Maccabiah

Mehr als Sport

Kein Fest um seiner selbst willen: Eröffnungszeremonie der Maccabiah in Tel Aviv Foto: Reuters

Für die antiken Griechen war Schönheit heilig; für die Juden war Heiligkeit schön. Ausgerechnet im Rahmen des Sports eskalierten diese beiden unterschiedlichen Positionen zu Gegensätzen, die in letzter Konsequenz kriegerisch ausgetragen wurden. Jedes jüdische Kind, das schon einmal Chanukka gefeiert hat, weiß, dass der jüdisch-griechische Wertekonflikt mit einer gewalttätigen Konfrontation im Stadion begann. Wie es dann weiterging, ist bekannt.

An diese Geschehnisse knüpft die Maccabiah nicht nur im Namen an, sondern auch ethisch. Die Wettkämpfe dieses internationalen jüdischen Sportfestes sollen von den Werten bestimmt sein, die uns die Makkabäer überliefert haben. Damit zukünftige Generationen nicht auf den Gedanken kämen, allein deren militärischen Sieg zu feiern, haben uns die Rabbinen gelehrt, das Wunder vom Ölkrüglein ins Zentrum der Erinnerung zu stellen, und eben nicht das Kriegsgeschehen.

hellenisten Sonst wären wir nicht besser als die Hellenisten, für die Krieg ein Wettbewerb zwischen verfeindeten Göttern war. Ein militärischer Sieg aber ist kein göttliches Wunder und nicht, wie in der Sicht von heidnischen Götzendienern, auf höhere Mächte zurückzuführen. Faktoren wie Ausrüstung, Truppenstärke und Strategie entscheiden auf dem Schlachtfeld, wobei es natürlich auch auf Ausbildung und nicht zuletzt auf Kampfmoral ankommt.

Das alles sind Charakteristika, die auch den Sport prägen. Dabei, und auch dafür steht der Name Maccabiah programmatisch, soll jüdischer Sport aber nie bloßes physisches Kräftemessen sein. Nicht von ungefähr wird mit den Makkabäern der Prophetenspruch von der Macht des Geistes und nicht des Körpers verbunden (Secharja 4,6). Rein körperliche Konkurrenz läuft Gefahr, in Awoda Zara auszuarten: Götzendienst. Genau dagegen haben die Makkabäer sich ja so tapfer gewehrt.

götzendienst Götzendienst ist aus jüdischer Sicht nicht nur jedwede Kultur, die keine einheitliche übergeordnete moralische Instanz kennt. Als Götzendienst gelten auch kulturelle, gesellschaftliche und politische Phänomene, die sich selbst zu ihrem eigenen Maßstab überhöhen, zum Wert an sich. Das kann eine Ideologie sein, aber auch Kunst oder Wissenschaft. Eine Physik zum Zweck der Physik ist genauso götzendienerisch und gefährlich wie der brüllende Kinolöwe von MGM mit seinem Wahlspruch »Ars Gratia Artis«, also »Kunst um der Kunst willen«. (Wir können allerdings davon ausgehen, dass die MGM-Gründer Goldwyn, Loew und Mayer in Wirklichkeit Kunst um der Kasse willen betrieben.)

In genau diesem Sinne götzendienerisch ist leider oft auch der Sport. Die modernen Olympischen Spiele, von ihrem Gründer Pierre de Coubertin im 19. Jahrhundert als hehrer Amateurwettstreit jenseits von Ökonomie und Politik als friedliches Fest der Völker gedacht, laufen schon lange Gefahr, sich selbst ad absurdum zu führen und in Nationalismus um des Nationalismus und Kommerz um des Kommerzes willen auszuarten. Da gewinnt nicht der Bessere, sondern der Reichere, so wie bei der Tour de France Sieger wird, wer die fortgeschrittensten und am wenigsten nachweisbaren pharmazeutischen Leistungsverstärker einnimmt.

korruptionsskandal Noch schlimmer der Weltfußballverband FIFA, der nicht nur für seine Korruptionsskandale bekannt ist, sondern auch ganz handfest bereits Menschen in Not und Hunger trieb (zuletzt durch die WM in Südafrika, demnächst in Brasilien, wo sich gerade viele Bürger wütend mit Massendemonstrationen wehren). Das ist nicht bloß Awoda Zara; es ist schlichtweg ein Verbrechen. Kein Sport ist es wert, dass seinetwegen Menschen Hunger leiden müssen.

Die Maccabiah kann und wird sich vor ähnlichen Entwicklungen nur so lange schützen können, wie ihr Ziel, das Judentum zu stärken, im Vordergrund steht und nicht der Körper zum Kult erhoben wird, sondern der geistige Anspruch der jüdischen Verbundenheit von Sportlern und Zuschauern untereinander dominiert. Diesen Werten muss die sportliche Konkurrenz untergeordnet sein, wenn sie nicht zum Selbstzweck und damit zum Götzendienst verkommen soll. Zum Glück ist das nicht der Fall: Wir können beobachten, wie während der Maccabiah gerade auch solche Juden für Jüdisches zu begeistern sind, die dem Gemeindeleben und der Religion sonst eher fernstehen.

Mit der in diesen Tagen eröffneten Maccabiah schaffen wir wieder, was in der Antike und in der Moderne auch möglich war, bis Götzendiener und Faschisten uns ausschließen wollten: eine offene Veranstaltung im Gleichgewicht zwischen Körper und Geist und im Zeichen der Freundschaft. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Maccabiah und den Olympischen Spielen. Möge der Bessere gewinnen.

Der Autor ist Rabbiner der Budge-Stiftung in Frankfurt/Main.

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