Deutschland

»Hitler ist niedergekämpft worden. Unsere Städte mussten in Schutt und Asche gelegt werden, leider«

Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen), ehemaliger Bundesaußenminister Foto: picture alliance/dpa

Der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer ist davon überzeugt, dass man diejenigen unterstützen muss, die für ihre Freiheit und Unabhängigkeit kämpfen. Er habe immer Solidarität mit den Opfern von Aggression, sagte der Grünen-Politiker dem »Süddeutsche Zeitung Magazin«.

Weiter fügte er hinzu: »Ich bin keiner, der ‚linke Backe, rechte Backe‘ gelebt oder gepredigt hat.« Auch Hitler sei nicht durch Schweigekreise besiegt worden. »Er ist niedergekämpft worden. Unsere Städte mussten in Schutt und Asche gelegt werden, leider, weil man sich die Alternative - Deutschlands Nazis als Sieger - gar nicht vorstellen mag.«

Je älter er werde, desto wichtiger werde für ihn der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer (CDU), erklärte der 77-Jährige. Dieser habe die entscheidenden Linien mit der Westbindung gezogen: »Die Aussöhnung mit Frankreich. Der Beitritt zur Nato.«

Adenauer habe mit Europa begonnen, die Aussöhnung mit Israel angestoßen. All diese Dinge seien heute in anderem Rahmen sehr aktuell. Der erste Bundeskanzler habe damit der Bundesrepublik West eine neue Identität gegeben. »Das war eine enorme Leistung.«

Fischer räumte ein, nie CDU-Anhänger gewesen zu sein, »auch wenn ich aus dem Milieu komme: katholisch und heimatvertrieben«. Die Adenauer’sche Innenpolitik sei ihm zu konservativ und reaktionär gewesen. »Da war ich eher bei Bob Dylan.«

Bei der Musterung für die Bundeswehr habe es wegen seiner Kurzsichtigkeit »Ersatzreserve« für ihn geheißen. »Wenn sie mich eingezogen hätten, hätte ich vermutlich versucht, zu verweigern. In dem Alter war ich nicht der Meinung, die Bundesrepublik müsse verteidigt werden. Da war ich ein Radikaler mit ziemlich verrückten Ideen.«

Erst spät habe er auch begriffen, dass der Rechtsstaat vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte eine unglaublich wichtige Errungenschaft sei, so Fischer: »Was greift der Neo-Nationalismus als Erstes an? Den Journalismus als Erstes, als Zweites die unabhängige Justiz.« Das staatliche Gewaltmonopol sei ein unglaublicher zivilisatorischer Fortschritt. Das Risiko, dieses Monopol zu missbrauchen, sei natürlich groß. »Ich denke aber, es ist das Risiko wert, wenn die Institutionen entsprechend ausgestaltet sind. Es garantiert, dass private Gewalt nicht stattfinden darf.«

Angesichts der gegenwärtigen Militarisierung sagte Fischer: »Furcht ist nicht angebracht, aber kritische Skepsis.« Der historische Fehler der frühen Deutschnationalen im Kaiserreich sei gewesen, dass sie keine Konsequenzen aus der Mittellage Deutschlands in Europa gezogen hätten.

»Wäre - was damals nicht im Angebot war - die erste deutsche Einheit 1871 von Bismarck mehr in einem europäischen Sinne gestaltet worden, wäre uns viel erspart geblieben.« Ohne Deutschland werde auch heute noch keine europäische Verteidigungsfähigkeit herzustellen sein. Das gehe nur gemeinsam mit Frankreich. »Nie wieder allein - das muss die erste Konsequenz sein, auch im eigenen Interesse.«

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