Sachsen

NS-Zeit zweitrangig?

Stiftungsgeschäftsführer Siegfried Reiprich Foto: PR / Steffen Giersch

Da müsse man ganz vorsichtig und zurückhaltend sein, meint Herbert Lappe. Als Jude sei man in der DDR ja quasi »bevorzugt« worden, sagt er, und Parteimitglied sei er auch noch gewesen. Lappe ist jüdischer Vertreter im Beirat der Stiftung Sächsische Gedenkstätten.

Dass der Dresdner bei diesem Thema seltsam verdruckst wirkt, ist erstaunlich. Denn Lappe gilt als unterhaltsamer Chronist jüdischen Lebens, der über Antisemitismus aufklärt und sich gegen Neonazis engagiert, wie er dies von seinen Eltern gelernt hat: Die überlebten im Londoner Exil und kamen Ende der 40er-Jahre in der Hoffnung auf ein besseres Deutschland nach Dresden.

Dass sich Lappe aus der Stiftung heraushalten will, insbesondere wenn es um die Zeit nach 1945 geht, ist bemerkenswert. Seit die Stiftung Mitte der 90er-Jahre mit dem Auftrag gegründet wurde, an alle »Opfer politischer Gewaltherrschaft« zu erinnern – von 1933 bis 1989 –, gibt es Streit.

ddr-unrecht Opferverbände, Historiker und Mitarbeiter einzelner Gedenkstätten kritisieren seit Langem, dass die Stiftung diesem Auftrag nicht gerecht wird, nicht zuletzt, weil Geschäftsführer Siegfried Reiprich auf personeller und fachlicher Ebene umstritten ist. Er ist Bürgerrechtler und war Opfer der DDR, denn die hatte ihn als Mitglied eines unliebsamen Lyrikkreises exmatrikuliert und später ausgebürgert. Der studierte Geophysiker war Wunschkandidat der sächsischen CDU, die ihn 2009 gegen das Votum des Stiftungsrats, der einen anderen Kandidaten favorisierte, durchsetzte.

Kritiker sagen, dass sich die Verlautbarungen der Stiftungsleitung an der Grenze zur Geschichtsklitterung bewegen: etwa, wenn eine ungleiche Verteilung von Projektmitteln damit gerechtfertigt wird, dass 25 Jahre Wiedervereinigung gefeiert werden mussten, und der 70. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus unerwähnt bleibt, schon gar nicht gefeiert wurde. Oder wenn die Bedeutung des Nationalsozialismus kleingeredet wird, indem Reiprich erklärt, es habe in Sachsen nur frühe Lager, »keines der großen Hauptlager des NS-KZ-Systems«, gegeben. Schon die Fakten stimmen in dieser Logik, bei der offenbar Lagergröße über das Gedenkausmaß entscheidet, nicht: Es gab mehr als ein Dutzend Buchenwald-Außenlager in Sachsen.

bombardierung Nora Goldenbogen, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, meint, das sei noch nicht in der Geschichtspolitik angekommen. Dresden war lange mit sich selbst beschäftigt. »Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Schoa«, sagt Goldenbogen, »tendierte in den Nullerjahren gegen null.« Stattdessen mauserte sich die sächsische Landeshauptstadt ab 2005, dem 60. Jahrestag der Bombardierung, zum Zentrum eines neuen deutschen Geschichtsbewusstseins, das bestenfalls die Parität des Leidens kennt.

Sogenannte Mahndepots wurden in Erinnerung an das »Leid der vom Luftkrieg Betroffenen« in der Stadt aufgestellt; ganz bewusst an Orten, an denen auch Verbrechen an Juden, KZ-Häftlingen oder Zwangsarbeitern deutlich werden. Dennoch durfte der »Täterspurenmahngang«, den Goldenbogen Ende der Nullerjahre mitgestaltete, um die Ursachen der Bombardierungen zu zeigen, erst 2012 parallel zu den jährlichen Gedenkfeierlichkeiten im Februar stattfinden. Wäre eine solche Erinnerung nicht Aufgabe der Stiftung? Goldenbogen sagt es so: »Erscheinungen wie Pegida sind ja auch das Ergebnis einer verfehlten Geschichtspolitik.«

sonderweg Acht Jahre lang hatte die Zusammenarbeit zwischen der Stiftung auf der einen Seite und dem Zentralrat der Juden und NS-Opferverbänden andererseits auf Eis gelegen. Salomon Korn, damaliger Vizepräsident des Zentralrats, sprach von einem »sächsischen Sonderweg in der Erinnerungspolitik«. Es ging um die Gewichtung von nationalsozialistischer Barbarei auf der einen und stalinistischer Verbrechen und DDR-Unrecht auf der anderen Seite.

Diesen Prozess gestaltete Peter Fischer in vielen Bundesländern mit, bis heute. Seit den 90ern ist er der Gedenkstättenbeauftragte des Zentralrats der Juden. Doch nirgendwo sei dieser Prozess so »übel gelaufen« wie in Sachsen, sagt Fischer. Im Land der »Friedlichen Revolution« habe die Stunde der DDR-Bürgerrechtler, der neuen hypermoralischen Schwergewichte, geschlagen.

vorwürfe Stasi-Vorwürfe seien ausgepackt und der Antifaschismus an die Wand genagelt worden, während mithilfe der Stiftung ein Gedenkstein für einen gewissen Friedrich Timm verlegt wurde, der in Torgau in sowjetischer Gefangenschaft saß. Der Pathologe war nicht nur Mitglied in mehreren NS-Organisationen, als Professor in Jena hatte er zudem die Dissertation des SS-Arztes Erich Wagner für »sehr gut« befunden, die sich Hautpräparaten ermordeter Buchenwald-Häftlinge widmete.

»Die Darbietung ihres Leids, ihrer Opfer und ihrer Heldengeschichten kannte keine Vorbehalte, keinen Respekt«, sagt Fischer über die, die Gedenkstättenpolitik dominierten. Er selbst hat die Zusammenarbeit mit der Stiftung nie wieder aufgenommen. Auch nicht, als der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und NS-Opferverbände einen Neuanfang wagten, weil das sächsische Gedenkstättengesetz 2012 eine Präambel bekam, in der die »Singularität des Holocaust« und die »außerordentliche Bedeutung« von Opfern und bürgerschaftlichen Initiativen bei der historischen Aufarbeitung betont wurden.

Aber bis heute gibt es kein Stiftungskonzept, in dem diese Novellierung berücksichtigt wurde. Immerhin, die Arbeit der Stiftung soll nun überprüft werden, frühestens in einem Jahr soll es Ergebnisse geben. Was dabei herauskommt, weiß jedoch niemand.

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