Auszeichnung

Poet der Vielfalt

Gut verfasst: Auch für Muslime in Deutschland sollte das Grundgesetz eine wichtige Richtschnur im Alltag sein. Foto: imago

Auszeichnung

Poet der Vielfalt

Als erster Muslim erhält der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani in diesem Jahr die Buber-Rosenzweig-Medaille. Eine Werkschau

von Martin Rothe  09.03.2011 07:04 Uhr

Kairo in den späten 80er-Jahren: Ein Student aus dem Rheinland ist in die Nil-Metropole gekommen, um Arabisch zu lernen. Es ist der Deutsch-Iraner Navid Kermani, der sich heute nicht nur als Schriftsteller und Islamwissenschaftler einen Namen gemacht hat, sondern auch als streitbarer Mittler zwischen den Religionen bekannt geworden ist.

Die Begegnung des jungen Mannes mit dem ägyptischen Reformdenker Nasr Hamid Abu Zaid, der für einen liberalen Islam eintritt, und die religiösen Erfahrungen vor Ort setzen Kermani auf sein Lebensgleis: »Ich sah, dass der Koran gehört, erlebt und genossen werden wollte, wie es ringsum die Taxifahrer, Händler und Handwerker taten, die ich fragte, warum sie das Wort Gottes in den Rekorder geschoben hatten und nicht irgendeine Musik. Nicht, weil die Botschaft so bedeutend und die Lehre so erbaulich – weil der Koran so schön sei, antworteten sie stets.«

Gott ist schön hieß dann auch 1999 die brillante Dissertationsschrift des Orientalisten Kermani über das ästhetische Erleben des Korans. »Er hat damit das entscheidende Buch geschrieben«, konstatiert die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth, »gewissermaßen die Programmschrift für eine sprachlich und literarisch fundierte Erforschung des Korans als eines ästhetischen Textes«.

kunstwerk gottes Zugleich brachte Navid Kermani damit eine völlig neue Perspektive in die Islamwissenschaft ein: Bisher hatten seine nichtmuslimischen Fachkollegen den Koran wie eine Bibel gelesen, anstatt zu fragen, wie die Gläubigen selbst ihr heiliges Buch empfinden. Kermani zufolge ist der Koran für die Muslime in erster Linie ein unnachahmliches poetisches Kunstwerk Gottes in arabischer Sprache.

Lebendig wird dieses zur »Rede gewordene Gotteswort« erst im gemeinsamen Hören und in der persönlichen Rezitation – kaum jedoch als bloßer Lesetext oder gar als Übersetzung. In Gott ist schön schildert Kermani daher auch, welche überwältigende Wirkung die Koranrezitation auf Mohammeds Zeitgenossen hatte.

2005 veröffentlicht er komplementär dazu sein Buch Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte, das ein erschütterndes Porträt von gerade den Menschen zeichnet, die mit der dunklen Seite Gottes ringen – wie beispielsweise der todkranke Heinrich Heine.

Von Schrecken und Schönheit der gottgeschaffenen Welt handeln wiederum Kermanis poetische Werke Du sollst (2005) und Kurzmitteilung (2007). Im kommenden Herbst schließlich wird voraussichtlich ein über tausend Seiten starker Roman von ihm erscheinen.

Kermanis poetisches Schaffen lässt sich – bei allen modernen Brechungen – dem metaphysisch aufgeschlossenen Strang der deutschen Literaturgeschichte zuordnen. Ohne den Glauben an eine irgendwie geartete Ordnung der Welt, so schreibt er, ohne den Glauben an die Fäden, die alles mit allem verbinden, komme die Literatur nicht aus. Mehr noch: Vielleicht schaffe die Behauptung einer Struktur in der Wirklichkeit – in Form von Literatur, Kunst, in religiösen Vergegenwärtigungsritualen – eben diese Strukturiertheit erst.

