Interview

»Plötzlich war ich nur noch die Jüdin, die man loswerden will«

War bis Juni Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses der der Hochschule Rhein-Waal (HSRW) in Kleve: Sharon Spievak (31) Foto: Sharon Spievak

Interview

»Plötzlich war ich nur noch die Jüdin, die man loswerden will«

Sharon Spievak über antisemitische Anfeindungen an ihrer Hochschule

von Joshua Schultheis  20.09.2024 13:27 Uhr

Frau Spievak, Sie wurden im August vergangenen Jahres zur Vorsitzenden des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Hochschule Rhein-Waal (HSRW) in Kleve gewählt, deren Studierendenschaft sehr international ist und mehrheitlich aus muslimischen Ländern stammt. Wurde damals thematisiert, dass Sie Jüdin sind?
Alle Bewerberinnen und Bewerber mussten einen Lebenslauf einreichen, und ich habe in meinem angegeben, dass ich bei dem Begegnungsprojekt »Meet a Jew« engagiert bin und für das Programm »Taglit« junge Jüdinnen und Juden auf Reisen nach Israel begleite. Dem Studierendenparlament war bei meiner Wahl also bekannt, dass ich Jüdin bin. Eine Rolle hat es aber nicht gespielt. Ich wurde nicht wegen oder trotz meiner Religionszugehörigkeit gewählt, sondern weil man mich für am geeignetsten hielt.

Wie hat sich das nach den Hamas-Massakern vom 7. Oktober 2023 verändert?
Schon am 7. Oktober haben Studierende meiner Hochschule die Taten der Hamas auf Social Media gefeiert. Von Anfang an gab es die Forderung an die Hochschulleitung und den AStA, sich gegen Israel – und damit pro-Hamas – zu positionieren. Das, was sich an anderen deutschen Hochschulen in den folgenden Monaten abspielen sollte, gab es an der HSRW schon unmittelbar nach dem 7. Oktober. Von Freunden wurde mir bereits in dieser Zeit zugetragen, dass sich manche Studierende darüber beschweren, dass ihre Hochschule ausgerechnet von einer Jüdin repräsentiert wird.

Haben Sie öffentlich zu den Hamas-Massakern oder dem Krieg in Gaza Stellung bezogen?
Nein. Wir haben im AStA-Vorstand beschlossen, dass wir uns nicht zu dem Konflikt äußern. Wir sind eine sehr internationale Hochschule, und geopolitische Auseinandersetzungen gehen hier oft mitten durch Freundeskreise, ob es nun Gaza oder Kaschmir ist. Wir wollen von allen Studierenden als Ansprechpartner wahrgenommen werden, deswegen bleiben wir neutral. Meine persönliche Meinung ist aber klar, und ich habe kein Problem damit, die terroristische Attacke der Hamas am 7. Oktober zu verurteilen.

»Es gab im Studierendenparlament ohnehin den Plan, mich abzusetzen.«

Im Juni sind Sie vom AStA-Vorsitz zurückgetreten. Was hat Sie dazu gebracht?
Es gab eine ganze Reihe an Vorfällen. Zum Beispiel wurde mir Amtsmissbrauch vorgeworfen, weil ich bei Bewerbungsgesprächen für AStA-Stellen nach der Haltung zum Nahostkonflikt gefragt haben soll. Das stimmt aber nicht, und mehrere Personen können das auch bezeugen. Im Februar schrieb mir ein Student eine Mail, die mit einem »Schalom« begann und in der mein Rücktritt gefordert wurde. Auf Social Media und in WhatsApp-Gruppen gab es ähnliche Nachrichten. In dieser Zeit wurden auch regelmäßig Sticker an meinem Bürofenster angebracht, auf denen »Free Palestine« oder »Boycott Israeli Apartheid« stand. Es war sehr auffällig, dass andere Personen im AStA davon nicht betroffen waren.

In einem Artikel in der »Zeit« erzählen Sie davon, dass eine studentische Gruppe bei den Wahlen zum Studierendenparlament mit dem Slogan »Wenn ihr uns wählt, schmeißen wir die Juden aus dem AStA« gegen Sie Stimmung gemacht habe. Woher stammt diese Information?
Das sind mündliche Aussagen von Mitgliedern dieser Gruppe. Mit diesem Versprechen haben sie unter den Studierenden für sich geworben. Vermutlich ohne es zu wissen, haben sie das auch Freunden von mir gesagt, die es wiederum mir erzählt haben.

