Brit Mila

Rabbiner angezeigt

David Goldberg: seit 1997 Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Hof Foto: dpa

Brit Mila

Rabbiner angezeigt

Staatsanwaltschaft Hof prüft Ermittlung

von Martin Krauss  22.08.2012 09:56 Uhr

»Für mich hat sich nichts geändert«, hatte Rabbiner David Goldberg aus dem oberfränkischen Hof vor einer Woche gesagt, als die »taz« ihn zum geforderten Beschneidungsverbot befragte. Nun ist gegen den 64-jährigen orthodoxen Gemeinderabbiner, der auch Mohel ist, Strafanzeige wegen Körperverletzung erstattet worden. Das hat der Leitende Oberstaatsanwalt Gerhard Schmitt der Jüdischen Allgemeinen bestätigt.

Es handelt sich bei dem Anzeigenerstatter um Sebastian Guevara Kamm, einen Arzt aus dem hessischen Pohlheim. Er soll sich auf das Urteil des Kölner Landgerichts beziehen, wonach Beschneidung aus religiösen Motiven als strafbare Körperverletzung zu gelten habe.

Ob es zu einem Ermittlungs- und Strafverfahren kommt, müssen die Hofer Staatsanwälte nun prüfen. »Das wird sicherlich eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen«, erklärte Schmitt. Dabei seien »sehr viele verschiedene Aspekte zu berücksichtigen«, dieser Fall werde, wie bei jeder Anzeige, gründlich und umfassend geprüft.

beschuldigung Rabbiner Goldberg ist seit vielen Jahren als Mohel tätig, weit über Franken und Bayern hinaus. Über die Strafanzeige wurde er erst von Journalisten informiert, die ihn anriefen, sagte er am Mittwochvormittag. Er verfüge bislang über keine weiteren Informationen, weder über Details der Beschuldigung noch über den Anzeigenerstatter. Aber für ihn sei klar, dass der Vorgang »Ausdruck von Antisemitismus« ist.

Seit 1997 ist der gebürtige Israeli bei der Israelitischen Kultusgemeinde Hof, seit Anfang der 90er-Jahre lebt er in Deutschland. Seit 40 Jahren ist er qualifizierter Mohel und hat nach eigenen Angaben bereits mehr als 3.000 Eingriffe vorgenommen. In Hof selbst fand schon seit Jahren keine Brit Mila mehr statt.

reaktionen Der Kölner Rabbiner Jaron Engelmayer von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) erklärte in einer ersten Reaktion, er sei empört darüber, dass das Beschneidungsurteil dazu motiviere, »Anzeigen gegen unsere Mohalim zu erstatten«, und die Staatsanwaltschaft ernsthaft über Ermittlungen nachdenken müsse. Dies zeige nun ganz klar, »wie schwerwiegend die Folgen des Urteils für uns sind«. Yael Deusel, Rabbinerin und Mohelet der Jüdischen Gemeinde Bamberg und Urologin, ist von der Anzeige des Arztes »wie vor den Kopf gestoßen«. Sie sagt: »Das klingt nach einer Hexenjagd und ist sehr bedenklich.«

»Ungläubiges Staunen und Kopfschütteln« hat die Strafanzeige bei Maram Stern, dem Vizepräsidenten des World Jewish Congress, ausgelöst. »Die Entwicklung in Sachen Beschneidung in Deutschland gibt in der jüdischen Gemeinschaft weltweit Anlass zu großer Sorge. Wir hoffen, dass die Staatsanwaltschaft Hof sich der Brisanz dieses Themas bewusst ist und keine Ermittlungen gegen den Mohel einleitet.« Moshe Kantor, Präsident des European Jewish Congress, erklärte: »Die Strafanzeige ist abscheulich. Sie lässt die ohnehin schon angespannte Situation eskalieren und ist ein höchst problematisches Signal für Juden in Deutschland. Die Anzeige erinnert an jahrzehntelang vergangene Zeiten, in denen praktizierende Juden für ihre an sich vollkommen legalen Riten bestraft werden.«

Israels Oberrabbiner Yona Metzger sagte der Jüdischen Allgemeinen: »Ich bin schockiert, dass durch die Berichterstattung in einem Teil der Medien eine Atmosphäre in Deutschland entstanden ist, in der nun gegen einen Mohel Strafanzeige erstattet wird. Dies ist sehr beunruhigend.« Gleichwohl sei er nach seinem zweitägigen Aufenthalt in Berlin und den Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern sehr zuversichtlich. Er hoffe, so Metzger, dass in der Beschneidungsfrage eine zufriedenstellende Lösung gefunden werden kann.

(Mitarbeit: A. Anchuelo, P. Engel, D. Kauschke, K. Richter)

Kommentar

Mit schwerem Koffer zurück aus Berlin

Wie ein deutscher Holocaust-Überlebender auf die sich abzeichnende Koalition von SPD und Grünen mit Antisemiten, Terror-Relativierern und anderen Genozid-Schreiern blickt

von Roman Haller  11.10.2026

Schwerin/Rostock

Kurs Rot-Rot-Grün: Verhandlungen starten am Montag

SPD, Linke und Grüne wollen in Mecklenburg-Vorpommern über eine Koalition verhandeln. Dafür stimmten alle drei Parteien. Für die Grünen wäre eine Regierungsbeteiligung dort eine Premiere

 11.10.2026

Franziska Giffey

Nach der Wahl in Berlin

Franziska Giffey spricht sich gegen Koalition mit Linkspartei aus

Die noch amtierende Wirtschaftssenatorin sieht keine Basis für eine Koalition mit der Linken in Berlin. Die SPD-Politikerin fordert klare Positionen im Kampf gegen Antisemitismus. Unterdessen verteidigt Thüringens Ex-Ministerpräsident Ramelow die Sondierer gegen Kritik aus den eigenen Reihen

 11.10.2026

Nahost

Abbas verschiebt Parlaments- und Präsidentenwahl

Der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, vertagt die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bis in den Herbst 2027. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gab es keine Parlamentswahl mehr

 11.10.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Nahost

Bericht: Iran kann noch immer Raketen und Drohnen produzieren

Teheran soll demnach weiterhin gut ausgestattet mit Raketen sein und schnell nachproduzieren können. Die USA sollen zudem Israel gedrängt haben, Iran erneut anzugreifen – alleine

 11.10.2026

Teilnehmer einer Demonstration »United4Palestine« halten Palästinenserflaggen, auch eine Flagge der Linken und eine Queer-Flagge sind zu sehen.

Berlin

Israelfeindliche Demonstration durchs Regierungsviertel

Rund 3.500 Menschen nehmen an der Demonstration unter dem Motto »United4Palestine« teil. Auch Politiker und Aktivisten der Linkspartei waren dabei. Einige Demonstranten wurden festgenommen

 11.10.2026

Feuer am Flughafen von Riad

Saudi-Arabien

Mindestens zwölf Tote bei Angriff auf Flughafen in Riad

Der Konflikt zwischen den vom Iran unterstützten Huthi im Jemen und Saudi-Arabien eskaliert. Bei dem Angriff auf den Flughafen King Chalid gibt es Tote und Hunderte Verletzte. Wie reagiert Washington?

 11.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  10.10.2026

Hans-Georg Lindenau in seinem Ladengeschäft »M99 Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf«

Deutschland

Berlin-Kreuzberg: Aushänge gegen Judenhass - Jugendliche greifen Geschäftsinhaber an

Der Staatsschutz ermittelt

 10.10.2026 Aktualisiert