Berlin

Merz schließt jede Zusammenarbeit mit AfD aus

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Unionskanzlerkandidat Friedrich Merz versucht drei Wochen vor der Bundestagswahl angesichts breiter Proteste gegen eine Kooperation mit der AfD einen Befreiungsschlag. »Es gibt keine Zusammenarbeit, es gibt keine Duldung, es gibt keine Minderheitsregierung, gar nichts«, versprach der Parteichef auf dem CDU-Wahlparteitag in Berlin. Die CDU wolle »gerade in diesem Wahlkampf alles tun, um diese Partei wieder so klein wie möglich zu machen«. Auch CSU-Chef Markus Söder erteilte jeder Zusammenarbeit mit der AfD eine klare Absage.

Merz rief unter anhaltendem Beifall der knapp 1.000 Delegierten, die von ihren Sitzen aufgestanden waren: »Ich kann den Wählerinnen und Wählern in Deutschland eines sehr klar und sehr deutlich versichern: Wir werden mit der Partei, die sich da Alternative für Deutschland nennt, nicht zusammenarbeiten. Vorher nicht, nachher nicht, niemals.« Die AfD stehe »gegen alles, was unsere Partei und unser Land in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Deutschland aufgebaut« habe, sie stehe gegen die Westbindung, den Euro, die Nato. 

Lesen Sie auch

Massive Proteste

Merz ging nicht auf die Bundestagsabstimmungen ein, in denen die Union sich vergangene Woche nicht dagegen gesperrt hatte, dass Mehrheiten nur mit AfD-Stimmen möglich waren. Ein Antrag zur Migrationspolitik hatte wegen der Unterstützung durch die AfD eine Mehrheit bekommen, ein Gesetzentwurf scheiterte, weil sich zahlreiche Abgeordnete von Union und FDP nicht an der Abstimmung beteiligten. Seitdem gibt es massive Proteste gegen Merz. 

Der Parteivorsitzende rief die Union auf, geschlossen Kurs zu halten. Die große Mehrheit der Bevölkerung sei mit CDU/CSU der Meinung, dass es in der Migrationspolitik so nicht weitergehen könne. Wenn es nicht gelinge, die Herausforderungen zu bestehen, »steht möglicherweise auch Deutschland vor einem Abrutschen in den linken oder rechten Populismus«. Die »kleiner werdende gesellschaftliche und politische rot-grüne Minderheit« kämpfe verzweifelt um den Rest ihrer Deutungs- und Entscheidungshoheit. 

Über mögliche Mehrheiten nach der Wahl sagte Merz: »Unser beständiger Kampf um die Mitte, unser Prinzip der notwendigen Kompromisse, das alles hat unser Land nicht schlechter gemacht.« Die Frage, wie groß der Vorsprung der Union bei der Wahl sei, werde auch darüber entscheiden, »wieviel wir jenseits der AfD in Zukunft durchsetzen können«. 

»Steiler Move«

CSU-Chef Markus Söder sagte vor den Delegierten: »Wir dürfen der AfD unser Land nicht überlassen. Die Linke ist kein Schutzwall dagegen, das sind wir, Friedrich.« Merz habe im Bundestag in eine »Leitentscheidung« getroffen, dies habe Unterstützung verdient. Der bayerische Ministerpräsident sprach von einem »steilen Move«. Noch vor zwei Wochen hätten manche von einem Schlafwagen-Wahlkampf der Union gesprochen, nun gleiche der Wahlkampf eher einer Achterbahnfahrt. 

Söder griff Grüne und SPD frontal an. Kanzler »Olaf Scholz ist nicht geeignet, unser Land weiter zu führen - auf gar keinen Fall«, rief er. Über den Grünen-Kanzlerkandidaten und Wirtschaftsminister Robert Habeck ätzte er: »Außer Spesen nichts gewesen - der Mann war sein Geld nicht wert. Und darum will ich ihn nicht am Küchentisch, ich will ihn nicht auf der Regierungsbank, sondern auf der Oppositionsbank sitzen sehen.« 

Bis zum Mittag gab es laut Polizei mehr als ein Dutzend Kundgebungen mit in der Spitze etwa 450 Teilnehmern, die sich überwiegend gegen die gemeinsame Abstimmung von Union und AfD im Bundestag vergangene Woche richteten. Erwähnenswerte Störungen habe es nicht gegeben, sagte ein Polizeisprecher. Mit etwa 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war die Demonstration von Fridays for Future nach seinen Angaben die größte. Die Polizei war mit rund 700 Einsatzkräften vor Ort. Bundesweit hatten in den vergangenen Tagen weit mehr als 100.000 Menschen gegen das Vorgehen der Union protestiert. 

Milliardenschwere Entlastungen

Während Merz sich weitgehend staatsmännisch und einen Schwerpunkt auf die Wirtschafts- und Steuerpolitik legte, übernahm Generalsekretär Carsten Linnemann für die CDU die Attacken auf SPD und Grüne. »Die Ampel war die schlechteste Bundesregierung aller Zeiten«, kritisierte er. In der Debatte über den Umgang mit der AfD warf er der SPD Wahltaktik vor. Unter Verweis auf Attacken auf CDU-Geschäftsstellen rief er Kanzler Olaf Scholz (SPD) auf, sie von solchen Aktionen zu distanzieren. Die Wirtschaftspolitik des Grünen-Kanzlerkandidaten Robert Habeck kritisierte er scharf.

