Antisemitismus

Michel Friedman: »Man will uns töten«

Michel Friedman Foto: IMAGO/Bernd Elmenthaler

Der Publizist und Jurist Michel Friedman (69) fühlt sich wegen seines jüdischen Glaubens in Deutschland nicht mehr überall sicher. »Ich gehe in bestimmten Teilen Berlins, wenn es dunkel wird, nicht entspannt spazieren«, antwortete der frühere stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland in einem Interview der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (FAZ) auf die Frage, ob er sich eingeschränkt fühle. 

»Als die Berliner Polizeipräsidentin vor ein paar Monaten im Prinzip erklärte, Juden und Schwule können nicht mehr überall in Berlin geschützt werden, dachte ich: Das ist jetzt der Offenbarungseid«, sagte Friedman. »Was soll mir das sagen?«

Friedman ergänzte: »In den letzten Jahren wurde ein jüdischer Mensch hierzulande immer mehr nur als Jude und immer weniger als Mensch betrachtet.« Die grundgesetzlich garantierten Freiheitsrechte und die Würde des Menschen würden stärker als jemals zuvor seit 1945 angetastet. »Es ist unerträglich, dass man zum «Untermenschen» gemacht wird, dass es wieder möglich ist, dass in unserem Land Menschen bestimmen, wer Mensch sein soll.«

»Man will uns töten – das ist eine unerträgliche Alltäglichkeit«

Seit Jahrzehnten schützten in Deutschland Polizisten Schulen und Kitas, in die jüdische Kinder gehen. »Man will uns töten – das ist eine unerträgliche Alltäglichkeit«, sagte Friedman. 

Nach dem Hamas-Massaker in Israel am 7. Oktober 2023 seien Synagogen in Deutschland angegriffen und auf Demos »Tod den Juden« geschrien worden. 

Dies habe in allen jüdischen Gemeinden eine dramatische Verunsicherung ausgelöst: »Können unsere Kinder noch sicher U-Bahn oder S-Bahn fahren? Müssen sich unsere Kinder, die Enkel der Holocaust-Überlebenden, im demokratischen Deutschland wieder so unsichtbar machen wie ihre Großeltern?«

Friedman fordert in seinem neuen Buch »Mensch! Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten« mehr Engagement für die Demokratie. dpa

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