Ghettorenten

Noch länger warten

Diese Arbeit war sozialversicherungspflichtig: Werkstatt im Ghetto Lodz Foto: dpa

Ein Thema, zwei Dementis. Anfang Februar hatte Spiegel Online gemeldet, das Bundesarbeitsministerium setze sich beim Thema Ghettorenten dafür ein, »allen noch lebenden Betroffenen rückwirkend ab 1997 eine Rente auszuzahlen«. Die Claims Conference und der Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte freuten sich. Zu früh.

Ein Sprecher von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen sagte jetzt der Jüdischen Allgemeinen: »Eine Lösung können wir nicht in Aussicht stellen«, die Meldung sei schlicht falsch. Zuständig sei derzeit gar nicht sein Ministerium, sondern die Fraktionen der Regierungsparteien müssten sich verständigen. Letztlich entscheide das Parlament.

siedlungsbau Zehn Tage später meldete die israelische Zeitung Yedioth Ahronoth, die Bundesregierung habe eine baldige Auszahlung der Renten an die sogenannten Ghettoarbeiter an einen Stopp des israelischen Siedlungsbaus geknüpft. Ein nicht genannter »Senior Official« im Kanzleramt habe sich in Verhandlungen entsprechend geäußert, will die Zeitung aus Regierungskreisen in Jerusalem gehört haben.

Nun war es das israelische Außenministerium, das dementierte: »Unserer Kenntnis nach besteht keinerlei Zusammenhang« zwischen diesen Themen. Vielmehr kooperiere Israel mit der deutschen Regierung, »um zeitnah eine umfassende Lösung der Problematik der Ghettorenten zu finden«. Auch von der Bundesregierung ist kein bestätigendes Wort in dieser Sache zu hören.

Keine Bewegung also in der Causa Ghettorenten. Es hapere, hört man in Regierung und Bundestag von verschiedenen Seiten, an ausreichendem Druck, den man sich von jüdischen Verbänden in Deutschland und von Israel erhoffe.

Bei der Claims Conference ist man irritiert: »Wir sind der Auffassung, dass schon immer genügend Druck gemacht wurde.« Und für den in Köln ansässigen Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte sagt dessen Sprecher Jost Rebentisch: »Dass sich nur durch Druck etwas bewegt, zieht sich ja durch die gesamte bundesdeutsche Entschädigungspolitik.« Jetzt aber zu sagen, man sei guten Willens, nur der jüdische Druck fehle – »das ist eine Unverschämtheit«.

bundestag Druck wird gegenwärtig auch aus dem parlamentarischen Bereich entfaltet. Im Dezember hatte der Sozialausschuss des Bundestages zu einer öffentlichen Anhörung geladen: Während etwa die Deutsche Rentenversicherung eine einmalige Entschädigung favorisiert, sagen Experten wie der Essener Sozialrichter Jan-Robert von Renesse, dass das Rentenrecht individueller auf die jeweilige Leidensgeschichte bezogen werden könnte. Das fordern auch die in Israel ansässige »Organization of Holocaust Survivors« und die Claims Conference.

Am Mittwoch kam es im Bundestag zu einer Fragestunde. Vertreter der Grünen, der SPD und der Linken wollten von der Bundesregierung wissen, warum eine Lösung des Problems noch nicht erreicht wurde. Schließlich sind die Menschen, um deren – nachweislich berechtigte – Rentenansprüche es geht, mittlerweile alle hochbetagt.

regierungskrach Indizien, dass es in der Sache einen Krach zwischen von der Leyens Arbeitsministerium und Angela Merkel gibt, finden sich. Der Grünen-Abgeordnete Wolfgang Strengmann-Kuhn etwa hakte bei der Regierung extra nach, ob es zwischen Kanzleramt und Ministerium unterschiedliche Auffassungen gäbe. In einer Auswertung der Bundestagsanhörung schrieb das Ministerium, es sei klar geworden, »dass eine weitere pauschale Entschädigungszahlung aus Sicht der Betroffenen ihren Interessen offenbar am wenigsten entsprechen würde«. Ähnliches war aus dem Hause Merkel bislang nicht zu hören.

Im Jahr 2009 hatte das Bundessozialgericht mehr als 20.000 Schoa-Überlebenden einen Rentenanspruch zugestanden. Laut Gesetz soll dies zum Jahr 1997 rückwirkend geschehen. Faktisch aber wird erst ab 2005 ausgezahlt, da im deutschen Sozialrecht eine Rückwirkung von maximal vier Jahren gilt.

»Social Media«

Hasskampagne von Influencern gegen Bildungsstätte Anne Frank

Die Bildungsstätte Anne Frank klärt über Antisemitismus und Extremismus auf Social Media auf. Nun erlebt sie eine Hasskampagne von Fitness- und Ernährungs-Influencern

 29.10.2026

Auszeichnung

Shimon-Peres-Preis für deutsch-israelische Projekte

Für einen Dialog in Krisenzeiten werden jetzt zwei deutsch-israelische Projekte ausgezeichnet. Der Preis erinnert an den Friedensnobelpreisträger und israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres

 29.10.2026

Debatte

Nach der »Spiegel«-Enthüllung: Jetzt spricht Elif Eralp

Die wichtigsten Statements der Linkspartei-Spitzenkandidatin im Überblick

 29.10.2026 Aktualisiert

New York

NYPD stoppt Direktvergabe an israelischen Überwachungstechnik-Hersteller

Linke Politiker und Aktivisten aus dem Umfeld von Bürgermeister Zohran Mamdani hatten den geplanten Kauf eines Ortungssystems kritisiert

 29.10.2026

Straßburg/Prag

Europarat warnt vor zunehmendem Antisemitismus in Tschechien

Sowohl die Zahl als auch die Schwere der Judenhass-Vorfälle nimmt zu

 29.10.2026

Berlin

Wie sich Elif Eralp von Terrorunterstützern mundtot machen lässt

Das Nachrichtenmagazin »Spiegel« hat brisante Hintergründe zur Spitzenkandidatin der Linkspartei veröffentlicht

 29.10.2026 Aktualisiert

Dubai

Verletzter »Fly Dubai«-Pilot für Rettung von Passagieren geehrt

Dem auf einem Flug nach Tel Aviv attackierten und schwer verletzten Kapitän geht es inzwischen besser. In den Vereinigten Arabischen Emirate wurde er nun für seinen Einsatz ausgezeichnet

 29.10.2026

Berlin

Zentralrat der Juden: Linke lässt sich von Vanessa Emde auf der Nase herumtanzen

Josef Schuster: »Solange Positionspapiere nicht von konkreten personellen Konsequenzen auf jeder Ebene begleitet werden, nehme ich der Linken ihr Bekenntnis zum Kampf gegen Antisemitismus nicht ab«

von Imanuel Marcus  29.10.2026

Washington D.C.

Medien: Vance lotet mit Teheran Chance auf Verhandlungen aus

Berichten zufolge bereiten die USA und Israel neue Militärschläge gegen den Terrorsponsor Iran vor. Nun soll es neue Bemühungen um eine diplomatische Lösung geben

 29.10.2026