Brexit

Mit Wenn und Aber

Europa umarmt Großbritannien: Demonstration vor dem Brandenburger Tor in Berlin Foto: dpa

Ein alter jüdischer Witz erzählt davon, dass in einem Schtetl ein äußerst unangenehmer Mensch gestorben ist. Wie die Tradition es will, soll zu seiner Beerdigung jemand ehrlichen Herzens lobende Worte über ihn sprechen. Doch es findet sich keiner, der, ohne zu lügen, dem Verstorbenen Gutes nachsagen kann. Bis schließlich der örtliche Schnorrer sich bereit erklärt, es gegen entsprechendes Honorar zu versuchen. Er tritt vor die versammelte Gemeinde und hebt an: »Wir stehen am Grab von Chaim Goldberg. Im Vergleich zu Schloime Grün da hinten rechts war er ein anständiger Mensch.«

Ähnlich geht es einem mit der Europäischen Union. Ja, die EU ist ein aufgeblähtes bürokratisches Monstrum, das unnötig in den Alltag ihrer Bürger eingreift – siehe Glühbirnenverbot. Sie setzt sich selbstherrlich über wirtschaftliche Vernunft und sogar ihre eigenen Regeln hinweg, wie im Fall der Griechenland-Rettungspakete. Und nicht zuletzt ist das vereinte Europa nicht gerade der beste Freund der Juden. Brüssel nimmt im Nahen Osten klar Partei als finanzieller und politischer Hauptsponsor der Palästinenser; für Israel hält die EU dagegen nur – von wenig Sachkenntnis getrübte – Verurteilungen parat, bis hin zu wirtschaftlichen Strafmaßnahmen wie der Kennzeichnungspflicht für Waren aus dem Westjordanland.

wirtschaft Und dennoch: Verglichen mit den möglichen Alternativen ist die Europäische Union ein Segen. Zum einen aus ökonomischen Gründen: Ohne den europäischen Binnenmarkt würde die derzeit ohnehin volatile Wirtschaft rasch in eine schwere Rezession geraten. Ohne die EU stünden wir auch sicherheitspolitisch noch schlechter da als bereits jetzt. Das vereinte Europa setzt als geopolitisches Gegengewicht einem zunehmend aggressiven Russland Grenzen, wenn auch bei Weitem nicht entschieden genug.

Vor allem aber, und hier sind Europas Juden direkt betroffen: Zerfiele die EU, hätten wir an ihrer Stelle einen Haufen Nationalstaaten. Und zwar nicht solche halbwegs zivilisierter Art wie Belgien, Frankreich oder, ja, Deutschland. Eher wären Polen oder Ungarn die Norm, Länder mit kaum gebrochener autoritärer und antisemitischer Tradition, die aktuell wieder an Fahrt gewinnt. In Ungarn ruft Ministerpräsident Viktor Orbán zum Kampf gegen »eine politische und geistige Elite« auf, die »im Gegensatz zu den national empfindenden Mehrheiten aus Weltbürgern besteht«.

Drei Mal darf man raten, wer gemeint ist. Polen hat einen Verteidigungsminister, der sich in einem Interview vor einigen Jahren zustimmend auf die Protokolle der Weisen von Zion bezog. Schlimm genug. Ohne die EU-Mitgliedschaft dieser Länder stünde es wahrscheinlich noch schlimmer. Brüssel bremst zumindest – wenn auch wieder nicht entschieden genug – solche Tendenzen. Ähnliches gilt auch für die EU-Nahostpolitik. Ohne den mäßigenden Einfluss von Camerons Großbritannien, Hollandes Frankreich und Merkels Deutschland würden dezidiert antizionistische Staaten wie Schweden eine noch aggressivere antiisraelische Linie fahren.

vielvölkergebilde Nun mag man an dieser Stelle mit Friedrich Torbergs Tante Jolesch einwenden, dass der Herr uns vor allem behüten möge, was noch ein Glück ist. Besagte Tante Jolesch hatte allerdings auch ihre Erfahrung damit, was geschieht, wenn ein schlecht funktionierendes Vielvölkergebilde in seine ethnischen Bestandteile zerfällt. Es wird alles nur noch schlimmer. Im alten Österreich-Ungarn lebten die Juden als juristisch gleichberechtigte Untertanen in halbwegs friedlicher Koexistenz mit und neben anderen Völkern.

