Umfrage

KZ-Gedenkstätten erwarten mehr Schoa-Leugner

Laut einer neuen Umfrage bereiten sich die Gedenkstätten vermehrt auf Besucher vor, die bei Führungen mit einer rechtsextremen Weltanschauung auftreten. Foto: dpa

Die KZ-Gedenkstätten in Deutschland stellen sich verstärkt auf Besucher ein, die nationalsozialistische Verbrechen verharmlosen. »Die Grenzen des Sagbaren haben sich in den vergangenen Jahren eindeutig nach rechts verschoben«, sagte der Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner am Samstag. Laut einer neuen Umfrage sind die Gedenkstätten auf Besucher vorbereitet, die bei Führungen mit einer rechtsextremen Weltanschauung auftreten oder gar den Holocaust leugnen.

Zuletzt war es im Juli in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen zu massiven Störungen durch eine AfD-Besuchergruppe gekommen. Einige der Teilnehmer sollen NS-Verbrechen verharmlost und die Existenz von Gaskammern bezweifelt haben. Nach dem Vorfall wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung eingeleitet. Solche Störungen sind allerdings eher die Ausnahme. Das ergab eine bundesweite Umfrage unter den Gedenkstätten, die an die Gräuel der NS-Zeit erinnern.

SYMBOLE In der Gedenkstätte Sachsenhausen habe es 2017 zwei Vorfälle gegeben, 2018 bislang vier. Darunter seien zwei Vorfälle mit Besuchern gewesen, die rechtsextreme Symbole an ihrer Kleidung trugen. »In zwei Fällen haben wir Anzeige erstattet«, sagte Horst Seferens von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. »Insgesamt haben wir 2017 fünf und 2018 bisher zehn Vorfälle mit rechtem Hintergrund, darunter fünf Vorfälle unmittelbar in der Gedenkstätte und fünf Vorfälle in den digitalen Medien.«

Wenn »offenkundig Verbrechen verharmlost, bezweifelt oder gar geleugnet werden« und dies nach Aufforderung nicht unterbleibt, werden Personen von Führungen ausgeschlossen und gebeten, die Gedenkstätte zu verlassen, sagte Seferens: »Letzteres kommt aber glücklicherweise so gut wie nie vor.« Die Themen Rechtsextremismus, Revisionismus und der Umgang damit ist bereits seit vielen Jahren Teil von Ausbildung und Fortbildung für das Besucherdienst-Team, betonte Seferens.

Thematisiert würden sowohl rechtsextreme Codes und Symbole, die grundsätzlich in der Gedenkstätte nicht geduldet werden.
Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten ist zuständig für das Museum Sachsenhausen, die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück sowie die Dokumentationsstelle Zuchthaus Brandenburg an der Havel.

BUCHENWALD Rikola-Gunnar Lüttgenau von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora sagte, zwar beobachte man in den vergangenen Monaten keine verstärkten Störungen der Führungen in den Gedenkstätten, allerdings gebe es immer wieder Hakenkreuz-Schmierereien oder -einritzungen in Schilder oder Bäume, die immer zur Anzeige gebracht werden. »In diesem Jahr waren es bislang etwa zehn Fälle, was einen Anstieg im Vergleich zum letzten Jahr bedeutet.«

Die beiden bayerischen KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg beobachten keine Zunahme von Besuchern, die NS-Verbrechen verharmlosen. Man habe »in jüngster Zeit keine Störungen und Verharmlosungen von NS-Verbrechen bei Rundgängen festgestellt«, sagte eine Sprecherin der KZ-Gedenkstätte Dachau. Auch in der Gedenkstätte Flossenbürg habe es in letzter Zeit keine Zwischenfälle mit Besuchergruppen, Störungen von Rundgängen oder Verharmlosung von NS-Verbrechen durch Besucher gegeben.

In Bergen-Belsen sind laut dem niedersächsischen Gedenkstättenleiter Wagner keine organisierten Störungen aufgetreten. Eine Ausnahme habe es in der Gedenkstätte Schillstraße in Braunschweig gegeben, wo NPD-Mitglieder und »freie Kameradschaften« bei Gedenkveranstaltungen gestört hätten. Allerdings komme es regelmäßig vor, dass einzelne Besucher »holocaustrelativierende oder andere geschichtsrevisionistische Positionen« vertreten. Bisweilen gebe es auch entsprechende Eintragungen im Besucherbuch der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Bei strafrechtlich relevanten Eintragungen werde immer sofort die Polizei informiert.

EIFEL Die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang in der Eifel verzeichnet in den vergangenen Jahren mehr Besuche von Gruppen aus der rechten Szene. Das zeige sich etwa durch Einträge im Gästebuch und Aufkleber, die auf dem Gelände gefunden würden, sagte eine Sprecherin.

In der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hamburg) gebe es keine grundsätzliche Erfassung von Störungen während gebuchter Führungen, sagte Sprecherin Iris Groschek: »Dennoch erhalten wir natürlich Feedback von unseren Guides und von unserem Besucherservice-Personal bei besonderen Auffälligkeiten. Aktuell sehe ich keine Zunahme solcher Störungen.«

»Mit Störungen aus der rechten Ecke rechnen wir, seit es die Gedenkstätte gibt, also schon seit 25 Jahren, doch bislang hat es nie irgend einen entsprechenden Vorfall gegeben«, sagte Dorothee Roos von der KZ-Gedenkstätte Neckarelz in Baden-Württemberg: »Wir hoffen, dass es so bleibt.«

Auch in der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert im Hunsrück seien bislang keine Störungen vorgekommen, sagte Beate Welter von der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. epd

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