Justiz

Prozess gegen früheren SS-Wachmann hat begonnen

Die Nationalsozialisten ermordeten im Konzentrationslager Stutthof nahe Danzig mehr als 65.000 Menschen. Foto: dpa

Am Landgericht Münster hat heute das Hauptverfahren gegen einen ehemaligen SS-Mann aus dem Kreis Borken begonnen. Die Staatsanwaltschaft Dortmund wirft dem ehemaligen Wachmann des NS-Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig Beihilfe zum Mord in mehreren Hundert Fällen vor.

Nach Angaben des Landgerichts war der Angeklagte ab Juni 1942 mehr als zwei Jahre für die Bewachung des Lagers und die Beaufsichtigung von Arbeitskommandos außerhalb des Lagers zuständig. Der heute über 90-Jährige hat laut Gericht zwar eingeräumt, als Wachmann im Konzentrationslager Stutthof eingesetzt gewesen zu sein, bestreitet aber, sich an Tötungen beteiligt zu haben.

Anklageschrift Bis Januar sind 14 Verhandlungstage angesetzt. Der Angeklagte muss sich vor der Jugendkammer des Landgerichts verantworten, weil er zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfenen Taten noch keine 21 Jahre alt war.

Oberstaatsanwalt Andreas Brendel aus Dortmund verlas zu Beginn des Hauptverfahrens die Anklageschrift. Im Vorfeld des Prozesses hatte er in einem Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) gesagt: »Wachleute hatten im KZ eine Rundumfunktion, sie wussten, was im Lager abläuft. Die Vergasungen und Verbrennungen der Leichen konnten nicht verborgen bleiben.«

Nebenkläger erschienen nicht zum ersten Prozesstag. Prozessbeobachter gehen aber davon aus, dass einige von ihnen zu einem späteren Zeitpunkt aus Israel, USA und Kanada anreisen werden.

Bedeutung Zum Beginn des heutigen Hauptverfahrens sagte Robert Rozett, Direktor an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem: »Der Prozess ist von immenser Bedeutung, auch weil es in Zukunft kaum noch Verfahren geben wird.«

Rozett hofft auf darauf, dass es zu einer Verurteilung des ehemaligen SS-Manns kommen wird. »Auch im KZ gab es kein Mitleid«, betont Gedenkstättendirektor. »Wir hoffen, dass der Mann die Wahrheit sagt, um wenigstens zur Aufarbeitung beizutragen.«

Oberstaatsanwalt Andreas Brendel hatte den KZ-Wachmann bereits vor diesem Prozess einmal vernommen. »Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, in Stutthof gewesen zu sein, gibt aber an, von den Tötungen nichts mitbekommen zu haben«, sagte Brendel. Doch als SS-Wachmann habe der Angeklagte selbstverständlich Kenntnis davon gehabt, dass Menschen in Stutthof ermordet wurden – und damit die Mordmaschinerie ermöglicht, so Brendel. Im Gespräch mit der Zeitung »Welt« sagte der Angeklagte indes: »Ich war nie ein Nazi!«

Das Internationale Auschwitz Komitee teilte zum Beginn des Prozesses mit: »Wir danken insbesondere den Überlebenden des Lagers und ihren Angehörigen für den Mut und die Entschlossenheit, in Münster als Nebenkläger auszusagen. Dies werden schmerzliche Tage für sie alle. Sie haben so wie alle Überlebende unendlich lange auf die deutsche Justiz und auf die Gerechtigkeit warten müssen«, betonte Vizepräsident Christoph Heubner.

Zustände Nach Angaben der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem wurden in Stutthof mindestens 65.000 Menschen ermordet. Sie wurden erschlagen, zu Tode gequält, erschossen, erhängt, durch Benzin- und Phenolinjektionen getötet, in Gaskammern und abgedichteten Zugwaggons mittels Zyklon B ermordet.

Viele starben auch infolge elender Zustände: Im Lager herrschten mangelhafte hygienische Verhältnisse, unzureichende Nahrung, schwerste körperliche Zwangsarbeit, ungenügende Unterbringung, und es gab keine den Witterungsverhältnissen halbwegs angemessene Kleidung. ja/epd

Medien

Nicholas Potter wechselt zu Axel Springer

Der Journalist verlässt die taz und wird ab dem 1. Juli als Chefreporter redaktionsübergreifend für mehrere Marken des Springer-Verlags arbeiten

 27.05.2026

Berlin

DIG warnt vor Wahl der Linken, des BSW und der AfD

Während alle Parteien erklärten, gegen Judenhass vorgehen zu wollen, vermisse man insbesondere bei Linken und BSW eine klare Benennung von israelbezogenem Antisemitismus, so Jochen Feilcke

 27.05.2026

München

Rückgang bei antisemitischen Straftaten in Bayern, Fallzahlen aber weiterhin hoch

Einen Mordversuch und weitere Gewalttaten mit antisemitischer Motivation registrierte die bayerische Polizei

 27.05.2026

Texas

Demokraten in Texas verhindern Kandidatur antisemitischer Bewerberin

Trotz ihrer Forderung, »amerikanische Zionisten« müssten inhaftiert werden, bekam die Kandidatin 36 Prozent der Stimmen

 27.05.2026

Kiel

Als Feinde markiert

In der Hafenstadt wurden Dutzende Plakate mit roten Hamas-Dreiecken aufgehängt, auf denen zu Gewalt gegen israelsolidarische Aktivisten aufgerufen wird. Was macht das mit den Betroffenen?

von Pascal Beck  27.05.2026

München

Mann wegen KZ-Nachbauten vor Finanzamt in U-Haft

Ein 33-Jähriger soll Holzbauten mit eindeutigen Bezügen zu den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten vor ein Finanzamt in Niederbayern gestellt haben. Was daraufhin passiert ist

 27.05.2026

Berlin

Anschlag am Holocaustmahnmal: Zweiter Verdächtiger festgenommen

Nach Informationen aus Sicherheitskreisen soll der Mann den Angreifer vor der Tat bestärkt haben

 27.05.2026

Jerusalem/New York

Caroline Glick als neue Generalkonsulin in New York im Gespräch

Die in den USA geborene Kandidatin ist in Israel für ihre klar konservative Linie bekannt

 27.05.2026

Teheran

Chamenei droht USA und Israel

Die Kämpfer der »Widerstandsfront« hätten »bemerkenswerte Siege« gegen »die beiden amerikanisch-zionistischen Terrorarmeen« errungen, sagt der neue Oberste Führer

 27.05.2026