In der Parteitags-Aussprache äußerten sich nur Mitglieder der Parteispitze - erwartungsgemäß mit Rückhalt für Merz. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), dem immer wieder Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur nachgesagt worden waren, stellte sich ebenfalls hinter Merz. Zugleich betonte er: »Nur ein weltoffenes Deutschland bleibt auch wirtschaftlich stark.« 

Die CDU schlägt in dem einstimmig beschlossenen »Sofortprogramm« milliardenschwere Entlastungen für Unternehmen und private Haushalte vor, um die Wirtschaft anzukurbeln. 2024 schrumpfte die Wirtschaftsleistung das zweite Jahr in Folge. Auch für dieses Jahr wird nur ein Mini-Wachstum erwartet.

Abschaffung des Heizungsgesetzes

Die Stromsteuer und die Netzentgelte sollen gesenkt werden, so dass eine Entlastung von mindestens fünf Cent pro Kilowattstunde entsteht. Anstelle der täglichen soll eine wöchentliche Höchstarbeitszeit festgelegt werden. Überstundenzuschläge sollen steuerfrei gestellt werden. Die Umsatzsteuer auf Speisen in Restaurants und Gaststätten will die CDU von 19 Prozent auf 7 Prozent senken. Die von der Ampel beschlossene Streichung von Agrardiesel-Vergünstigungen für Landwirte soll rückgängig gemacht werden. Das Heizungsgesetz der Ampel soll abgeschafft werden. 

Zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Kindern sollen IP-Adressen gespeichert werden. Elektronische Fußfesseln sollen Täter stoppen, die Gewalt gegen Frauen ausgeübt haben. Zur Bekämpfung illegaler Migration soll der Fünf-Punkte-Plan von Merz umgesetzt werden. Das am Freitag im Bundestag trotz AfD-Stimmen gescheiterte sogenannte Zustrombegrenzungsgesetz soll kommen. Die Union will die »Express-Einbürgerung der Ampel« rückgängig machen. Das Cannabis-Gesetz soll abgeschafft werden.

Debatte

Europäische Rabbiner für Social-Media-Verbot für Kinder

Parteien, Wissenschaftler und nun auch Rabbiner - die Unterstützung für ein Social-Media-Verbot für Minderjährige wächst. Gleichzeitig mehren sich auch die mahnenden Stimmen, die betonen: Ein Verbot allein reicht nicht.

von Johannes Peter Senk  23.02.2026

Nahost

US-Botschaftspersonal soll Libanon verlassen

Das amerikanische Außenministerium hat alle Mitarbeiter, die »nicht für den Notfall« benötigt werden, nach Hause beordert

 23.02.2026

Wiesbaden/Mainz 

AfD-Familienbande zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen

Vorwürfe der Vetternwirtschaft: Auch zwischen den AfD-Landtagsfraktionen in Mainz und Wiesbaden gibt es familiäre Verbindungen. Nur wegen der Fachkompetenz, betont die Partei

 23.02.2026

Düsseldorf

Proteste gegen Höcke-Reden in NRW - Machtkampf in der AfD

Begleitet von Protesten reist AfD-Politiker Höcke durch NRW. Das stärkt den rechten Flügel der nordrhein-westfälischen AfD - und das kurz vor einem womöglich richtungsweisenden Landesparteitag

von Marc Herwig  23.02.2026

Göttingen

Ehrendoktortitel für Holocaust-Überlebenden Leon Weintraub

Auch Ehrung mit Friedenspreis geplant

 23.02.2026

Teheran

Proteste an iranischen Universitäten halten an

Anfang Januar wurden Massenproteste im Iran brutal niedergeschlagen. Entsprechend verzögerte sich der Beginn des neuen Semesters. Nun startet es mit neuen Demonstrationen

 23.02.2026

USA

Nach Epstein-Vorwürfen: Tucker Carlson entschuldigt sich bei Isaac Herzog

Der rechte Moderator: »Es gibt nichts Schlimmeres, als den Ruf eines unschuldigen Mannes zu beschädigen. Es tut mir leid, angedeutet zu haben, ich wüsste etwas, das ich nicht wusste.«

 23.02.2026

Schwedt

AfD-Lokalpolitikerin verteidigt »aus Versehen« Hitler

Peggy Lindemann teilte einen Beitrag, in dem Juden unterstellt wird, sie würden Kinderblut trinken

 23.02.2026

Berlin

Gedenken an Proteste von 1943 in der Rosenstraße

Der Protest von wahrscheinlich mehreren hundert Frauen in der Berliner Rosenstraße während der zwölfjährigen NS-Diktatur gilt als beispiellos. An den lange vergessenen Widerstand wird am Donnerstag erinnert

 23.02.2026