Inspiriert ist Kermani dabei weniger von der protestantisch-pädagogischen Tradition als vielmehr den Literaten der jüdisch-katholischen Sphäre. Diejenigen Romane, denen sein besonderes Interesse gilt, entfalten das bunte babylonische Gewimmel der Comédie humaine und lassen zugleich erkennen, wie den Menschen manchmal das Glück zuteil wird, jene Fäden zu erblicken, die alles mit allem verbinden.

vielvölkerstaat Dass seine Sympathie den Schriftstellern der untergegangenen Donaumonarchie gilt, von Franz Kafka bis Heimito von Doderer, ist kein Zufall. Der multikulturelle Vielvölkerstaat ist Navid Kermanis Ideal, allerdings unter der Voraussetzung, dass er von einer gemeinsamen verfassungspatriotischen Leitkultur zusammengehalten wird. »Dass Menschen gleichzeitig in verschiedenen Kulturen, Loyalitäten, Identitäten und Sprachen leben können, scheint in Deutschland immer noch Staunen hervorzurufen – dabei ist es kulturgeschichtlich eher die Regel als die Ausnahme.«

Das Ende kulturell bereichernder Parallelgesellschaften habe viel mit dem verhängnisvollen Drang – mal der Mehrheitsgesellschaft, mal der Staatsführer, mal von ein paar Hundert Terroristen – zu tun, Einheitlichkeit herzustellen und kulturelle Nischen auszumerzen. In seinen Essays feiert Navid Kermani darum das persisch-armenisch-jüdische Kaleidoskop seiner Elternstadt Isfahan und die kulturelle und religiöse Vielfalt seines Heimatkiezes Köln-Eigelstein. Solche Partikularität gelte es zu bejahen und zu schützen.

Hier dürfte die verspätete Nation Deutschland noch viel Nachholbedarf haben, verwechseln doch deren Ureinwohner Integration oft mit Assimilation. In seinem faszinierenden Buch Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime (2009) verdeutlicht Kermani, dass er keineswegs einem naiven Laissez-faire-Multikulturalismus, wie ihn sich Konservative und sogenannte Islamkritiker gern als Zielscheibe zurechtzimmern, das Wort redet: Unabdingbar sei das einigende Band eines lebendigen Verfassungspatriotismus im Sinne der säkularen Werte Demokratie, Gewal- tenteilung, weltanschauliche Neutralität des Staates, Toleranz, Menschenrechte und Gleichberechtigung der Geschlechter.

Diese Prinzipien hätten sich zwar im Westen herausgebildet, seien aber universell gültig, betont der 43-jährige Deutsch-Iraner, dessen Angehörige erst vom Schah, dann von den Ayatollahs und jüngst von Ahmadinedschads Milizen verfolgt wurden. »Der Westen muss diese Werte in keinem Dialog der Kulturen aufgeben oder sie relativieren. Im Gegenteil: Er sollte für sie einstehen und sie missionarisch vertreten.« Freilich immer unter Beachtung des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Der Aufstand erst der Iraner, dann der Araber, für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte sollte nicht als Wunsch nach Verwestlichung missverstanden werden.

mehrfachidentität Als Bürger zweier Kulturen übt Kermani gleichermaßen Kritik am innerwestlichen wie am innermuslimischen Diskurs. So nimmt er unreflektiertes Gerede deutscher Talkshows und Tagungen zur Förderung von Dialog und Verständigung gerne aufs Korn. Dort heiße es oft: »Wie können wir mit dem Islam umgehen? Müssen wir Angst haben vor den Muslimen?« Dass zu diesem Wir auch Muslime gehören könnten, scheint in diesen Foren beinahe undenkbar und außerhalb jeglicher Wahrnehmung.

