Meinung

Nein, ihr seid nicht mutig

Na, jetzt klopft ihr euch auf die Schulter, nach eurer billigen Neun-Minuten-Provokation. Ihr habt uns lächerlich gemacht, indem ihr euch im Film unseren Stern an die Brust geheftet und das Seil um den Hals gelegt habt. Ihr wusstet, dass wir nervös aufheulen werden, aber eure kalten Anwälte haben euch zugenickt und gesagt, dass das als Kunstfreiheit durchgeht.

Euer Plan ist aufgegangen, unsere Alten haben aufgeheult, da habt ihr angefangen zu lächeln.

Vorfahren Wir wenigen sind die, die getroffen wurden. Wir sind wieder mal als das behandelt worden, was wir sind: als Fremde. Unser Leid, unsere Erinnerung ist eben nicht eure. Wir können nicht so mit unseren Erinnerungen spielen. Es sind unsere Vorfahren, es ist unser Leid, es bleibt unsere Demütigung.

Kalt seid ihr und niemals mitfühlend. Eins waren wir nie für euch: Menschen wie ihr.

Wir haben uns angepasst, uns verleugnet, aber ihr spürt uns auf, eure Kälte spürt uns auf, macht uns immer wieder ängstlich und beschämt. Eure rohe Brutalität, euer Lachen, euer kaltes Hervorzerren unserer Leiden lässt uns in unsere Löcher verkriechen.

Kalt seid ihr und niemals mitfühlend. Manchmal winselt ihr auch, weil ihr auch noch das Gefühl habt, ihr seid übervorteilt worden, wegen des Geldes, das ihr uns mal gezahlt habt, schreit, jetzt ist es aber genug, dann haltet ihr uns immer wieder vor, wir wären nicht besser als ihr, wir würden mit anderen machen, was ihr mit uns gemacht habt. Eins waren wir nie für euch: Menschen wie ihr.

STERN Was mutig gewesen wäre: Ihr hättet euch als die verkleidet, die ihr die ganze Zeit darstellt, deren Gehabe ihr ohnehin kopiert. Ihr wärt Nachbar, Zugführer und letztlich Mann in der Uniform gewesen, der uns Gesichtslose mit dem Stern an der Brust bis zur Gaskammer führt – und wie ihr damit weiterlebt.

Aber so war es nur pure, verlogene Heuchelei, die euch ein paar Taler bringt.

Der Autor ist Sänger der Band »Pankow« und wuchs als Kind jüdischer Kommunisten in der DDR auf.

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026

Nachruf

Eine Welt voller Wärme

Die jüdische Kinderbuchautorin Myriam Halberstam nimmt Abschied von Janosch, dem Vater von Tiger, Bär und Tigerente

von Myriam Halberstam  06.11.2026

Fernsehen

Biedere Bürgerlichkeit und organisierter Massenmord

Das ZDF zeigt den Oscar-prämierten Spielfilm »The Zone of Interest« über den KZ-Kommandanten Rudolf Höß, der mit seiner Familie unmittelbar neben dem Vernichtungslager Auschwitz lebte

von Josef Lederle  06.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  06.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  06.11.2026

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Interview

»Ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch«

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verrät im Gespräch zu ihrem neuen Buch, wie sie gelernt hat, das Leben bewusster und positiver wahrzunehmen – ohne die Augen vor dem Leid der Welt zu verschließen

von Katrin Richter  05.11.2026

Kulturkolumnne

Bis 120 oder Wie wir doch noch zu Muskeljuden werden

In der heutigen Zeit ziehen körperliche Optimierungstrends nicht spurlos an uns vorbei. Sollen wir uns davon beherrschen lassen?

von Laura Cazés  05.11.2026

Kino

Im Angesicht der Schmerzen, der Angst und Scham

»Block 10« beleuchtet die medizinischen Experimente an Frauen in Auschwitz – und versteht sich auch als eine Antwort auf die Gegenwart

von Chris Schinke  05.11.2026