Migrationsbericht

Nur noch 237 jüdische Zuwanderer

Innenminister Thomas de Maizière (CDU) stellte am 6. Januar in Berlin den Migrationsbericht der Bundesregierung vor. Foto: imago

Dass der Trend abnehmender Zuwanderung aus der früheren Sowjetunion gestoppt ist, lässt sich aus dem jüngst veröffentlichten Migrationsbericht der Bundesregierung nicht herauslesen. Zwar steht dort: »Aufgrund der politischen Entwicklungen in der Ukraine im Jahr 2014 haben die Antragszahlen ukrainischer Staatsangehöriger wieder zugenommen.« In absoluten Zahlen jedoch lag die Zahl jüdischer Zuwanderer aus dieser Region 2014 bei 237; das ist der bisherige Tiefstwert. Im Jahr zuvor waren es 246. Der Höchststand aus dem Jahr 1997 liegt bei 19.437 Zuwanderern.

Doch die Talsohle kann überwunden sein. Bis Ende Oktober 2015 waren nämlich 298 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingereist. Aron Schuster, stellvertretender Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle des Zentralrats (ZWST), spricht schon vorsichtig von einem Wiederanstieg der Zuwanderung. »Eine fundierte Aussage darüber lässt sich aber erst im Laufe des Jahres 2016 treffen«, schränkt Schuster jedoch ein.

de maizière Am Mittwoch vergangener Woche war Bundesinnenminister Thomas de Maizière in Berlin vor die Presse getreten, um das neueste Zahlenwerk des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vorzustellen. Während das mediale Augenmerk hauptsächlich auf den Flüchtlingen aus Syrien, Nordafrika und dem Kosovo lag, wurden die Zahlen zu den sogenannten Kontingentflüchtlingen, also den jüdischen Zuwanderern aus den Staaten der früheren Sowjetunion, kaum wahrgenommen.

Über 212.000 Menschen sind seit 1990 nach Deutschland gekommen, seit der Ministerrat der DDR im Juli 1990 beschlossen hatte – bestätigt durch die Ministerpräsidentenkonferenz im Januar 1991 – Juden aus diesen Staaten aufzunehmen. Nach anderen Berechnungsgrundlagen sind es sogar mehr als 220.000 Zuwanderer.

Die Kontingentflüchtlinge besaßen, wie es in einem »Working Paper« des Bundesamtes aus dem Jahr 2005 heißt, 76 verschiedene Staatsbürgerschaften. Das Gros der Zuwanderer kommt jedoch aus Russland und der Ukraine, den größten Ländern der GUS. Im Jahr 2002 kamen sogar mehr Menschen aus der GUS nach Deutschland als nach Israel oder in die USA, den bislang bevorzugten Auswanderungszielen.

zuwanderungsgesetz 2005 trat aber das Zuwanderungsgesetz in Kraft, und die bisherige Regelung für Kontingentflüchtlinge, das »Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge« fiel weg. Seitdem müssen jüdische Zuwanderer ihre Einreise nach Deutschland auf Grundlage dieses Gesetzes beantragen.

Dessen Paragraf 23 ermöglicht es, dass bestimmte Ausländergruppen »aus völkerrechtlichen oder humanitären Gründen oder zur Wahrung politischer Interessen der Bundesrepublik Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis« erhalten. Darunter fallen auch weiterhin Juden aus der früheren Sowjetunion. Das Gesetz hat die jüdische Zuwanderung »erheblich erschwert«, sagt Aron Schuster und freut sich, dass im Mai 2015 endlich eine Lockerung der Zuwanderungsregelung erwirkt wurde.

Im Vergleich zu den großen Gruppen der Zuwanderung fallen die Zahlen der jüdischen Zuwanderer nicht allzu sehr ins Gewicht. Großgruppen sind oder waren die Spätaussiedler, von denen 2014 noch 5649 kamen (der Höchststand war 1992 mit 230.565 Aussiedlern), die Asylbewerber (2014: 173.072, bisheriger Höchststand 1992: 438.191, für das Jahr 2015 wird eine höhere Zahl erwartet) und die sogenannten »Bildungsausländer«, womit in der Regel Studenten gemeint sind.

bildung Die jüdische Zuwanderung weist jedoch etliche Besonderheiten auf: Die meisten Zuwanderer kommen aus größeren und mittelgroßen Städten, ihr Bildungsstand ist überdurchschnittlich hoch. Gerade naturwissenschaftliche und technische Berufe sind bei ihnen oft anzutreffen. Forscher der Fachhochschule Köln kamen 2006 zu dem Schluss, dass jüdische Zuwanderer – gemeinsam mit Spätaussiedlern – »ein wichtiges Potenzial für die Wirtschaft und Gesellschaft der Bundesrepublik« darstellen.

