Interview

Ronen Steinke: Bedrohte Juden nicht alleine lassen

Der Jurist und Journalist Ronen Steinke Foto: RS

Interview

Ronen Steinke: Bedrohte Juden nicht alleine lassen

Drei Fragen an den Juristen zum Prozess gegen den Halle-Attentäter

von Elisa Makowski  20.07.2020 09:25 Uhr

Der Autor Ronen Steinke fordert in seinem neuen Buch »Terror gegen Juden« einen besseren Schutz jüdischer Einrichtungen in Deutschland. Selbst wenn sich Juden bei einer konkreten Bedrohung an die Polizei wendeten, bedeute das nicht, dass ein offizielles Schutzkonzept erarbeitet werde, sagte der Jurist in unserem Kurzinterview. »Dabei wäre es Aufgabe der Behörden, bedrohte Minderheiten konsequenter zu schützen«, kritisierte Steinke, der auch Redakteur der »Süddeutschen Zeitung« in München ist.

Herr Steinke, an diesem Dienstag soll der Prozess gegen den Attentäter von Halle, Stephan B., beginnen. Was erhoffen Sie sich von dem Prozess?
Ich bin neugierig, wie man mit den Opfern umgehen wird. Bleiben sie Zaungäste oder werden sie zu richtigen Beteiligten, denen man zuhört? Ich bin auch gespannt, ob man die Tat in einen größeren politischen Kontext stellt. Die Attentäter von Christchurch, Halle, Pittsburgh - sie alle bedienen sich der einen Verschwörungserzählung, wonach die westlichen Länder gezielt verunreinigt würden durch den Zuzug von Muslimen, Latinos und Schwarzen, und wonach Juden hierbei die Drähte ziehen. Dieses Narrativ greift Juden und Muslime gleichermaßen an.

In Ihrem Buch kritisieren Sie, dass jüdische Einrichtungen trotz Hass und Bedrohungen nicht ausreichend geschützt würden, selbst wenn sie bereits Opfer antisemitischer Anschläge wurden.
Die Erfahrung jüdischer Gemeinden in Deutschland ist, dass sie sich bei einer Bedrohung an die Polizei wenden können, aber das dies nicht bedeutet, dass sie sich dann auch auf ein offizielles Schutzkonzept verlassen können. Das Landeskriminalamt kommt, stellt eine Bedrohungslage durch Rechtsextreme oder Islamisten fest und geht wieder. Sie werden alleine gelassen. Die jüdischen Gemeinden können dann versuchen, Anträge auf Hilfe zu stellen, das dauert Monate, manchmal Jahre.

Wie erklären Sie sich diese Untätigkeit?
Nachdem sie Kontakt gesucht haben zu Sicherheitsbehörden entsteht bei marginalisierten Gruppen - nicht nur Juden – oft der Eindruck, ihre Nöte würden als eine Art Sonderwünsche gewertet. Die Botschaft dahinter ist: Ihr gehört nicht dazu. Dadurch wird die Ausgrenzung von Juden von offizieller Seite zementiert. Betroffene von Hasskriminalität scheuen wegen solche Erfahrungen oft den Gang zur Polizei und wenden sich eher erst an Opferberatungsstellen. Im Grunde ist das ein Misstrauensvotum gegen den Staat und das darf einer Demokratie keine Ruhe lassen.

Mit dem Juristen und Journalisten sprach Elisa Makowski.

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Berlin

Merz lehnt Apartheid-Vergleich von Israel entschieden ab

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat Israel mit einem Apartheid-System verglichen. Merz widerspricht sehr deutlich

 18.06.2026

Washington

US-Vize Vance verbittet sich israelische Kritik an Trump

Aus der israelischen Regierung wird Kritik laut – nicht nur am Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran, sondern auch an Präsident Trump. Dessen Vize kann mit damit allerdings gar nichts anfangen

 18.06.2026

Kommentar

Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde

Bisweilen wirkt die Debatte um KI-generierte Texte absurd. Denn die Qualität eines Arguments sollte entscheidender sein als sein Urheber

von Leeor Engländer  18.06.2026

Meinung

Wie Höcke die AfD zur Abrissbirne der Demokratie machen will

Die jüngsten Aussagen des Thüringer AfD-Chefs zeigen einmal mehr, wes Geistes Kind Björn Höcke ist und was er mit Deutschland vorhat: nichts Gutes

von Michael Thaidigsmann  18.06.2026

Wirtschaft

Weiter wenig Schiffsverkehr durch Straße von Hormus

Vor dem Krieg passierten täglich Hunderte Schiffe die Meerenge. Dann kam der Verkehr weitgehend zum Erliegen, weil der Iran Reedern drohte. Kommt nach der Einigung mit den USA ein Aufschwung?

 18.06.2026

Interview

»Die Anständigen sind zu leise«

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) über Antisemitismus, wachsende Zustimmung zur AfD und die Rolle sozialer Medien

von Michael Thaidigsmann  18.06.2026

Diplomatie

Israel bricht Beziehungen zu EU-Außenbeauftragter Kallas ab

Außenminister Gideon Sa’ar will mit Kaja Kallas so lange nicht mehr reden, bis sie sich für ihren Vorwurf, Israel praktiziere Apartheid, entschuldigt

von Michael Thaidigsmann  18.06.2026

Bremen

Acht Meter breite Parolen an Schulen gesprüht

Unbekannte haben zwei Schulzentren im Bremer Stadtteil Walle mit großflächigen Farbschmierereien beschädigt. Sie schrieben unter anderem »FCK ISRAEL« und »Free Palestine«

 18.06.2026