Bundestag

Recht schnittig

Ein einziges Mal gab es Beifall im Rechtsausschuss des Bundestags. Da hatte Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, bei einer öffentlichen Anhörung sein Plädoyer gegen das geplante Beschneidungsgesetz mit der Formulierung abgeschlossen, es sei »eine Bagatellisierung von Körperverletzung«. Doch Beifalls- und Unmutsäußerungen sind im Rechtsausschuss nicht erlaubt, und der Ausschussvorsitzende, Siegfried Kauder (CDU), sorgte schnell für Ruhe.

lesung Nachdem der Bundestag am vergangenen Donnerstag in erster Lesung sowohl den Entwurf der Bundesregierung als auch einen alternativen Entwurf von Abgeordneten der Oppositionsfraktionen diskutiert hatte, lud der Rechtsausschuss am Montag elf Experten ein. Die Bundesregierung will mit breiter Zustimmung in allen Fraktionen die Beschneidung von Knaben aus religiösen Gründen prinzipiell legalisieren. Eine Beschneidung bis zum sechsten Lebensmonat soll auch durch einen Mohel möglich sein.

Der Alternativentwurf, der von den kinderpolitischen Sprecherinnen der SPD, der Grünen und der Linken, Marlene Rupprecht, Katja Dörner und Diana Golze, vorgelegt wurde und bislang von 66 Abgeordneten unterstützt wird, fordert ein Mindestalter von 14 Jahren für eine religiöse Beschneidung.

Experten Im Rechtsausschuss kamen Mediziner, Juristen und Vertreter der betroffenen Religionsgemeinschaften zu Wort. Für den Zentralrat der Juden sprach dessen Generalsekretär Stephan J. Kramer. Der Zentralrat der Muslime war durch den Vorsitzenden Aiman A. Mazyek vertreten. Als Expertin für medizinische Fragen war unter anderem Antje Yael Deusel geladen, Rabbinerin und Urologin aus Bamberg. Juristische Fragen beantworteten auch Hans Michael Heinig, Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht der Universität Göttingen, und Reinhard Merkel von der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Hamburg.

Das Gros der Experten sprach sich für den Entwurf der Bundesregierung aus. Mit Blick auf die Debatte, wie sie sich seit dem Urteil des Kölner Landgerichts im Sommer entwickelt hatte, sprach Stephan J. Kramer davon, dass sich das deutsche Judentum der Diskussion gestellt hätte. Das zeige sich unter anderem darin, dass an einer Zertifizierung gearbeitet werde, um die Qualität der Mohalim sicherzustellen. Es gehe aber nicht nur um den medizinischen Akt, es sei vor allem ein Ritus. Daher müsse bei der Brit Mila immer ein Mohel oder Rabbiner anwesend sein.

Wenn die Beschneidung erst ab dem 14. Lebensjahr erlaubt sei, dann sei für den betroffenen Jungen auch keine Barmizwa, keine Teilnahme am Sederabend und, sollte er früh sterben, auch keine jüdische Beerdigung möglich. Sollte das Gesetz werden, so Kramer, stelle sich die Frage: »Was haben wir in diesem Land verloren?« Schließlich sei die Brit Mila »kein Akt der Folter«, sondern ein Initiationsritus. »Die religiöse Prägung gehört zum Kindeswohl.« Zudem führe Beschneidung »nicht zu einer Behinderung oder zu einer Verschlechterung des körperlichen Zustandes«.

risiko Der Hamburger Rechtswissenschaftler Reinhard Merkel hob auf einen »statistisch gesicherten Prozentsatz gravierender Komplikationen« ab. Dieser stelle ein nicht tolerierbares Risiko dar. »Das reicht in anderen Fällen für ein sofortiges Verbot«, so Merkel.