Was gut klingt, hatte in der Wirklichkeit den enormen Nachteil einer hohen Arbeitslosigkeit. Nach nicht mehr ganz aktuellen Zahlen sind bis zu 80 Prozent der jüdischen Zuwanderer auf staatliche Transferleistungen angewiesen, bei den in Ostdeutschland lebenden Menschen ist der Anteil sogar noch höher. Das liegt vor allem daran, dass die Anerkennung ausländischer Abschlüsse erst 2012 verbessert wurde.

Doch Günter Jek, der das Berliner Büro der ZWST leitet, ist immer noch nicht optimistisch: Die Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung seien seit 2005 massiv zurückgefahren worden, »daher ist für die jetzigen Zuwanderer das gleiche Schicksal zu befürchten wie für viele ukrainische und russische Zuwanderer vor ihnen«.

Den Hauptanteil der Integration dieser Zuwanderer leisteten – und leisten bis heute – die jüdischen Gemeinden und die ZWST. »Perspektiven und Lösungen für und mit diesen Menschen zu erarbeiten, bleibt also weiterhin eine Schwerpunktaufgabe der jüdischen Sozialarbeit«, sagt Jek.

Debatte

Linke vertagt Entscheidung um Vanessa Emde

Die Berliner Linke ringt seit Wochen um den richtigen Umgang mit einer israelfeindlichen Abgeordneten. Nach einer Fraktionssitzung wurde wieder keine Lösung präsentiert

 27.10.2026

Regierungsbildung

Berliner Linke berät erneut über Vanessa Emde

Kurz vor dem geplanten Beginn von Koalitionsgesprächen mit Grünen und SPD diskutiert die Berliner Linke über Antisemitismus - einmal mehr

 27.10.2026

Berlin

Volker Beck zur Wahl: Regierungswechsel wäre gut für Israel

Der Urnengang entscheidet über die politische Zukunft von Benjamin Netanjahu. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft argumentiert, der Regierungschef habe viel Vertrauen verspielt

 27.10.2026

Beate Zschäpe im Jahr 2021 in ihrem Prozess

Rechtsextremismus

Gericht: NSU-Terroristin Zschäpe soll bis mindestens 2035 in Haft bleiben

Beate Zschäpe wollte vorzeitig aus der Haft entlassen werden. Das Gericht sagt Nein. Doch die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig

von Christoph Trost  27.10.2026

San Francisco/New York

KI mit Elvis-Songs gefüttert: Millionenklage gegen Anthropic

»Return To Sender« und diverse weitere Lieder des King of Rock’n’ Roll sollen ohne Zustimmung ins KI-Training geflossen sein

 27.10.2026

Berlin

Medienberichte über Israel auf dem Prüfstand

Wie weit klaffen Berichterstattung und Realität auseinander? Darüber ist am Freitag ist ein ganztägiger »Fachaustausch« an der Technischen Universität geplant

 27.10.2026

Ron Prosor

Interview

Ron Prosor: »Der linke Antisemitismus ist der gefährlichste«

Israels Botschafter in Deutschland über Brandmauern gegen Antisemitismus, die Regierungsbildung in Berlin und die Wahlen in Israel

von Bernward Loheide  27.10.2026

Teheran

Irans Generation Z kämpft um ihre Zukunft

Sie sind 17, sprechen über Krieg und denken ans Auswandern. Darja und Negin gehören zu einer Generation, die den Iran verändert, aber an der eigenen Zukunft dort zweifelt

von Arne Bänsch  27.10.2026

Dementi

Trump bestreitet Gespräche über weitere Wahlempfehlung für Netanjahu

Hat Israels Ministerpräsident den amerikanischen Präsidenten um mehr Unterstützung im Wahlkampf gebeten oder nicht?

 27.10.2026