Interview

»Miete einen Juden«

Herr Rasumny, die Europäische Janusz Korczak Akademie in München hat jetzt ein Vermittlungsportal unter dem Motto »Rent a Jew« (Miete einen Juden) ins Leben gerufen. Wie ernst ist die Initiative gemeint?
Wir haben uns bewusst für einen etwas provozierenden Titel entschieden. Der deutsch-jüdische Dialog ist ja oft schon ernst genug, da kann man die Leute auch mal ein bisschen herausfordern. Vielleicht trägt der Slogan dazu bei, Berührungsängste abzubauen.

Worum geht es bei dem Programm?
»Rent a Jew« möchte einen Austausch zwischen Nichtjuden und Juden ermöglichen. Viele Institutionen sprechen häufig über das Judentum und würden es gerne mit Leben füllen. Auf der anderen Seite wiederum würden viele junge jüdische Menschen der Mehrheitsgesellschaft gern einen Einblick gewähren, wie jüdisches Leben in Deutschland im Jahr 2015 aussieht. Mit unserer Webseite www.rentajew.org sorgen wir dafür, dass beide zueinander finden.

An wen genau richten Sie sich?
An beide Parteien – man kann einen Juden kostenlos mieten oder sich als jüdischer Referent mieten lassen. Bei den »Mietern« haben wir vor allem Schulen, Universitäten, Kirchengemeinden und Volkshochschulen im Sinn. Die »Mietobjekte« müssen außer der Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement nichts mitbringen. Jeder kann mitmachen. Es ist uns wichtig, den Leuten zu zeigen, dass das heutige Judentum aus einer Vielfalt unterschiedlicher Lebensweisen besteht.

Wie ist die Idee zu »Rent a Jew« entstanden?
Im Rahmen des Nevatim-Programms der Jewish Agency for Israel haben wir uns Gedanken über effektive Medienarbeit gemacht und festgestellt, dass es oft die kleineren Projekte sind, die die größte positive Wirkung in der Öffentlichkeit erzeugen. Indem wir direkte Begegnungen zwischen Juden und Nichtjuden initiieren – und zwar fern von Klischees und Stereotypen –, wird es zudem möglich, miteinander statt übereinander zu reden, Fragen auf beiden Seiten zu beantworten und Vorurteile abzubauen. Und man kann sich über das Internet alles bestellen – warum also nicht auch einen Juden?

Mit wie vielen Anfragen rechnen Sie?
Das ist schwierig abzuschätzen. Aber schon jetzt ist die Resonanz auf beiden Seiten ziemlich groß. Das ist erfreulich, weil in Deutschland nach wie vor zwar viel über Juden gesprochen wird, aber die meisten in ihrem Leben noch nie einem Juden begegnet sind und die Gespräche deswegen oft sehr abstrakt sind. Daraus resultieren immer wieder Projektionen, die einfach nicht der Wahrheit entsprechen. Andererseits haben viele deutsche Juden Scheu, ihr Judentum zu thematisieren. Dabei sollte es selbstverständlich sein, über Jüdischkeit frei zu reden – und dass Vorurteile bei solchen Gesprächen keine Rolle spielen.

Mit dem Programmdirektor der Europäischen Janusz Korczak Akademie sprach Philipp Peyman Engel.

Gedenktag

Weltweit noch 196.600 jüdische Holocaust-Überlebende

Am 27. Januar wird an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 81 Jahren erinnert. Dort und an vielen anderen Orten ermordeten die Nationalsozialisten Millionen Juden. Noch können Überlebende von dem Grauen berichten

 20.01.2026

27. Januar

»Man tut sich mit den toten Juden leichter als mit den lebenden«

Eva Umlauf aus München ist Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Auf eine bestimmte Art des Gedenkens an die Opfer der Schoah schaut sie kritisch - und sagt, was sie sich wünscht

von Leticia Witte  20.01.2026

Stuttgart

Holocaust-Überlebende kritisiert ARD-Spitze, Sender reagiert mit Programmänderung

Eva Umlauf bezeichnet den Umgang mit dem Film »Führer und Verführer« als »Skandal und Schande«. Programmdirektorin Christine Strobl reagiert

 20.01.2026

Iran

Im Schatten der Gewalt

Das Teheraner Regime hat die jüngste Protestwelle mit aller Härte niedergeschlagen. Doch hinter der erzwungenen Ruhe wächst der Druck

von Arne Bänsch  20.01.2026

Teheran

Iran setzt Demonstranten Ultimatum, Justiz droht mit Hinrichtungen

Polizeichef Ahmad-Reza Radan fordert Demonstranten auf, sich zu stellen. Zugleich heißt es, bestimmte Delikte könnten als »Verbrechen gegen Gott« gewertet werden. Darauf steht die Todesstrafe

 20.01.2026

Meinung

Einladung, Empörung, Ausladung

Dass der Iran am Weltwirtschaftsforum in Davos zunächst willkommen war und kurz darauf wieder ausgeladen wurde, ist ein Lehrstück darüber, wie Menschenrechte erst dann zählen, wenn sie zum Reputationsrisiko werden

von Nicole Dreyfus  19.01.2026

Warnung

Holocaust-Überlebende besorgt um Zukunft der Demokratie

Sieben Holocaust-Überlebende berichten in dem Buch »Nach der Nacht« über ihre Sorgen um die Demokratie und den Aufstieg rechter Parteien. Zu sehen sind Ausschnitte der Interviews auch im Nachtprogramm der ARD

 19.01.2026

Analyse

Mächtiger Nebenbuhler

Saudi-Arabien wird für die USA ein immer wichtigerer Partner in Nahost. Was bedeutet diese Entwicklung für Israel?

von Joshua Schultheis  19.01.2026

Dachau

2025 mehr als eine Million Besucher in KZ-Gedenkstätte

Erstmals wurden in der KZ-Gedenkstätte Dachau ein ganzes Jahr lang Besucher gezählt. 2025 waren es mehr als eine Million. Im kommenden Frühjahr will man deren Profil genauer untersuchen

 19.01.2026