Mehrfachidentitäten müssten aber endlich zur Kenntnis genommen und bejaht werden. Navid Kermani selbst fühlt sich im gesprochenen Persisch ebenso heimisch wie im geschriebenen Deutsch. Heimat ist ihm Friedrich Hölderlin, aber auch der 1. FC Köln. Er sei Muslim, aber auch noch vieles andere, sagt er. »So widersprüchlich sind wir alle. Jede Persönlichkeit setzt sich aus vielen unterschiedlichen und veränderlichen Identitäten zusammen. Man stelle sich nur einmal vor, man würde in allem, was man tut, denkt, fühlt, Deutscher sein, nur als Deutscher agieren, essen, lieben – das wäre doch ziemlich grauenhaft.«

Die Debatte im Gefolge von Thilo Sarrazins Streitschrift Deutschland schafft sich ab mitsamt ihren fragwürdigen Thesen zum Thema Integration dürfte Kermanis Albtraum, dass es bald keinen sicheren Ort mehr für Muslime in Europa geben könnte, verstärkt haben. Der Optimismus seines Buches Wer ist Wir? habe ihm 2009 im privaten Bekanntenkreis Kritik eingebracht. Heute denkt er: Vielleicht zu Recht. Sein Wunsch ist und bleibt, dass Muslime in Deutschland friedlich leben können – mit allen Pflichten und Rechten gleichberechtigter Staatsbürger in einem freien Land.

Kermanis These, dass Menschen zu Terroristen werden, weil sie sich dauerhaft von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen, lässt ihn nicht minder hart mit den Fundamentalisten aller Couleur ins Gericht gehen. Eben weil der Koran als das reine göttliche Wort gelte, sei nach traditioneller islamischer Auffassung jede Auslegung menschlich und daher notwendig relativ, betont der Islamwissenschaftler. Religionen bestünden aus der Gesamtheit ihrer Lesarten. Das gelte für jede von ihnen, sei aber außer im Islam wohl nur im Judentum so klar benannt worden, analysiert Kermani.

Dialog Unter anderem deshalb bedeutet ihm die Buber-Rosenzweig-Medaille, die ihm am Sonntag für seine Verdienste um interkulturelle Verständigung und Dialog verliehen wird, eine ganze Menge. »Die Wissenschaft des Judentums hat meinen Blick auf die Gesellschaft geprägt. Deshalb fühle ich mich durch diese Auszeichnung besonders geehrt.«

vorzeige-muslim In der Tat mag es dem liberalen Deutschland verlockend erscheinen, den Querdenker Navid Kermani als lange ersehnten muslimischen Vorzeige-Intellektuellen zu vereinnahmen. Es gibt im hiesigen medialen Dorf nicht allzu viele Anhänger des Islam – ob männlich oder weiblich –, die freizügige Bücher über körperliche Liebe schreiben, die Freiheit zur Homosexualität bejahen und jedem Geisteswissenschaftler das Wasser reichen können. Aber gerade gegen eine solche Rollenzuschreibung verwahrt sich Navid Kermani: »Meine Aufgabe ist es, Bücher zu schreiben.

Periodisch tritt man aus seinem Arbeitszimmer heraus und nimmt teil an öffentlichen Debatten. Aber jedenfalls ich muss dann auch wieder Phasen des Rückzugs und des Reisens haben, damit neue Gedanken entstehen, der eigene Blick sich verändert und ein Buch überhaupt möglich und notwendig wird.« Man darf gespannt sein auf die weiteren Werke dieses Literaten, der schon so viele Fäden hineingeflochten hat in den bunten Teppich dieser Welt.

Navid Kermani
wurde als Sohn deutsch-iranischer Eltern 1967 in Siegen geboren. Nach dem Studium gründete er ein Kulturzentrum in Isfahan und arbeitete für das Schauspielhaus Köln. Seit 2009 ist der habilitierte Orientalist Senior Fellow des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. Zeitweise war er Teilnehmer der Deutschen Islamkonferenz. 2010 wurde Kermani mit dem Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt als freier Schriftsteller in Köln. Am 13. März wird ihm in Minden vom Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit die Buber-Rosenzweig-Medaille für intensive Auseinandersetzung mit der eigenen islamischen Religion, Kultur und Tradition verliehen.

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