Hans Kristof Graf, Chefarzt am Jüdischen Krankenhaus Berlin, hielt dagegen, dass es in seinem Haus, das in den vergangenen zehn Jahren über 1500 Beschneidungen durchgeführt hat, nur einmal zu einer Komplikation gekommen sei: Nachblutungen bei einem vierjährigen Jungen, der sich selbst die Nähte und den Verband abriss.

Stephan J. Kramer wies die »Pauschalunterstellung« zurück, der Zentralrat diffamiere jede Kritik an der Beschneidung als antisemitisch. Auch der Göttinger Jurist Hans-Michael Heinig meinte, man könne natürlich gegen Beschneidung sein, ohne antisemitisch zu sein – »aber man muss auf seine Sprache achten«.

Emotional war die Anhörung des Rechtsausschusses nicht, sieht man vom vereinzelt gebliebenen Beifallsausbruch für Wolfram Hartmann ab. Verschiedene Politiker, etwa die CDU-Abgeordnete Elisabeth Winkelmeier-Becker, bekannten vielmehr, dass ihnen die Anhörung wichtig war, weil sie noch nicht sicher seien, wie sie sich positionieren sollten.

The OpenAI logo is displayed on a mobile phone screen in this photo illustration, as artificial intelligence tools continue to expand across consumer and business applications in Brussels, Belgium, on February 28, 2026. (Photo by Jonathan Raa/NurPhoto)

Meinung

KI: Wie die Welt einmal untergehen könnte

Der Kontrollverlust der Softwarefirma OpenAI über ihr neuestes Modell macht erneut die Notwendigkeit deutlich, KI-Technologie stärker zu regulieren. Dabei geht es um nicht weniger als die Zukunft der Menschheit

von Joshua Schultheis  28.07.2026

Dresden

Petition wirft AfD Missbrauch der Marke Simson vor

Die Traditionsmarke Simson steht für eine erfolgreiche Firmengeschichte. Die AfD nutzt das positive Image, das stößt auf Widerstand

 28.07.2026

Terror

Nach dem CSD-Anschlag: Wo Berlin trauert

Blumen, Botschaften und Regenbogenflaggen: Im Berliner Tiergarten suchen Menschen Trost am Ort des Terroranschlags. Was ein Notfallseelsorger erzählt

 28.07.2026

Berlin

Bekennervideo des mutmaßlichen CSD-Attentäters auf Mobiltelefon entdeckt

Was ist in der Aufnahme zu sehen?

 28.07.2026

Meinung

Wir müssen darüber sprechen, was der Terror mit dem Islam zu tun hat

Die islamistische Ideologie muss endlich als solche benannt werden – auch weil Muslime zu den ersten Opfern der Terroristen gehören

von Ali Ertan Toprak  28.07.2026

München

Deutsche Post will Davidstern-Briefmarke doch drucken

Die Poste lehnte eine Briefmarke mit einem Davidstern und dem Schriftzug »Antisemitismus – ohne mich!« erst ab. Nach Kritik hat sie sich nun umentschieden

 28.07.2026 Aktualisiert

Washington D.C./Rom

USA kündigen weitere Gespräche zwischen Israel und Libanon in Rom an

Nach jahrzehntelangem Kriegszustand gab es zuletzt Annäherungsversuche zwischen Jerusalem und der libanesischen Regierung. Die USA als Vermittler setzen vor allem auf den Erfolg sogenannter Pilotzonen

 28.07.2026

Washington D.C.

Trump weist Netanjahus Kritik an möglichem F-35-Verkauf an die Türkei zurück

»Niemand schreibt mir vor, was wir verkaufen sollen«, sagt der amerikanische Präsident vor seinem Treffen mit Benjamin Netanjahu

 28.07.2026

Berlin

Ahmad Mansour: Müssen schneller sein als Islamisten

Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD fordert der Psychologe und Extremismus-Experte umfassende Präventionskonzepte gegen Radikalisierung. Einen Vorschlag des Bundesinnenministers sieht er allerdings kritisch

 28.07.2026