Interview

»Putin in die Schranken weisen«

Katja Petrowskaja Foto: dpa

Frau Petrowskaja, im Westen wächst die Befürchtung, dass Russlands Präsident Wladimir Putin nach der Krim auch Anspruch auf weitere Teile der Ukraine erhebt. Wie begründet ist diese Angst?
Nach Moskaus Aggression auf der Krim ist das nicht mehr ganz auszuschließen. Russland hat am Montag wohlgemerkt Zigtausende Soldaten an der Ostgrenze der Ukraine zusammengezogen. Das ist eine aggressive Drohgebärde, vielleicht aber auch die Vorbereitung einer weiteren Annexion. Putin hat mit dem Einmarsch auf der Krim ja einen Präzedenzfall geschaffen. Warum dann nicht auch einen Einfall in die Ostukraine?

Putin könne man nur mit Härte begegnen, soll Kanzlerin Merkel diese Woche gesagt haben. Hatten Sie eine entschlossenere Antwort auf Moskaus Aggression erwartet?
Gehofft ja, erwartet nein. Russland fällt zurück in längst überwunden geglaubte Zeiten. Der Westen ist sprachlos angesichts dieser Aggression. Niemals hätte ich gedacht, dass wir im Jahr 2014 in Europa eine derartige Verletzung territorialer Souveränität erleben würden. Darauf hätten die USA und die EU konsequenter reagieren müssen. Den eigentlichen Fehler im Umgang mit Russland hat der Westen aber schon in den vergangenen Jahren gemacht.

Welchen Fehler meinen Sie?
Putin hat lange vor der Krim-Krise Regimegegner einschüchtern, Gesetze brechen und die Pressefreiheit abschaffen lassen. Danach hätte die internationale Gemeinschaft ihn entschlossen in die Schranken weisen müssen. Stattdessen hat auch Deutschland Moskau hofiert und als guten Partner bezeichnet. Ex-Kanzler Gerhard Schröders Urteil, Putin sei ein »lupenreiner Demokrat«, war nur die Spitze dieser westlichen Akzeptanz. Diese Nachlässigkeit hat Putins Stellung immens gestärkt und sein jetziges Vorgehen extrem begünstigt.

Gleichwohl steht Putin wegen der Krim-Krise nun mit dem Rücken zur Wand. Was treibt Russlands Präsidenten an?
Putin schert sich nicht darum, was der Westen über ihn denkt. Ihm kommt es nur auf seinen Machtausbau an. Dazu gehört für ihn die systematische Diffamierung der ukrainischen Regierung und der Maidan-Bewegung als Faschisten. Dabei ist er derjenige, der faschistische Strukturen in seinem Land aufbaut und Parolen wie »Vaterlandsverräter« verkündet. Das ist das System Putin: Er bezeichnet seine Gegner als Nazis, um die Menschen auf der Krim dann als vermeintlicher Retter zu beschützen. Realität interessiert ihn nicht, gemäß seinem Denken gelten auch Juden auf dem Maidan als Faschisten.

Sorgt es Sie, dass die rechtsextreme Swoboda-Partei Teil der ukrainischen Regierung ist?

Natürlich! Aber Swoboda ist eine rechtspopulistische Partei, und ähnliche Parteien gibt es in Norwegen und Holland sogar ganz oben in der Regierung. Man darf die ukrainische Übergangsregierung dafür nicht in Bausch und Bogen verdammen. Ich hoffe, dass Swoboda nach den Wahlen im Mai nur noch wenige Plätze in der Regierung erhält – oder gar keine.

Mit der ukrainisch-deutschen Journalistin sprach Philipp Peyman Engel.

Nachruf

Trauer um Hubert Aiwanger

Der Freie-Wähler-Chef, bayerische Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister starb im Alter von 55 Jahren in einem Berliner Hotel

von Frederick Mersi  04.11.2026

Berlin

Antisemitische Schmierereien auf Skulpturen im Berliner Tiergarten

Der polizeiliche Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen.

 04.11.2026

Brasilien

Kein Freund Israels

Nach dem überraschenden Wahlsieg des linken Präsidenten Lula gibt sich die jüdische Gemeinde des Landes dennoch zuversichtlich

von Andreas Knobloch  04.11.2026

Berlin

Rot-grün-rote Koalitionsverhandlungen bis Januar

Linke, Grüne und SPD wollen erst im nächsten Jahr einen Koalitionsvertrag vorlegen. Und dann folgt noch ein Zwischenschritt

 04.11.2026

Koalitionsverhandlungen

Klingbeil fordert Linke auf, antisemitische Politiker rauszuwerfen

Bisher hat sich der SPD-Chef zurückgehalten, was die Berliner Koalitionsverhandlungen angeht. Jetzt macht er klar, was er von der Linken erwartet

 04.11.2026

USA

»Viele jüdische Wähler haben mit zugehaltener Nase abgestimmt«

Der jüdische Rechtsanwalt und Historiker Michael Traison über den Erdrutschsieg der Demokraten bei den Midterms und die möglichen Folgen für Amerikas Beziehungen zu Israel

von Michael Thaidigsmann  04.11.2026

Midterm-Wahlen

Iran erfreut über Trumps Wahlniederlage

Nach der Wahlniederlage der Republikaner in den USA meldet sich die iranische Spitze. Auch vom obersten Führer Modschtaba Chamenei werden Worte veröffentlicht

 04.11.2026

Meinung

Her mit den Inhalten!

Ayala Goldmann freut sich über die Eröffnung der Jüdischen Akademie in Frankfurt und ist gespannt auf das Programm

von Ayala Goldmann  04.11.2026

Sachsen-Anhalt

Linke überlegt, Gegenkandidatin gegen Ulrich Siegmund aufstellen

Der AfD-Politiker Ulrich Siegmund will im Dezember Ministerpräsident werden, doch ihm fehlen drei Stimmen für eine Mehrheit. Die Linke prüft, ob sie eine eigene Kandidatin ins Rennen schickt.

 04.11.2026