Glückwunsch

Masal tow und bis 120!

Dieter Graumann bei der Kundgebung »Steh auf! Nie wieder Judenhass!« 2014 am Brandenburger Tor Foto: picture alliance / SuccoMedia

»Dass auf deutschen Schulhöfen, dass auf deutschen Sportplätzen das Wort ›Jude‹ mittlerweile als Schimpfwort gebraucht wird, das ist einfach eine Schande, ein Skandal, das ist eine brennende Wunde. Und kein anständiger Mensch in diesem Land darf sich jemals damit abfinden! Die Ausbrüche von Antisemitismus haben viele jüdische Menschen im Land tief schockiert. Viele sind sehr besorgt, beunruhigt, bedrückt. Verunsichert wird nun immer wieder die Frage gestellt: Hat Judentum denn unter diesen Umständen in diesem Land noch eine Zukunft?«

Diese eindrücklichen Worte erscheinen hochaktuell. Sie erinnern an den Anschlag auf die Synagoge in Halle und an die aktuelle Debatte über die Definition von Antisemitismus. Doch diese Worte sind vor sechs Jahren gefallen. Sie stammen von Dieter Graumann – der sich stets wie kein Zweiter mit Verve und ebenso mit Klugheit und hohem politischen Sachverstand geäußert hat.

Dieter Graumann, mein Vorgänger im Amt des Zentralratspräsidenten, feiert an diesem Donnerstag, am 20. August, seinen 70. Geburtstag. Vier Jahre lang stand er an der Spitze des Zentralrats der Juden. Und was für vier Jahre! Wohl selten haben sich in einer Amtszeit so gravierende Ereignisse geballt wie zwischen 2010 und 2014.

GAZA-KONFLIKT Die eingangs zitierten Worte stammen aus der Rede, die Dieter Graumann 2014 bei der Kundgebung des Zentralrats am Brandenburger Tor gehalten hat. Nachdem es – ausgelöst durch den Gaza-Konflikt – den ganzen Sommer über in Deutschland zu hässlichen antisemitischen Demonstrationen gekommen war und jüdische Einrichtungen angegriffen worden waren, rief der Zentralrat der Juden selbst zur Gegendemo auf – weil niemand sonst eine solche organisierte.

Dieter Graumann gewann starke Bündnispartner für die Kundgebung am Brandenburger Tor.

Dieter Graumann gewann starke Bündnispartner für diese Kundgebung: Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach, die Gewerkschaften, die Kirchen und zahllose weitere Verbände und Parteien unterstützten das Anliegen des Zentralrats: »Steh auf! Nie wieder Judenhass!«

Dass es dem Zentralrat in kürzester Zeit gelang, diese große Kundgebung zu organisieren, lag auch an der Professionalisierung des Verbandes, die Dieter Graumann angestoßen hatte. Zunächst gelang es ihm, mit der Bundesregierung auszuhandeln, die Staatsvertragsmittel für den Zentralrat ab 2012 von jährlich fünf auf zehn Millionen Euro zu verdoppeln. Einen Teil dieser Mittel investierte Dieter Graumann in neue Mitarbeiter, die bis heute viel Know-how einbringen.

DENKFABRIK Dieter Graumann hatte das Ziel, den Zentralrat zur jüdischen Denkfabrik umzugestalten – und auf diesem Weg ist er sehr weit gekommen. Auch die Jüdische Akademie, mit deren Bau wir Anfang kommenden Jahres in Frankfurt beginnen, geht auf die Initiative von Dieter Graumann zurück.

Das Thema, das jedoch sicherlich am stärksten mit seiner Amtszeit in Verbindung steht, ist die Debatte über die Beschneidung. Im Frühjahr 2012 fällte das Kölner Landgericht das berühmte Urteil, was dazu hätte führen können, dass die Beschneidung von Jungen in Deutschland verboten worden wäre.

Jüdisches Leben wäre dann in diesem Land unmöglich geworden. Gerade in dieser Zeit einen Präsidenten an der Spitze zu haben, der sich mit Leidenschaft und aus innerer Überzeugung für die Religionsfreiheit einsetzte, war ein großes Glück für die jüdische Gemeinschaft.

basis Bei allem politischen Engagement verlor Dieter Graumann die jüdischen Gemeinden, die Arbeit an der Basis, nie aus den Augen. Dazu war (und ist) er selbst viel zu sehr verwurzelt im Gemeindeleben, in Frankfurt. Eigentlich ist er ein echter Frankfurter Junge, was sich auch in seiner unverbrüchlichen Treue zu Eintracht Frankfurt widerspiegelt.

Mit Leidenschaft setzte er sich in der Beschneidungsdebatte für Religionsfreiheit ein.

Über viele Jahre hat sich Dieter Graumann in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt ehrenamtlich engagiert. Der heutige Vorsitzende Salomon Korn ist noch immer dankbar, dass einst Dieter Graumann die Finanzen der Gemeinde in Ordnung brachte. Das fiel dem promovierten Volkswirt nicht schwer. Doch sein Herz galt immer der Bildung. Dieter Graumann – und um diese Gabe beneide ich ihn ein wenig – schafft ein unwahrscheinlich großes Lesepensum. Und weil ihm speziell auch jüdische Bildung am Herzen liegt, hat er sich ebenso wie für die Gemeinde für die Lichtigfeld-Schule in Frankfurt eingesetzt.

Über seine Frau Simone, die eine wichtige Ratgeberin für ihn ist und vier Jahre lang Vorsitzende der WIZO war, und über seine Kinder und Enkel erhielt und erhält Dieter Graumann Einblicke in viele Bereiche. Daher wusste er stets, was unsere Gemeindemitglieder bewegt, welches ihre Sorgen sind.

GEMEINDETAG Diese Bodenhaftung hat er nie verloren, obwohl sein Horizont durch Studienjahre in London und viele Reisen sehr weit war. Und weil ihm bewusst war, dass das jüdische Leben in Deutschland letztlich auf den Gemeinden beruht, hat er den Gemeindetag in seiner jetzigen Form ins Leben gerufen.

Sein Ziel für diese Veranstaltung, die wir bis heute in seinem Sinne weiterführen, hat er selbst am besten beschrieben: »Was also wollen wir? Hier wollen wir unseren jüdischen Spirit ausleben, vorleben, erleben, beleben und stärken. Ein starkes Wir-Gefühl! Das tanken wir hier. Das brauchen wir auch. Das tut uns gut. Hier geht es um eine Infusion an positiver Emotion. Um die Inspiration, die uns alle frisch befeuern soll. Und um eine Investition in uns selbst.«

Ich bin mir sicher, der größte Geburtstagswunsch von Dieter Graumann würde in Erfüllung gehen, wenn seine Worte bei der Kundgebung 2014 heute total überholt klängen. Wenn man heute erstaunt wäre über die damaligen Zustände. Dem ist nicht so. Daher werden wir uns weiterhin mit Verve für die jüdische Gemeinschaft einsetzen und wissen Dieter Graumann dabei an unserer Seite.

Von Herzen, lieber Dieter: Bleib gesund, genieße das Leben, Masal tow und bis 120!

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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