Ethikrat

»Medizinisch und jüdisch argumentieren«

Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: Gregor Zielke

Herr Schuster, Sie wurden am Donnerstag vergangener Woche als Mitglied des Deutschen Ethikrates berufen. Ist das eine Ehre oder eine Verpflichtung?
Es ist beides: Es ist eine Ehre, Mitglied des Deutschen Ethikrates zu sein. Das setzt voraus, dass die berufende Stelle der Meinung ist, dass der- oder diejenige etwas zu ethischen Grundsätzen zu sagen hat und dies auch begründen kann. Und eine Verpflichtung ist es, da eine solche ehrenvolle Berufung Arbeit mit sich bringt. Es gibt regelmäßige Sitzungen, und dabei gilt es, sich mit fundierter Sachkenntnis einzubringen.

Sie sind Internist. Werden Sie im Ethikrat eher aus medizinischer oder eher aus jüdischer Sicht argumentieren?
Ich habe viele Jahre der Bioethik-Kommission der bayerischen Staatsregierung und der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer angehört. Daher weiß ich, dass es kein Widerspruch ist, medizinisch und jüdisch zu argumentieren. Medizinischer Sachverstand ist mitunter bei ethischen Fragen nicht schlecht, und auch das Judentum hat hier eine ganze Menge beizutragen – kein Widerspruch also, sondern vielmehr eine Ergänzung.

Werden Sie auch explizit jüdische Positionen einbringen, wenn zum Beispiel über rituelles Schächten oder ähnliche Fragen diskutiert wird?
Definitiv ja. Zum Beispiel habe ich bei der Debatte über die Präimplantationsdiagnostik, die in den eben erwähnten Ethikkommissionen diskutiert wurde, eine andere, in gewisser Hinsicht liberalere Haltung eingenommen als die Vertreter der christlichen Kirchen. Da geht es um die Frage, wann Leben beginnt. Und hier hat das Judentum eine andere Auffassung als das Christentum, sodass Präimplantationsdiagnostik aus jüdischer Sicht ethisch vertretbar ist.

Will sich der Zentralrat der Juden verstärkt zu ethischen Fragen äußern – von Big Data bis zur Impfpflicht?
Das muss man differenziert betrachten. Wenn es sich um spezifisch jüdische Themen handelt, hat sich der Zentralrat auch bislang dazu geäußert. Darüber hinaus sehe ich dafür keine Veranlassung.

Die derzeitige Corona-Krise wirft zahlreiche ethische Fragen auf, beispielsweise die nach der Würde des Menschen. Sehen Sie dieses und andere Grundrechte derzeit bedroht?
Ich beobachte, dass Grundrechte eingeschränkt werden. Und ich gehe mit denen konform, die fordern, dass dies wirklich engmaschig und regelmäßig überprüft und überwacht werden muss. Denn ein Grundrecht darf nicht länger als zwingend notwendig beschnitten werden.

Das Grundrecht der Religionsfreiheit war erheblich eingeschränkt. Jetzt können Gottesdienste wieder stattfinden. Wie bewerten Sie das?
Ich begrüße diese Entscheidung des Bundes und der Länder und akzeptiere aber auch, dass manche jüdischen Gemeinden zunächst noch zögern. Denn viele Menschen, die Gottesdienste besuchen, gehören einer Risikogruppe an. Es bleibt abzuwarten, wie die Beter sich selbst dazu stellen – unabhängig davon, dass in den Synagogen Hygiene- und Schutzmaßnahmen eingehalten werden müssen. Dies stellt insbesondere in kleineren und mittelgroßen Gemeinden eine logistische Herausforderung dar.

Wie kommt die jüdische Gemeinschaft Deutschlands Ihrer Meinung nach durch diese Krise?
Ich denke, dass hier insbesondere die jüdische Wohlfahrtsorganisation ZWST eine herausragende Arbeit leistet, die sich auch auf die einzelnen Gemeinden überträgt. Wir sehen in fast allen Gemeinden, wie groß das Engagement ist, gerade wenn es darum geht, älteren Mitgliedern, die alleine leben, entsprechende Hilfe und Unterstützung zu bieten. Die Gemeinden und ihre Mitglieder wachsen nach meinem Eindruck in dieser Krise noch enger zusammen.

Mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden sprach Detlef David Kauschke.

Berlin

»Wenn Alice Weidel Kanzlerin wird, bin ich weg!« 

Der Kabarettist Dieter Nuhr sagt, er halte es für einen Fehler, die AfD politisch konsequent auszuschließen. Die Dämonisierung der Partei habe ihr eher genützt

 10.06.2026 Aktualisiert

Berlin

Dieter Nuhr erhält den Leo-Baeck-Preis

Der Kabarettist ist mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet worden. Zentralratspräsident Josef Schuster würdigte den Kabarettisten für seinen entschiedenen Einsatz gegen Antisemitismus

von Detlef David Kauschke  10.06.2026

Leo-Baeck-Preis

»Seine Arbeit hat rettende Relevanz«

Ahmad Mansour lobte in seiner Laudatio auf Dieter Nuhr den Mut und die intellektuelle Unbestechlichkeit des Kabarettisten. Eine Dokumentation

von Ahmad Mansour  10.06.2026

Rede

»Sie beweisen Zivilcourage und folgen mit ihrem Mut dem Beispiel von Leo Baeck«

Zentralratspräsident Schuster hob bei der Vergabe des Leo-Baeck-Preises Dieter Nuhrs ebenso fairen wie kompetenten Blick auf den jüdischen Staat hervor

von Josef Schuster  10.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  10.06.2026

Krieg

»Jetzt müssen sie die Konsequenzen tragen!«

Der US-Präsident sieht die iranischen Streitkräfte am Boden und droht dem Land einmal mehr. Teheran habe die Chance für einen Deal verpasst

 10.06.2026

München

Anklage nach Angriff auf israelisches Konsulat

Ein 24-Jähriger wirft Steine auf die Einrichtung und löst mit einem verdächtigen Rucksack einen größeren Polizeieinsatz aus. Weshalb ihn Ermittler vor Gericht sehen wollen

 10.06.2026

Brandenburg

Goebbels-Villa könnte Zentrum gegen Extremismus werden

Das alte Haus nördlich von Berlin verfällt seit Jahren. Jetztsoll daraus ein Ort gegen Antisemitismus werden

 10.06.2026

Meinung

So macht man Stimmung

Die deutsche Berichterstattung über den Krieg zwischen Israel und der Terrormiliz Hisbollah ist unterkomplex und einseitig. Über die wahren Interessen der Libanesen wird dabei hinweggegangen

von Ahmad Mansour  10.06.2026