Eine Aufnahme von der kleinen Karibikinsel Little St. James: Die Kamera schweift über breite gepflasterte Wege, die afrikanisch anmutende Statue eines Bogenschützen thront neben einem Pool, in dessen dunkelblauem Wasser sich Palmen spiegeln. Es sind Bilder wie aus einem Werbefilm für ein paradiesisches Urlaubsresort. Doch hinter dem bislang nie gesehenen Video, das jüngst – neben weiteren Millionen von Dokumenten – vom US-Justizministerium veröffentlicht wurde, verbirgt sich ein Puzzlestück in einem der düstersten Kriminalfälle dieses Jahrtausends.
Die Insel Little St. James war einer der Hauptschauplätze des Missbrauchsrings des US-Milliarden-Investors Jeffrey Epstein. Hierher brachte Epstein wohl Hunderte Mal prominente Gäste und minderjährige Mädchen. Zeugenaussagen in den Akten des FBI beschreiben, wie Epstein mithilfe seiner Vertrauten, der Britin Ghislaine Maxwell, über Jahre Teenager rekrutierte und sie zunächst für Massagen und später für immer extremere sexuelle Dienstleistungen missbrauchte. Die Reichsten und Mächtigsten der Welt gingen bei Epstein ein und aus. Fast alle von ihnen bestreiten heute, etwas von den Machenschaften ihres langjährigen Freundes mitbekommen zu haben. Glaubwürdig scheint das kaum.
Journalisten und Hobby-Ermittler durchpflügen E-Mails, Ermittlungsakten, Fotos, Videos und Tagebucheinträge von Epstein
Epstein nahm sich im Jahre 2019 in einer Gefängniszelle im Alter von 66 Jahren das Leben. Seine unrühmliche Geschichte hätte damit beendet sein können, wären da nicht die Massen der bislang scheinbar ungewürdigten Beweise für die mutmaßliche Komplizenschaft Tausender prominenter Persönlichkeiten. Journalisten und Hobby-Ermittler durchpflügen seit Wochen Hunderte Gigabytes von Daten: E-Mails, Ermittlungsakten, Fotos, Videos und Tagebucheinträge von Epstein, seinen Vertrauten und Opfern, die von der US-Regierung auf öffentlichen Druck und mit umfassenden Schwärzungen veröffentlicht wurden. Nahezu stündlich erscheinen neue Enthüllungsartikel, spannende und abstruse Theorien zum Fall mischen sich in den sozialen Medien zu einem schier undurchsichtigen Nebel aus Realität und Fiktion.
Der Daten-Dump wirft zahlreiche neue Fragen über das System Epstein auf. Dabei scheinen die ältesten und trivialsten Punkte längst nicht abschließend geklärt: Wer war der mysteriöse Mann, der direkten Zugang zur Wirtschafts- und Politikelite hatte? Woher kam sein Vermögen? Und steckte hinter seiner perfiden Missbrauchsmaschinerie nur niederer Instinkt – oder doch ein ausgeklügeltes System, mit dem Epstein die einflussreichsten Persönlichkeiten erpressbar machte? War Epstein gar ein Agent?
Daten-Dump wirft neue Fragen auf
Wer versucht, sich den Antworten anzunähern, stößt auf zahlreiche Widersprüche – und tiefe Abgründe. Teil der neu veröffentlichten Akten ist ein unscheinbares Dokument aus dem Juli 2019. Einige Tabellen wurden darauf gedruckt, sie sehen aus, wie mit Excel erstellt. Das Dokument gibt erstmals umfassend Aufschluss über den Reichtum, den Epstein an seinem Lebensende angehäuft hatte. Die Aufstellungen gehen offenbar auf Angaben zurück, die Epstein gegenüber den Behörden im Zuge seiner Registrierung als »Sexualstraftäter« machte. Darin finden sich 15 Autos, darunter ein Cadillac Escalade und ein Bentley Musanne, elf Boote und vier Privatflugzeuge. Zusammen mit Bargeldreserven, Wertpapieren, Hedgefonds und Immobilien war Epstein laut den neuen Akten rund 600 Millionen US-Dollar schwer.
