Weltbild

»Privatschrulle«

Die Integrationsdebatte krankt daran, dass politische Probleme als religiös-kulturelle Herausforderungen gesehen werden. Dabei gibt es einen tragfähigen Gegenentwurf – die laizistische Gesellschaft

von Tilman Vogt  08.11.2010 14:28 Uhr

Vorbild Frankreich: Die Grande Nation gründet sich auf die säkularen Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (Graffito von 1789). Foto: ullstein

Die Integrationsdebatte krankt daran, dass politische Probleme als religiös-kulturelle Herausforderungen gesehen werden. Dabei gibt es einen tragfähigen Gegenentwurf – die laizistische Gesellschaft

von Tilman Vogt  08.11.2010 14:28 Uhr

Vor einigen Wochen fand sich auf der Titelseite der Jüdischen Allgemeinen eine pikante Montage: Über dem Portal von Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten in Berlin, prangten anstelle der gewohnten Statuen ein Kreuz, ein Davidstern und ein Halbmond. Sicherlich würden die Berliner Denkmalschutzbestimmungen derlei baulichen Veränderungen einen Riegel vorschieben. Doch angesichts des Tenors der derzeitigen Debatte um Integration, Religion und deutsche Identität scheint eine solche Umgestaltung gar nicht so weit hergeholt.

Der Autor Alexander Görlach vertrat in dem dazugehörigen Artikel die Ansicht, Deutschlands Selbstverständnis gründe ausschließlich auf der christlich‐jüdischen Tradition, wobei er im generösen Ton Christian Wulffs anfügte, dass selbstverständlich auch Muslime im bestehenden Wertgefüge eine Heimat finden könnten.

Angesichts so viel himmlischen Geklingels scheint es fast, als habe sich das gesamte Land in einen Dauerkonvent der Gesellschaft für interreligiösen Dialog verwandelt. So gut wie nie wird gefragt, warum sowohl in den Episteln Sarrazins als auch in der Rede Wulffs politische Probleme unter der Hand beharrlich zu religiös‐kulturellen Herausforderungen umgemodelt werden. Dabei birgt der fast selbstverständliche Hinweis auf religiöse Traditionslinien, der eigentlich nur aus verfallenen, konfessionell gestifteten Reichen bekannt ist, einige Fallstricke in sich.

Zunächst erweist sich eine noch so apodiktische Herleitung des Gottesbezugs im Grundgesetz, wie sie auch von Alexander Görlach vertreten wird (»Gemeint ist der Gott der biblischen Tradition. Kein anderer.«), als relativ willkürlich. Denn unterscheidet sich unser heutiges Werteverständnis in Zeiten von gleichgeschlechtlicher Partnerschaft und Antibabypille nicht merklich von dem, was 1948 vorstellbar gewesen wäre?

So ketzerisch es klingen mag, das Bild des Ewigen und Allmächtigen wandelt sich stets mit den Anschauungskonjunkturen seiner Gläubigen: Religiöse Weltbilder, die gleichermaßen partikular wie dogmatisch bleiben müssen, taugen in einer offenen Gesellschaft weder zur gesamtgesellschaftlichen Verständigung, noch können hier religiöse Fragen öffentlich geklärt werden.

Lessings Nathan war mit seiner auf den Absolutheitsanspruch jeder Religion zielenden Frage – »Kann ich von dir verlangen, dass du deine Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht zu widersprechen?« – Stichwortgeber für die entscheidende politische Transformation der Moderne: Der Kampf zwischen den Konfes‐ sionen wurde nicht beseitigt, indem man sie allesamt zur Staatsreligion erklärte, sondern indem der Souverän sie ihres Anspruchs auf weltliche Macht und Erklärungskompetenz enteignete und zur »Privatschrulle« (Karl Marx) eines jeden Einzelnen herabstufte.

Das Fundament unseres aufgeklärten Gemeinwesens bildet idealtypischerweise also weniger die »jüdisch‐christliche Tradition« als vielmehr ein humanistischer Wertekanon. In diesen sind zwar jüdische wie christliche Komponenten eingegangen, er reformuliert sie aber auf neutraler Basis und vermeidet ihren ausschließenden Charakter. Auf diese Weise müssen sich auch Muslime als Privatpersonen keinen Deut weniger dazugehörig fühlen als Atheisten, sie haben auf mehr Anspruch, als nur »akzeptiert« zu sein. Anders kann eine Gesellschaft, die sich Glaubensfreiheit (was auch die Möglichkeit der Freiheit vom Glauben beinhaltet) zugutehält, schlichtweg nicht funktionieren.

Selbstversicherung In der derzeitigen Debatte ist vom universalistischen Wertekanon der Aufklärung – der in Form der europäischen Menschenrechtscharta nur von Weißrussland und dem Vatikan noch nicht unterzeichnet wurde – hingegen wenig zu hören. Die Kommentatoren verhalten sich vielmehr wie eine zu Jom Kippur oder Weihnachten aufgescheuchte Gemeinde, die zu dem einen Fest ins Gotteshaus rennt, um sich gegenseitig ihrer Glaubensfestigkeit zu versichern. So sehr sich die Mehrheit der Gesellschaft mittlerweile von der Religion entfremdet hat, so sehr wird diese bei Selbstversicherungsdebatten urplötzlich herbeizitiert, häufig wohl einfach auch, um den als kulturell fremd empfundenen Islam draußen zu halten.

Vom treibenden Ressentiment abgesehen, stellen solche Bemühungen vor allem eine unseriöse Pseudopolitik dar, suggerieren sie doch eine – auch ohne Islam schon – abseitige gesellschaftliche Homogenität. Die so immer wieder strapazierte Anrufung von Kultur und Religion weist auf ein Identitätsproblem der deutschen Mehrheitsgesellschaft hin, die von den Alliierten geschichtlich zwar auf den republikanischen Weg befördert wurde, sich über das dazugehörige Wertefundament aber anscheinend noch immer im Unklaren ist.

