto: imago/CHROMORANGE

Das Bundesverfassungsgericht hat einer US-Bürgerin recht gegeben, die sich über die Ablehnung ihres Antrags auf die deutsche Staatsangehörigkeit beschwert hatte.

Die obersten Richter stellten in einem am Donnerstag verkündeten Urteil fest, dass auch nichteheliche Nachfahren von ausgebürgerten deutschen Juden und anderen NS-Opfern ein Recht auf Wiedereinbürgerung nach Artikel 116 des Grundgesetzes hätten.

Geklagt hatte die Tochter eines 1921 geborenen jüdischen Emigranten, der in die USA geflohen und von den Nazis ausgebürgert worden war. Ihr war von den deutschen Behörden die Einbürgerung verwehrt worden. Zur Begründung hieß es: Sie besitze als nichteheliches Kind grundsätzlich kein Anrecht auf die deutsche Staatsangehörigkeit. Nach Ansicht der Kammer des Zweiten Senats verstößt das gegen »grundlegende Wertentscheidungen des Grundgesetzes«.

WERTENTSCHEIDUNGEN Aus der deutschen Verfassung ergebe sich, dass alle Kinder gleich zu behandeln seien – ungeachtet ihres Familienstands. Im vorliegenden Fall sei dies nicht geschehen. Es liege, so das Bundesverfassungsgericht, auch ein Verstoß gegen das Gebot der Gleichberechtigung von Mann und Frau vor, wenn der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit nur im Verhältnis zur Mutter anerkannt werde. Die Eltern waren nicht verheiratet, der Vater erkannte sie später aber als sein Kind an. 2013 beantragte die Frau die Einbürgerung nach Artikel 116 und hatte ihren Wohnsitz in Deutschland.

Das Bundesverwaltungsamt lehnte ihren Antrag jedoch ab. Der Vater der Antragstellerin habe zwar zu dem im Grundgesetz genannten Personenkreis gehört. Da sie aber nichtehelich geboren worden sei, hätte sie den Anspruch auf die deutsche Staatsangehörigkeit zum damaligen Zeitpunkt gar nicht von ihrem Vater erwerben können, begründete die Behörde den Entscheid. Eine Klage vor den Verwaltungsgerichten dagegen verlief erfolglos, und die Antragstellerin wandte sich schließlich mit einer Beschwerde an das Bundesverfassungsgericht.

GLEICHSTELLUNG Dieses stellte nun in letzter Instanz fest, dass bei der Anwendung des Staatsbürgerschaftsrechts Kinder ausgebürgerter Deutscher nicht wegen ihrer nichtehelichen Geburt benachteiligt werden dürften. Eine unterschiedliche Behandlung sei nur dann gerechtfertigt, wenn sie erforderlich sei, um die Gleichstellung von nichtehelichen mit ehelichen Kindern zu erreichen und ein legitimes Ziel verfolge.

Bei der Interpretation von Artikel 116 des Grundgesetzes hätten im vorliegenden Fall Verwaltung und Gerichte einen zu engen Abkömmlingsbegriff angewendet und ferner auch nicht beachtet, dass die Interpretation dieses Begriffs auch die nichtehelichen Nachfahren eines ausgebürgerten deutschen Vaters umfassen müsse.

Eine Eingrenzung auf »eheliche Abkömmlinge« lasse sich dem Artikel 116 nicht zwingend entnehmen. »Die Ausbürgerung von jüdischen Staatsbürgern im Sinne der nationalsozialistischen Gesetzgebung bleibt ein historisches Geschehen, das als solches nicht nachträglich beseitigt werden kann. Art. 116 Abs. 2 GG will aber das Unrecht, das den ausgebürgerten Verfolgten angetan worden ist, im Rahmen des Möglichen ausgleichen«, urteilten die Richter.

Berlin

Julia Klöckner ruft zum Kampf gegen Antisemitismus auf

Die Bundestagspräsidentin erinnert an die Opfer des 7. Oktober 2023 in Israel. Ihre Botschaft: Antisemiten müssten in die Schranken gewiesen werden

 07.10.2026

Bettina König (SPD), Kerstin Wolter (Die Linke) und Nina Stahr (Grüne, v.l.) vor dem ersten Vorsondierungsgespräch, 1. Oktober

Nach der Wahl

Linke, Grüne und SPD in Berlin beraten über Umgang mit Antisemitismus

Die Regierungsbildung ist noch nicht richtig in Gang gekommen. Nun treffen sich Linke, Grüne und SPD zu einem dritten Vorgespräch – an einem historischen Tag. Prominente warnen vor Rot-Grün-Rot

 07.10.2026

Meinung

Magdeburg: Versagen der Demokraten

Nach der Wahl eines AfD-Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt: Wie der Vormarsch der Rechtsextremen weitergeht, hängt auch von den demokratischen Parteien ab. Jetzt wären Zusammenhalt, Disziplin und Führung gefragt

von Michael Thaidigsmann  07.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  07.10.2026

Islamismus

Studie: Nach Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg verlagern sich Netzwerke nach Frankfurt

Einer neuen Untersuchung von American Jewish Committee Berlin und democ zufolge bestehen die Strukturen des vom Iran gesponserten schiitischen Islamismus in Deutschland fort

 07.10.2026

Berlin

Fischer, Thierse, Altmaier – Prominente warnen vor Rot-Grün-Rot

Frühere Spitzenpolitiker von SPD, Grünen und CDU wenden sich gegen eine Koalition mit der Linkspartei in der Hauptstadt. Sie sähen gemeinsame Grundüberzeugungen zu Rechtsstaat und Demokratie nicht gesichert, heißt es in einem Appell

 07.10.2026

Berlin

Initiative von Jüdinnen und Juden wendet sich gegen Koalition mit der Linken

Mit einem offenen Brief an Vertreter von SPD und Grünen in Berlin und auf Bundesebene sowie ihre Fraktionsmitglieder warnen die Unterzeichnenden vor einer Regierung mit der Linkspartei in der Hauptstadt

 07.10.2026

Justiz

Fast 12.500 Strafverfahren zum Nahost-Konflikt in Berlin

Seit dem Terrorangriff auf Israel hat der Antisemitismus zugenommen. Keine Woche vergeht in Berlin ohne Demonstrationen zum Gaza-Krieg. Wie aufgeheizt die Stimmung ist, zeigen auch Zahlen der Justiz

 07.10.2026

Antisemitismus

Nach Angriff auf jüdischen Mann in Düsseldorf: Verdächtige ermittelt

Eine Woche nach dem Angriff auf einen deutschen Juden am Rheinufer in Düsseldorf hat die Polizei nun zwei Tatverdächtige ermittelt. Was bislang bekannt ist

 07.10.2026