Interview

»Mehr Religion in die Ausstellung«

Erklärte am Freitag seinen Rücktritt als Direktor des Jüdischen Museums Berlin: Peter Schäfer Foto: Yves Sucksdorff

Herr Schäfer, Sie haben diese Woche als neuer Direktor des Jüdischen Museums Berlin angefangen – mit über 700.000 Besuchern im Jahr eines der populärsten Museen in Deutschland. Manche fragen sich, ob Sie als Professor für Judaistik der Richtige für den Job sind. Was antworten Sie ?
Akademiker leben nicht im Elfenbeinturm. Und wenn sie es doch tun, sind sie fehl am Platze. In Princeton, wo ich bis vor Kurzem gelehrt habe, sind Jüdische Studien kein eigenes Fach. In Amerika gibt es die berühmte »shopping period«. Die ersten zwei Wochen des Semesters können sich die Studenten den Unterricht anschauen. Wenn sie ihn nicht gut finden, bleiben sie weg.

Sie wollen also auf die Besucher zugehen. Welche neuen Akzente werden Sie setzen?
Die Dauerausstellung ist 15 Jahre alt. Jetzt stellen wir ein Konzept für eine komplett neue Dauerausstellung auf die Beine. Unsere Besucher wollen mehr darüber wissen, wie sich die Gründung des Staates Israel auf das deutsche Judentum ausgewirkt hat. Sie wollen mehr über deutschen Zionismus wissen, über deutsche Juden, die emigriert sind. Wir wollen noch stärker zeigen: Was haben die Emigranten mit ihrem Judentum gemacht? Das klassische Beispiel ist das Reformjudentum in Amerika.

Manche hoffen, dass gerade Sie als Nichtjude das Museum »jüdischer« machen.
Der deutsche Goj, der Nichtjude Peter Schäfer, soll das Jüdische Museum, bisher geleitet von dem eher säkularen Juden Michael Blumenthal, jüdischer machen? Das ist eine Herausforderung! Ich will nicht sagen, dass das Museum bisher nicht jüdisch gewesen ist, Gott behüte. Gemeint ist wohl, dass vielleicht die Religion etwas stärker zum Tragen kommen könnte.

Oft wurde Kritik laut, das Museum zeige eine Show für Nichtjuden, die mit jüdischem Alltag wenig zu tun habe.
Das Jüdische Museum Berlin ist für alle Teile der Bevölkerung gedacht, natürlich auch für Juden. Und zwar nicht nur für säkulare, sondern auch für orthodoxe Juden. Darauf werde ich sicherlich versuchen zu achten.

Was sind die nächsten Highlights?
Die Ausstellungen »Haut ab!« zur Beschneidung und zur Opferung Isaaks mit Peter Greenaway und Saskia Boddeke als Kuratoren. Mittelfristig plane ich in Zusammenarbeit mit dem Haus eine Ausstellung über den Golem.

Nimmt Antisemitismus in Deutschland aus Ihrer Sicht zu?
Da sind Dinge in Bewegung geraten, die ich mir so nicht hätte vorstellen können. Der Antisemitismus ist ja kein neues Phänomen. Aber er hat eine neue Qualität bekommen, die man vielleicht als »globalisierten Antisemitismus« bezeichnen kann – der auch durch das Internet verbreitet wird. Auch der stärker gewordene Antisemitismus mit muslimischem Hintergrund ist eine neue Entwicklung, denn wir wissen ja alle, dass Judentum und Islam sehr gut zusammengelebt haben über die Jahrhunderte – viel besser als Judentum und Christentum über lange Zeit.

Mit dem neuen Direktor des Jüdischen Museums Berlin sprach Ayala Goldmann.

Handelte es sich beim Nationalsozialismus um eine linke Ideologie?

Ein Faktencheck

 23.10.2026

Justiz

Ermittler: Ahmetovic kooperierte nicht bei Durchsuchungen

Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt im Zusammenhang mit der Ausschreibung eines früheren Klinikgeländes in Lehrte bei Hannover gegen den SPD-Politiker

 23.10.2026

Berlin

Umfrage: Mehrheit lehnt rot-grün-rote Koalition ab

Linke, SPD und Grüne verhandeln derzeit über eine gemeinsame Landesregierung. Eine solche Koalition stößt auf Skepsis - auch unter Anhängern von SPD und Grünen

 23.10.2026

Warschau

Polen rügt Ehrung für ukrainische Nationalisten in Lwiw

Erst ein Ehrentitel für eine ukrainische Einheit, nun ein Gedenkjahr für nationalistische Untergrundkämpfer: Der Geschichtsstreit zwischen Polen und der Ukraine flammt erneut auf

 23.10.2026

Umfrage

Umfrage: So würde Deutschland abstimmen, wenn am Sonntag Wahlen wären

 23.10.2026

München

Aigners Befund zu Judenhass: »Das ›Nie wieder!‹ ist tot«

Die bayerische Landtagspräsidentin gibt eine schonungslose Analyse zum Antisemitismus in Deutschland. Doch sie sieht auch hoffnungsvolle Ansätze, um gegenzusteuern

 23.10.2026

Deutschland

Wie hält es die CDU in Sachsen-Anhalt mit der AfD?

AfD-Politiker Siegmund braucht drei Stimmen aus anderen Reihen, um Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt zu werden. Ein CDU-Abgeordneter stellt sich nun gegen die CDU-Fraktionslinie

von Christopher Kissmann  22.10.2026

Debatte

Wahl in Israel: Star-Dirigent Lahav Shani meldet sich ausführlich zu Wort

In der Vergangenheit war der Musiker mehrmals im Visier radikaler Israelfeinde

 22.10.2026

Berlin

Zentralrat der Juden warnt vor rot-grün-roter Koalition

Schuster: »Im Kampf gegen Judenhass ist dieses Schauspiel ein echter Offenbarungseid«

 22.10.2026 Aktualisiert