In Frankreich hingegen, wo sich das Bürgertum in der Revolution selbst seine Werte gab, nimmt der humanistische Kanon einen herausragenden Platz im öffentlichen Bewusstsein ein. Auf den Staatsgebäuden prangen nicht die drei Hoheitszeichen der Weltreligionen, sondern die säkularen Werte Liberté, Égalité, Fraternité.

Gleichstellung Es ist kein Zufall, dass die französischen Juden zu den engagiertesten Vertretern der Trennung von Staat und Religion gehören. Sie wissen, was sie dieser Maßnahme, die sie zumindest aus staatlicher Sicht von einer tolerierten Minderheit zu gleichgestellten Teilhabern beförderte, verdanken. Auch die Frankfurter Juden verfügten über einschlägige Erfahrungen: So erreichten sie für einen kurzen Moment der Napoleonischen Herrschaft die Emanzipation vom »Schutzjuden« zum Vollbürger, die nach dem Ende der französischen Besatzung prompt wieder kassiert wurde. Es könnte also auch für die heutigen Juden in Deutschland beruhigend sein, sich einer neutralen Grundlage des Staates zu versichern, denn es steht in den Sternen, wie lange die derzeitige Begeisterung der Mehrheitsgesellschaft für die neu entdeckte jüdisch‐christliche Tradition anhalten wird.

Der historische Verweis macht auch deutlich, dass Integration – entgegen dem derzeitigen Tenor – in einem ersten Schritt von der Ankunftsgesellschaft gewünscht und akzeptiert werden muss. Entgegen allen Sonntagsreden mangelt es einer positiven Würdigung der Einwanderung und eines gewissen Selbstbewusstseins, das nicht als Leitkultur, sondern als Geleitkultur in die neue Gesellschaft seine Funktion erfüllen könnte.

Wenn Kinder von Migranten mit deutschem Pass immer wie selbstverständlich als »Türken« und »Muslime« bezeichnet werden, verwundert es nicht, wenn sie sich irgendwann selbst so sehen. Ein wünschenswertes, weil integratives Migrationsverständnis hat Hannes Stein in seinem kürzlich erschienenen Auswanderungsbericht Tschüß Deutschland! sehr plastisch anhand der USA beschrieben: Als er als Greencard‐Gewinner zum ersten Mal den amerikanischen Zoll passiert, begrüßt ihn der Grenzbeamte mit drei Worten, die sich in keinster Weise um die komplizierten Identitätsprobleme des Neulings scheren, aber dennoch eine Selbstverständlichkeit und Größe demonstrieren, die wohl mehr Integrationsbemühungen nach sich ziehen als jede Zwangsmaßnahme: »Willkommen zu Hause.« Während die USA immer noch das Zuwanderungsziel Nr. 1 sind, verlassen indessen wieder mehr Türken Deutschland als ins Land kommen. Kein Wunder in Anbetracht einer wochenlangen Debatte, die über bestimmte Gruppen von Menschen verhandelt, als ginge es um den Befall heimischer Wälder durch den Borkenkäfer.

Basta‐Mentalität Natürlich lassen sich nicht alle Probleme, die im Integrationsprozess zutage treten, auf die Mehrheitsgesellschaft abwälzen. Doch auch hier führen religiöse Interpretationen oft auf den Holzweg, da es sich weitaus eher um politische Phänomene handelt: Vieles, was »dem Islam« an Gewalttätigkeit und Frauenunterdrückung in die Schuhe geschoben wird, ist oft Folge eines autoritären Konservatismus, der der Basta‐Mentalität bayerischer Stammtisch‐Muftis übrigens recht nahesteht. »Mia san mia« ist schließlich nichts weiter als eine süddeutsche Ausprägung von Parallelgesellschaft.

Wenn zu guter Letzt der türkische Ministerpräsident Erdogan die türkischstämmigen Deutschen belehrt, Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und das türkische Religionsministerium weiter darauf besteht, den Imamen jeden Freitag die zu haltende Predigt in die deutschen Moscheen zu faxen, dann verbirgt sich dahinter weniger ein spezifisch muslimischer Hang zur Segregation, als vielmehr der Versuch der Steigerung globalen Einflusses seitens des türkischen Staates, ganz so wie Deutschland immer noch eifrig die Identitätswahrung »deutscher Volksgruppen« im Ausland subventioniert.

Nehmen nun viele Einwandererkinder die Identitätsangebote von Religion und Herkunft immer bereitwilliger an, während ihren damals in Lohn und Brot stehenden, auch gewerkschaftlich engagierten Vätern solcherlei Selbstverortungen eher fremd waren, so ist dies ein eindeutiger Hinweis auf eine Krise der sozialen Integration. Zu diskutieren wäre, ob sich mit der einsetzenden Massenarbeitslosigkeit am Boden der Gesellschaft nicht eine Schicht gebildet hat, für die mangels realer Perspektiven kaum Hoffnung besteht, innerhalb des angebotenen Integrationsmodells zu reüssieren.

Teufels Küche Bei den sich anschließenden Phänomenen der Selbstaufwertung durch Abkapselung bieten die Kategorien »Kultur« und »Religion« aber weder aussichtsreiche Möglichkeiten der Problematisierung noch deren Lösung.

Die Herausforderungen müssen als politische ernst genommen werden, ohne sich in den ebenso wohlfeilen wie vernebelnden Bereich religiöser Argumentation und Erbauung zu flüchten. Nur auf Kreuz, Davidstern und Halbmond gestützt, kommen wir – zumindest im profanen Diesseits – in Teufels Küche.

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