AfD

Petry lässt kaschern

Mit Gepäck zum Parteitag: Frauke Petry, Vorsitzende der AfD Foto: dpa

Eine für sie unerfreuliche Erfahrung mit der Clubkultur Tel Avivs musste die Vorsitzende der »Alternative für Deutschland« (AfD), Frauke Petry, jüngst machen. »Wir mixen Alkohol nicht mit Politik«, teilte das »Frishman’s 39« mit.

In dieser Bar in Tel Aviv sollte nämlich am vergangenen Sonntag eine Veranstaltung mit Petry stattfinden. »Besagtes Event haben wir in dem Moment gecancelt, als wir hörten, worum es sich handelt«, teilen die »Frishman’s«-Betreiber mit. »Wir möchten uns bei allen bedanken, die uns darauf hingewiesen haben.«

facebook Nach bisher vorliegenden Informationen sollte Petry in Israel einen Vortrag halten. Als Organisator gilt der Österreicher Wilhelm T. Roth, der der rechtspopulistischen FPÖ nahesteht und als CEO eines »Israel Europe Freedom Center« auftritt. Er gilt auch als Betreiber einer hebräischen AfD-Seite bei Facebook, auf der Petrys Vortrag beworben wurde. 286 Menschen hatten dort ihr Kommen signalisiert, angeblich haben auch 83 teilgenommen, dabei fand die Veranstaltung am geplanten Ort gar nicht statt.

Die AfD-Bundesgeschäftsstelle konnte oder wollte bis Redaktionsschluss Petrys Reise nicht bestätigen. Aus anderen Kreisen wurde immerhin bestätigt, dass die Informationen über eine Reise ihrer Vorsitzenden nicht ganz falsch seien. Doch Petry wolle sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht dazu äußern.

Hintergrund für den ungewöhnlichen Umstand, dass eine öffentlich angekündigte Veranstaltung plötzlich verschwiegen wird, könnte das immer noch ungeklärte Verhältnis der Partei zu Israel sein. In einem Thesenpapier, das AfD-Vize Alexander Gauland im September 2013 formuliert hatte, steht: »Zu den offenen Fragen in diesem Zusammenhang gehört auch unser Verhältnis zu Israel.«

Gaulands Papier ersetzt bislang programmatische Aussagen. Dort wird auch Angelas Merkels Satz, Israels Existenz sei Teil der deutschen Staatsräson, infrage gestellt: »Rechtlich wie strategisch ist Deutschland heute nicht in der Lage, den Satz mit Leben zu erfüllen.«

flaggen Gleichwohl soll Gauland jüngst bei einer AfD-Kundgebung in Cottbus eine dort geschwenkte Israelflagge ausdrücklich begrüßt haben. Und in den vergangenen Tagen hatte die AfD »jüdische Mitbürger Paderborns« zu einer Kundgebung aufgerufen. Die Jüdische Kultusgemeinde Paderborn wehrt sich aber gegen die Partei, die man für »ultra-rechts« hält.

Schon im Sommer 2014, als es zu heftigen antiisraelischen Protesten kam, hatte die AfD Nordrhein-Westfalen zu »Solidarität mit den deutschen Juden!« aufgerufen, aber explizit eine Solidarität mit Israel abgelehnt. Das hatte zu Unmut bei Teilen der Basis geführt. So gibt es AfD-Mitglieder, die zugleich in Gliederungen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft aktiv sind.

Benny Fischer von der European Union of Jewish Students hatte schon früh von der in Tel Aviv geplanten Veranstaltung erfahren. Auf der Facebook-Seite des »Israel Europe Freedom Center« schrieb er, »dass sowohl die israelische Regierung als auch der Europäisch-Jüdische Kongress offiziell nicht mit der AfD zusammenarbeiten«. Es gab scharfe Reaktionen. »Auf meinen Eintrag haben viele allergisch reagiert.« Fischers Eintrag wurde bald gelöscht.

doppelstrategie Der Journalist Olaf Sundermeyer, der seit Jahren die AfD beobachtet, spricht von einer »Doppelstrategie« der AfD-Führung: Petry wolle zwar Parteirechte wie den Thüringer Björn Höcke in der Partei halten, zugleich versuche sie aber, sich selbst mit einem anderen Image zu inszenieren, um neue Wähler zu erreichen. Strukturell sei die AfD keine antisemitische Partei, sagt Sundermeyer, »aber ihre Klientel im Osten ist antisemitisch, im Westen ist das viel differenzierter«. Ein Besuch Petrys in Israel solle helfen, »sich und ihre Partei von dem Vorwurf des ›Völkischen‹ reinzuwaschen, und vom Verdacht, eine Nazipartei zu sein«.