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Welches Ereignis war für Ihren Entschluss zum Rücktritt letztlich ausschlaggebend?
Das war Ende April die letzte Sitzung des Studierendenparlaments, an der ich teilgenommen habe. Eigentlich sollte es um das Studierendenticket gehen, doch plötzlich gab es Zwischenrufe, dass man jetzt unbedingt über »Gaza, Westbank and all of Palestine«, also über »ganz Palästina«, sprechen müsse. Das ist eine klare Ablehnung von Israels Existenz. In der Sitzung ging es dann nicht mehr um studentische Belange, sondern nur um den Nahostkonflikt, wobei die Situation in Gaza mit dem Holocaust gleichgesetzt wurde.

Und dann?
Nach der Sitzung habe ich im Auto gezittert und geweint und mich gefragt, warum ich das eigentlich noch mache, warum ich dieses Risiko für meine persönliche Gesundheit und Sicherheit eingehe. Anstatt als jemand wahrgenommen zu werden, der sich für die Interessen von 6000 Studierenden einsetzt, war ich plötzlich nur noch die Jüdin, die man genauso wie den jüdischen Staat loswerden will. Danach stand für mich der Entschluss zurückzutreten fest. Später habe ich erfahren, dass es ohnehin im Studierendenparlament den Plan gab, mich abzusetzen.

Gab es in dieser Zeit auch Studierende, die Sie verteidigt haben?
Die anderen AStA-Mitglieder, die zu drei Vierteln muslimisch sind, haben mich unterstützt. Sie haben meine Arbeit als Vorsitzende sehr geschätzt und wollten nicht, dass ich zurücktrete. Sie waren schockiert über den Antisemitismus ihrer Kommilitonen.

»Ich würde Juden davon abraten, an unsere Hochschule zu kommen.«

Wie hat sich die Hochschulleitung verhalten?
Ich war durchgehend in Kontakt mit der Hochschulleitung, die mir sehr viel Empathie entgegengebracht und zwei Statements gegen Antisemitismus veröffentlicht hat. Ich habe das als sehr unterstützend wahrgenommen. Mir wurde auch angeboten, dass Security-Personal vor meinem Büro platziert wird, doch das habe ich abgelehnt. Ich sollte keinen Personenschutz brauchen, um in meiner Hochschule für ein besseres Semesterticket zu arbeiten oder für längere Öffnungszeiten der Bibliothek. Welcher andere AStA-Vorsitzende braucht denn so etwas in Deutschland? Das ist doch absurd!

Gibt es an Ihrer Hochschule eine Anlaufstelle für Betroffene von Antisemitismus?
Wir haben eine Antidiskriminierungsbeauftragte, mit der habe ich auch gesprochen. Ich hatte überlegt, eine Diskriminierungsbeschwerde einzulegen, aber das wäre erst die zweite überhaupt in der Geschichte der Hochschule gewesen. Ich habe mir keinen großen Erfolg ausgerechnet und wollte mir den nervenzehrenden Vorgang ersparen. Deshalb habe ich mich dagegen entschieden.

Wollen Sie Ihr Studium an der HSRW weiterführen?
Mein Studium geht noch bis März, und so lange bleibe ich auch. Sie haben mich schon aus dem Amt gekickt, aus der Hochschule vertreiben sie mich nicht. Ich will auch betonen: Ich bin nicht aus Angst gegangen. Ich bin gegangen, weil es für mich nicht gesund war und ich meine Ziele hier nicht erreichen konnte. Ich konnte mich nicht so für die Studierenden einsetzen, wie ich es gern getan hätte.

Ihr Nachfolger im AStA gehört ausgerechnet zu der Gruppe, die Sie am schlimmsten angefeindet hat. Ist die HSRW noch ein sicherer Ort für Juden?
Nein. Ich würde Juden davon abraten, an unsere Hochschule zu kommen.

Mit der Studentin sprach Joshua Schultheis.

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