Analyse

Putins Pläne

Anders als sein Vorgänger im Kreml Josef Stalin trat Wladimir Putin bisher nicht als Antisemit in Erscheinung. Ändert sich das gerade? Foto: imago images/SNA

Am vergangenen Donnerstag forderte das israelische Außenministerium die in der Ukraine ansässigen Israelis auf, sich umgehend bei der israelischen Botschaft in Kiew registrieren zu lassen. Die israelische Presse berichtete indes über die in Jerusalem ausgearbeiteten Evakuierungspläne: Sollte Russland tatsächlich in die Ukraine einmarschieren, will Israel seine Bürgerinnen und Bürger schnellstmöglich in Sicherheit bringen.

Am selben Tag erklärte der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj in der »Washington Post«, die zweitgrößte Stadt Charkiv im Südosten des Landes könne ein Ziel der russischen Militäroffensive werden. Israelische Evakuierungspläne und Selenskyjs Aussagen bekräftigten die von Washington, London und Berlin geäußerten Einschätzungen, die Lage sei bedrohlich.

sowjetimperium Steht Europa am Vorabend eines neuen Krieges, den der Kreml mit dem Ziel, das Sowjetimperium wiederherzustellen, zu entfachen beabsichtigt, oder sind die amerikanisch-europäisch-ukrainischen Ängste übertrieben und – wie Moskau dies fleißig betont – schlichtweg unbegründet?

Steht Europa am Vorabend eines neuen Krieges, den der Kreml mit dem Ziel, das Sowjetimperium wiederherzustellen, zu entfachen beabsichtigt?

Die Sorgen der Ukraine sollte man jedenfalls ernst nehmen: Spätestens nach der Krim-Annexion und dem russischen Hybridkrieg gegen die Ukraine und im Kontext der russischen Intervention in Kasachstan ist eine militärische Operation im postsowjetischen Raum für Russland eine Option. Aktuell setzt Russland jedoch eher auf ein riskantes taktisches Spiel, um den aus Moskauer Sicht gespaltenen und ohnehin unentschlossenen und mutlosen »kollektiven Westen« zu verunsichern und beachtliche Zugeständnisse zu erzwingen.

Moskau brüskiert Amerika und Europa mit demütigenden Forderungen. Man fordert »Sicherheitsgarantien« und erwartet de facto die Anerkennung der russischen Vorherrschaft im postsowjetischen Raum. So soll die NATO auf die Osterweiterung verzichten, der Ukraine und weiteren ehemaligen Sowjetrepubliken die Tür zur Allianz versperren und die militärische Zusammenarbeit mit diesen Ländern beenden. Darüber hinaus wird sogar ein Rückzug der NATO-Truppen aus den ehemaligen Ostblockstaaten verlangt.

drohkulisse Um den Forderungen Ausdruck zu verleihen, baut der Kreml eine militärische Drohkulisse auf: Putin spricht von umfassenden militärisch-technischen Maßnahmen, die Russland ergreifen könne. Russische Truppen und modernste Ausrüstung werden an die ukrainische Grenze und inzwischen auch in den Satellitenstaat Belarus verlegt. Es kommt zu subversiven Cyberangriffen. In staatlich kontrollierten russischen Medien wird offen über die bevorstehende Eroberung und Aufteilung der Ukraine diskutiert.

Eine militärische Operation im postsowjetischen Raum ist für Russland eine Option.

Gleichzeitig erklärt sich der Kreml zu Verhandlungen auf Augenhöhe mit dem Weißen Haus bereit und will die USA kompromissbereit machen, indem man die »strategische Partnerschaft« mit dem »Schurkenstaat« Iran auslotet und Kontakte mit dem US-Gegner China vertieft. Und Europa? Obschon sich das Drama an der EU-Grenze abspielt, hält Putin die Europäer nicht einmal für ebenbürtige Gesprächspartner. Sie werden zu amerikanischen Marionetten degradiert, die in den wichtigen Sicherheitsfragen nichts zu sagen hätten.

Washington und London hielten bisher dem russischen Druck stand, gehen mit Moskau offensiv um, unterstützen die Ukraine militärisch und drohen dem Kreml mit dramatischen politischen und wirtschaftlichen Sanktionen. Deutlich zurückhaltender agieren Paris und Berlin, die ihre Solidarität mit der Ukraine zwar hervorheben, jedoch vielmehr um rhetorische Abrüstung bemüht sind.

NATO-Osterweiterung In Deutschland sind dabei die Stimmen von Putin-Verstehern verschiedener Parteicouleur zu vernehmen, welche den Verzicht auf die NATO-Osterweiterung anmahnen, die Ukraine am liebsten im Stich lassen und somit dem Kreml ausliefern würden.