Es ist ein bemerkenswerter Aufstieg. Denn Epstein wurde 1953 in Brooklyn als Sohn eines Grünflächenwarts und einer Versicherungsangestellten in eher einfache Verhältnisse geboren, verbrachte seine frühe Kindheit in einem typischen Mittelstandshaushalt in Coney Island. Epstein war ein guter Schüler, galt als genialer Mathematiker und begnadeter Klavierspieler. Er schaffte es ans elitäre Cooper Union College, wo er Mathematikkurse belegte. Nach einer Weile brach Epstein ab und schrieb sich an der New York University ein. Einen Abschluss machte er auch dort nicht.
Kultivierung der Lüge: Vom Aushilfslehrer zum erfolgreichen Trader - einschlägigem Ruf
Seinen Einstieg in die Finanzwelt schaffte er viel eher über Umwege: Obwohl ohne Abschluss, wurde Epstein als Mathematiklehrer an einer prestigeträchtigen Schule angeheuert. Hier kam der damals Anfang 20-Jährige in Kontakt mit den reichen Eltern einiger Schüler. Ein Vater soll so von Epsteins Intelligenz begeistert gewesen sein, dass er ihn einem Kontaktmann bei der Investmentbank Bear Stearns empfahl.
Dort mauserte er sich zum erfolgreichen Trader – und kultivierte die Lüge dabei als ein Mittel, seine Ziele zu erreichen. Laut einer Recherche des »Wall Street Journal« erfand Epstein kurzerhand einen Abschluss an der renommierten Stanford University. Als 27-Jähriger geriet Epstein in den Blick des »Cosmopolitan«-Magazins, das ihn zum »Junggesellen des Monats« kürte. In dem Artikel prahlte der junge Epstein bereits: Er nehme nur Aufträge von Klienten an, die mehr als eine Milliarde Dollar pro Jahr verdienten.
Das »Cosmopolitan«-Magazin kürte ihn zum »Junggesellen des Monats«.
Tatsächlich vertrauen vor allem zwei finanzstarke Männer Epstein im Laufe seiner Karriere Geld an: der langjährige Victoria’s-Secret-Chef Les Wexner und der Private-Equity-Investmentguru Leon Black. Den Rest soll Epstein durch Anlagegewinne verdient haben. Ab dem Jahr 2013 ein wichtiger Partner bei Epsteins Finanzgeschäften: die Deutsche Bank. Mehr als 40 Konten und Depots eröffnet das Kreditinstitut für seinen gut betuchten Kunden – und das trotz Epsteins einschlägigem Ruf. Ein internes Memo der Bank weist auf eine vergangene Haftstrafe Epsteins aus dem Jahr 2008 wegen der Anbahnung von Prostitution mit einer Minderjährigen hin. Dennoch empfehlen die Prüfer der Bank einen Vertragsabschluss mit Epstein. Der bekommt das Attribut »hochprofitabler Kunde«.
Im Fall Epstein gibt es viele Jane Does
Fortan beraten Mitarbeiter der Deutschen Bank Epstein engmaschig – und anscheinend rund um die Uhr. Sogar waghalsige Ideen des Investors – wie eine Milliarden-Wette gegen den Euro – unterstützen sie mit ihren Analysen, wie aus den neuen Akten hervorgeht. Aus einer rund 50-seitigen Präsentation, die die Bank 2019 für die Staatsanwaltschaft in New York anfertigte, geht hervor, dass Epstein über die Jahre hinweg nicht nur zahlreichen seiner Opfer Geld im Zuge von Zivilklagen überwies, sondern auch hohe Beträge an »offensichtlich ausländische Models« sandte. Zudem finden sich Namen wie Woody Allen und Noam Chomsky in der Aufstellung über auffällige Überweisungen Epsteins.