Nachdem 1918 die Monarchie kollabierte, fanden sie sich als ungeliebte und diskriminierte Minderheit in neu entstandenen Nationalstaaten wieder. Unter den Habsburgern konnten etwa die ungarischen Juden Staatsbeamte oder Offiziere, sogar in den Adelsstand erhoben werden. Im Ungarn des Diktators Miklós Horthy wurde 1920 als eine der ersten Maßnahmen ein Numerus clausus eingeführt, der die Anzahl der Juden an Hochschulen auf nicht mehr als fünf Prozent begrenzte.

nationalstaat Das ist nicht nur historische Erinnerung. Auch in der populistischen Europa-Kritik heute schwingen nationalistische, ja, völkische Untertöne deutlich mit. Nicht zufällig sind es Parteien wie der Front National in Frankreich, die FPÖ in Österreich und in Deutschland die AfD, die den Kampf gegen Brüssel programmatisch in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen (sekundiert von regressiven Linken wie Sahra Wagenknecht). Sie wollen zurück zum Nationalstaat, am liebsten in der ethnisch reinen Variante. Mit dem allerdings haben Europas Juden im 20. Jahrhundert im Wortsinn fatale Erfahrungen gemacht.

Das vereinigte Europa bietet keinen Grund zum Jubel, zumal in seiner gegenwärtigen Verfassung. Doch sollte es zerfallen, hätten wir schneller, als wir gegenwärtig ahnen, allen Grund, es zu betrauern. Die Briten, die an diesem Donnerstag über den Verbleib in der EU votieren, sollten bei der Stimmabgabe an ein englisches Sprichwort denken: »Better the devil you know, than the devil you don’t« – frei übersetzt: Von zwei Übeln wählt man besser das, das man schon kennt.

Der Autor (in London geboren) ist Publizist in Berlin.

Nahost

Italien nimmt als Beobachter an Trump-»Friedensrat« teil

Bislang sind in dem Gremium des US-Präsidenten nur zwei EU-Staaten dabei

 14.02.2026

Solidarität

Für Freiheit im Iran: 200.000 Demonstranten in München

Unter den Rednern war auch der Publizist Michel Friedman: »Ein Regime, das für Terrorismus steht, gehört abgesetzt«

 14.02.2026

USA/Iran

US-Präsident Trump: Machtwechsel im Iran wäre wohl das Beste

US-Präsident droht Teheran im Streit über das Atom- und Raketenprogramm mit einem Angriff. Er legt nach: Nur ein Deal könne dies verhindern

 14.02.2026

NS-Raubkunst

Wolfram Weimer kündigt Restitutionsgesetz an

»Eine Frage der Moral«: Der Kulturstaatsminister stimmt einem unter anderem vom Zentralrat der Juden geforderten Gesetz zu

 14.02.2026

Berlin

Brandenburger Tor leuchtet als Zeichen der Solidarität mit Iran-Protesten

»Die gewaltsame Niederschlagung der Proteste ändert nichts daran, dass der Drang nach Freiheit bleibt«, sagt Kai Wegner (CD), der Regierende Bürgermeister

 13.02.2026

Augsburg

Gericht kippt Redeverbot für Höcke im Allgäu

Am Wochenende sollte Thüringens AfD-Landtagsfraktionschef in zwei Hallen in Bayern als Gastredner auftreten. Die Gemeinden wehren sich – aber vorerst nur in einem Fall mit Erfolg

 13.02.2026

Meinung

Danke, Herr Minister!

Johann Wadephul hat sich von Francesca Albanese distanziert und ihren Rücktritt gefordert. Doch jetzt müssen Deutschland und andere Staaten den Druck weiter erhöhen

von Michael Thaidigsmann  13.02.2026

Meinung

Jeffrey Epstein: Ein schlechter Mensch

Der verurteilte amerikanische Sexualstraftäter ist und bleibt ein beliebig formbares Vehikel für jedweden Verschwörungsmythos

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Diplomatie

Berichte: USA schicken weiteren Flugzeugträger nach Nahost

Der Schritt ist eine Drohung an das Regime im Iran, mit dem US-Präsident Donald Trump gerne ein Atom-Abkommen abschließen möchte

 13.02.2026