Genau dies ist das Ziel der aktuellen Krise, die von Russland künstlich verursacht wird. Putins Russland präsentiert sich als revanchistische Großmacht, die den Zusammenbruch der UdSSR betrauert und von alten Einflusszonen in Osteuropa träumt. Der russische Staatschef macht kein Hehl aus seinem Geschichtsrevisionismus, indem er dem freien und demokratischen ukrainischen Staat das Existenzrecht abspricht und die Ukrainer kurzerhand zu einem Teil der »russischen Nation« erklärt.

Putins Russland präsentiert sich als revanchistische Großmacht, die den Zusammenbruch der UdSSR betrauert und von alten Einflusszonen in Osteuropa träumt.

Sein erster Versuch, die Ukraine auf militärischem Wege an Russland zu binden, schlug 2014 fehl, nicht zuletzt unter westlichem Druck und aufgrund russischer wirtschaftlicher Interessen im Westen. Nunmehr unternimmt Putin den zweiten Versuch, der an die berüchtigte Münchener Konferenz im September 1938 erinnert.

»Drittes Reich« Als Mann, der im 20. Jahrhundert stehen geblieben ist und – wie es Angela Merkel 2014 zutreffend bemerkte – in »einer ganz eigenen Welt« lebt, scheint Putin vom Thema »München« stark geprägt. Damals wollten die geschwächten kriegsmüden Großmächte Frankreich und Großbritannien den hartnäckigen deutschen Aggressor beschwichtigen, indem sie seine überzogenen Forderungen erfüllten und die demokratische Tschechoslowakei dem »Dritten Reich« auf dem Präsentierteller servierten. Sie heißt heute Ukraine.

Aber der »Münchener Weg« hat weder Frieden noch Stabilität gebracht. Die moralische Schande leitete vielmehr die Kriegsepoche ein. Hoffentlich haben die westlichen Staaten aus der Geschichte gelernt.

Der Autor ist Historiker in Düsseldorf.

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  26.10.2026

Wilko Möller (AfD), Landtagsabgeordneter in Brandenburg, guckt nachdenklich

Rechtsextremismus

Urteil gegen AfD-Politiker wegen Wahlplakats rechtskräftig

Hat der AfD-Abgeordnete Wilko Möller mit einem »Hitlergruß« auf Plakaten Wahlkampf gemacht? Das Landgericht Frankfurt (Oder) hatte ihn zu einer Geldstrafe verurteilt. Dagegen legte der Politiker Revision ein – vergeblich

 26.10.2026

Leerer Klassenraum (Symbolbild)

Hessen

Strafverfahren gegen Lehrer wegen israelfeindlicher Posts eingestellt

Wegen Instagram-Beiträgen, die als »antisemitisch und israelfeindlich« eingestuft wurden, ist ein Gymnasiallehrer seit einem Jahr vom Dienst suspendiert. Ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung wurde nun eingestellt

 26.10.2026

Krieg

Selenskyj: Warten fast einen Monat auf Hegseth-Unterschrift

Der Ukraine mangelt es nach eigenen Angaben an Raketen zur Abwehr russischer Angriffe. Nun äußert Präsident Selenskyj Kritik am US-Verteidigungsminister Hegseth

 26.10.2026

Deutschland

Zentralrat der Juden warnt vor möglicher antisemitischer Gewalt bei Protesten am 31. Oktober

In einem Schreiben wird für das Wochenende zu Vorsicht und verschärften Sicherheitsmaßnahmen geraten

 26.10.2026

Regierungsbildung

Berliner SPD plant Mitgliederbefragung über Koalition

Die Basis soll über eine Koalition mit Linken und Grünen mitentscheiden

 26.10.2026

Debatte

Zentralrat der Juden warnt vor AfD in Sachsen-Anhalt und nimmt Linke in Berlin Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Präsident Josef Schuster blickt sorgenvoll auf zwei deutsche Bundesländer

 26.10.2026

Berlin

Linke-Kandidat für Neukölln: Recherchen dokumentieren Nähe zu PFLP-Sympathisanten

Ein Dossier der Monitoringgruppe Amit, über das die »Welt« berichtet, dokumentiert mehrere Berührungspunkte des 45-jährigen Rechtsanwalts mit Personen und Veranstaltungen, bei denen Sympathien für die Organisation erkennbar waren.

 26.10.2026

Berlin

Schuster: Nehme der Linken Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Der Kampf gegen Judenhass erschwert die Gespräche über Rot-Grün-Rot in Berlin. Eine Erklärung der Linken reicht dem Präsidenten des Zentralrats der Juden nicht

 26.10.2026