Jane Doe – so nennen amerikanische Ermittler weibliche Opfer, die in einem Prozess anonym bleiben wollen oder es aus Sicherheitsgründen müssen. Im Falle Epstein gibt es so viele Jane Does, dass selbst ihre eigenen Anwälte die Opfer im Laufe der Jahre immer wieder miteinander verwechseln. Viele ihrer Berichte ähneln sich. Die Jugendlichen, oft zwischen 15 und 18 Jahre alt, wurden von Freundinnen oder Epsteins Komplizin Maxwell angesprochen. Ihnen wurden Zahlungen von 200 bis 300 Dollar für Massagen angeboten. Epstein habe sich dabei entblößt. Später sei es häufig zu weiteren Missbrauchshandlungen gekommen. Gerichtsakten belegen ein regelrechtes Schneeballsystem, mit dem immer wieder neue Minderjährige angeheuert wurden.
Epstein prahlte, er habe »hübsche zwölfjährige Mädchen zu seinem Geburtstag einfliegen lassen«
Ein Opfer berichtete in einer Zeugenbefragung, Epstein habe geprahlt, er habe »hübsche zwölfjährige Mädchen zu seinem Geburtstag einfliegen lassen«. Es sei ein Überraschungsgeschenk von einem seiner Freunde gewesen. »Sie kamen aus Frankreich. Ich habe sie gesehen, ich habe sie getroffen.« Epstein habe gesagt, die Mädchen seien in Frankreich »wirklich arm«, ihre Eltern bräuchten das Geld.
Zu den von den Polizeibehörden vernommenen Opfern kommen unzählige Frauen, die nie in einem Zivil- oder Strafprozess gegen Epstein ausgesagt haben, aber die in E-Mail-Verläufen, Fluglisten, Fotos und Videos auftauchen. Die meisten dieser Aufnahmen wurden vom US-Justizministerium vor der Veröffentlichung mit großflächigen schwarzen Balken versehen. Dennoch bieten sie einen eindrücklichen Einblick in das verstörende Machtgefälle zwischen dem Superreichen und seinen jugendlichen Opfern.
Immer wieder ist zu erahnen, dass Epstein Mädchen in Situationen filmte, die an ein Bewerbungsgespräch erinnern. An einem Schreibtisch sitzend, filmte er, wie sich junge Frauen ihm präsentierten, manchmal gab er kurze Anweisungen, die Frauen tanzten oft minutenlang anzüglich für Epstein zu Musik. Epstein scheint hinter der Kamera mit den Fingern zu schnipsen. In einer anderen Aufnahme aus den Epstein-Dokumenten stolziert eine blonde Jugendliche, augenscheinlich in der frühen Adoleszenz, über einen Parkettboden, der an eine Tanzschule erinnert. Sie trägt einen Bikini und High Heels. Vor der Kamera stehend, stellt das Mädchen sich vor: Sie sei Lettin, 15 Jahre alt und 1,77 Meter groß.
Lettland als Rekrutierungsort für minderjährige Models
In Lettland haben die Strafverfolgungsbehörden Ermittlungen aufgenommen. Sie gehen dem Verdacht nach, dass Epstein Lettland als Rekrutierungsort für minderjährige Models nutzte. In den veröffentlichten Akten seien laut Behördenangaben auch Pässe und Flugtickets lettischer junger Frauen zu finden. Viel deutet zudem darauf hin, dass zahlreiche frühere Opfer Epsteins später nicht nur zu Komplizinnen bei der Rekrutierung weiterer junger Frauen wurden, sondern auch in Epsteins geschäftliches Netzwerk eintraten. E-Mails legen nahe, dass Epstein noch über Jahre Kontakt hielt, Geld und Kontakte zur Verfügung stellte und seine früheren Opfer mit anderen einflussreichen Personen zusammenbrachte. Mehr als eine steile Karriere scheint auf perfide Art auf das System Epstein zurückzugehen.