Den Verdacht, dass es Petry vor allem um eine Art Koscherstempel geht, hat auch Fischer. »Sich in Israel fotografieren zu lassen, kommt den vereinzelten Israelflaggen auf Pegida-Demos gleich.« Man versuche damit, den Vorwurf des Antisemitismus in den eigenen Reihen abzuwehren.

Neu ist die Strategie rechter Parteien, Kontakte nach Israel aufzubauen, nicht. Der französische »Front National«, die FPÖ, der belgische »Vlaams Belang«, die Parteien »Pro Deutschland« und »Freiheit«, alle reisten schon nach Israel, um für eine vermeintlich gemeinsame antimuslimische Sache zu werben. Meist ohne Erfolg auf israelischer Seite, oft aber mit harscher Kritik aus den eigenen Reihen, man biedere sich bei den Juden an.

Nach Redaktionsschluss der Printausgabe meldete sich die AfD-Parteivorsitzende Frauke Petry telefonisch bei der Jüdischen Allgemeinen und teilte mit, dass ihre Israel-Reise »einen rein privaten Hintergrund« gehabt habe. Die Ankündigung der politischen Veranstaltung auf Facebook sei »ein Fake« gewesen.

Berlin

Remmo: Koçak hat bei mir im Büro gesessen

Wie eng war der Kontakt des Linken-Bundestagsabgeordneten Koçak zur Großfamilie Remmo? Nach der Berliner Wahl kamen Chatnachrichten ans Licht, die er als Fehler bezeichnete. Gab es auch ein Treffen?

 16.10.2026

Berliner Sondierungen

Özdemir: Berliner Linke hat sich »radikalisiert«

Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir schaut mit Sorge auf die politischen Geschehnisse in der Bundeshauptstadt. Seiner Ansicht nach hat sich die Berliner Linke radikalisiert

 16.10.2026

Kommentar

Deutsche Iran-Politik: Urkomische Dinge und pure Realitätsverweigerung

Der neue Botschafter der Bundesrepublik in Teheran, Axel Dittmann, produziert mit seinen Instagram-Videos unfreiwillig Realsatire

von Saba Farzan  16.10.2026

Meinung

Keine Wahlen in Palästina: Armutszeugnis für den Westen

Mahmud Abbas hat die Wahlen in den Palästinensergebieten erneut um ein Jahr verschoben und bricht damit seine Zusagen. Wann zieht man in Europa endlich Konsequenzen?

von Jacques Abramowicz  16.10.2026

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD)

Rede des Bundesratspräsidenten

Bovenschulte zu AfD-Verbot: »Prüfen heißt nicht verbieten«

Seine letzte Rede als Bundesratspräsident nutzt Andreas Bovenschulte für einen Appell. Es geht darum, wie weit die Demokratie im Umgang mit der AfD gehen sollte – und warum kein Fehler passieren darf

 16.10.2026

München

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Steffen Alisch

Meinung

Die Berliner Linke und ihr DDR-Vorleben

Linker Antisemitismus, Israelfeindschaft und Genozid-Vorwurf – all das gab es bereits in der DDR unter dem Regime der Linkspartei-Vorläuferin SED

von Steffen Alisch  16.10.2026

Staatsanwaltschaft

Der Bundestag hebt die Immunität von SPD-Abgeordnetem Adis Ahmetovic auf

Ermittler durchsuchen sein Büro und Wohnungen wegen des Verdachts verbotener Absprachen

von Leonard Fischer  16.10.2026

Annäherung

Warum die FPÖ auf ein Gütesiegel aus Israel hofft - Österreichs Rechte knüpfen Verbindungen zum Likud

Noch stehen in Österreich keine Wahlen an. Dennoch will die rechte FPÖ ihr aktuelles Umfrage-Hoch mit einer Strategie untermauern, die verwundert: Die einstige Altnazi-Partei sucht Unterstützung aus Israel

von Markus Schönherr  16.10.2026