Anastassia Pletoukhina

Prozess mit großer Resonanz

Am 21. Juli beginnt der Prozess gegen den Attentäter von Halle. Schon jetzt wird viel darüber berichtet, wird heftig diskutiert. Die einen erwarten eine öffentliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Rassismus.

Die anderen pochen auf strukturelle Veränderungen. Es wird gefordert, die Polizei solle sowohl den Umgang mit antisemitischen Vorfällen reflektieren als auch den mit antisemitisch motivierter Gewalt.

Appell An die Politik wird appelliert, es nicht nur bei Solidaritätsbekundungen zu belassen, sondern klare und langfristige Maßnahmen in der Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus zu ergreifen.

Die Justiz wird aufgefordert, antisemitische und rassistische Vorfälle nicht als Einzeltaten zu sehen und die zunehmende Gewaltbereitschaft konsequenter zu ahnden. Die Öffentlichkeit wird aufgerufen, bei Hass und Radikalität nicht wegzuschauen.

Befürchtung Der Prozess schafft große Resonanz, hat einen hohen politischen Stellenwert. Wird er »schnell über die Bühne gebracht«, besteht die Gefahr, dass das Attentat als eine Einzeltat abgetan wird mit gegebenenfalls nicht einmal antisemitischem Charakter, weil es effektiv zu keiner physischen Verletzung von Beterinnen und Betern in der Synagoge kam.

Die Befürchtung ist groß, dass viele Themen unter den Tisch fallen, dass die Gesellschaft verdrängt und vergisst, dass dem Attentäter noch mehr Aufmerksamkeit zukommt, die Gefühle der Betroffenen im Hintergrund bleiben.

Gesellschaft Es ist an der Zeit, der Lage tapfer ins Gesicht zu schauen. Stellen wir uns als Gesellschaft der Situation und versuchen, keine kurzfristigen und politischen Kompromisse zu schließen! Reflexion und Aufarbeitung der offensichtlichen Schieflagen sind dringend notwendig.

Justiz, Bildung, Medien und Gesellschaft sitzen in diesem Prozess gleichermaßen auf der Anklagebank. Wir alle sind für ein gerechtes Urteil im Sinne unserer demokratischen Zukunft verantwortlich, ohne uns gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Auf Augenhöhe. Effektiv und nachhaltig.

Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin und überlebte den Anschlag in Halle.

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