Die Schwelle zwischen Wahrheit und Verschwörung scheint im Kampf um die Deutung der Epstein-Akten fließend. Vor allem eine Theorie erfreut sich im Netz großer Beliebtheit. Laut ihr war Epstein Strippenzieher der vielleicht größten geheimdienstlichen »Honigfalle« der Geschichte. So bezeichnen Nachrichtendienstler Maßnahmen, mit denen hochrangige Zielpersonen in kompromittierenden Situationen gelockt werden – häufig mithilfe von Prostituierten. So plausibel dies scheint: Bislang fehlt es an klaren Beweisen, dass Epstein prominente Mitverschwörer erpresste. Die neuen Akten deuten aber darauf hin, dass der Amerikaner Mitarbeiter beauftragte, geheime Kameras anzuschaffen. Ein Epstein-Angestellter bestätigte den Kauf. Es sei »beeindruckend, wie klein die Kameras« seien. Er habe sie in Taschentuch-Boxen versteckt.
Mehr als nur eine steile Karriere scheint auf perfide Art auf das System zurückzugehen.
Zeugenaussagen deuten zudem darauf hin, dass der Investor sehr darauf bedacht war, andere einflussreiche Personen »in der Hand« zu haben. Eine junge Frau gab zu Protokoll: »Viele Leute waren ihm nach seinen Angaben zu Dank verpflichtet. Er hat alle in der Hand und lacht darüber, dass er Menschen nur aus dem einzigen Grund hilft, dass sie ihm am Ende etwas schuldig sind. Deshalb glaube ich, dass er überhaupt so viele Gefälligkeiten erweist.«
Besonders Epsteins Kontakte nach Russland rücken angesichts der möglichen Beschaffung von Kompromat in den Fokus. Nicht nur wird aus den Akten seine klare Vorliebe für junge russische Models deutlich. Auch Kontakte ins Umfeld des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB lassen sich durch die Dokumente nachzeichnen. Einem Mann namens Sergej Beljakow schreibt Epstein einmal: »Ich muss um einen Gefallen bitten.« Eine Frau aus Moskau versuche eine Gruppe einflussreicher Geschäftsleute in New York zu erpressen. Epstein fragt Beljakow nach Handlungsmöglichkeiten. Der ließ Epstein weitere Informationen zu dem Model zukommen.
Kontakte nach Russland rücken in den Fokus
Eine Recherche des exilrussischen »Dossier Center« zeigte, dass Beljakow Absolvent der FSB-Akademie ist. Eine andere Spur, die in den sozialen Medien diskutiert wird, führt nach Israel. Das liegt zum einen an dem intensiven Austausch Epsteins mit dem ehemaligen israelischen Premierminister Ehud Barak, der Epstein auch auf der Karibikinsel Little St. James besuchte. Zum anderen findet sich in den Akten die anonyme Aussage einer FBI-Quelle. Der darin dokumentierten Aussage zufolge sei Epstein ein Mossad-Agent. Belege für diese Spekulation fanden sich bislang keine.
Der Epstein-Skandal trifft auch die britische Königsfamilie hart: Die Polizei nahm jüngst den früheren Prinzen Andrew wegen seiner Verbindungen zu Epstein fest. Ihm wird vorgeworfen, als ehemaliger Handelsbeauftragter vertrauliche Dokumente an Epstein weitergeleitet zu haben. Bereits zuvor hatte Andrew infolge des Epstein-Skandals militärische Ränge und öffentliche Aufgaben verloren, nachdem auch Virginia Giuffre schwere Missbrauchsvorwürfe gegen ihn erhoben hatte, die er stets zurückwies. König Charles III. erklärte, die Ermittlungen zu unterstützen, und betonte die Solidarität des Königshauses mit den Opfern von Missbrauch.