Reformation

Kritisches Erinnern

Porträt des Reformators: Martin Luther, Ölgemälde auf Holz von Lukas Cranach dem Älteren, 1528 Foto: dpa

Reformation

Kritisches Erinnern

Warum sich Juden nicht am Luther-Gedenken beteiligen sollten, aber viel dazu sagen können

von Micha Brumlik  26.10.2015 19:28 Uhr

Kein Zweifel: Im 19. Jahrhundert fand Martin Luther unter liberal und republikanisch gesonnenen Juden glühende Anhänger. »Aber dieser Martin Luther«, so Heinrich Heine in seiner Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, »gab uns nicht bloß die Freiheit der Bewegung, sondern auch das Mittel der Bewegung, dem Geist gab er nämlich einen Leib. Er gab dem Gedanken auch das Wort. Er schuf die deutsche Sprache.«

Auch der Publizist Saul Ascher, ein Zeitgenosse Heines und einer der schärfsten Kritiker des aufkommenden Antisemitismus, ein Mann, dessen Bücher von völkischen Studenten verbrannt wurden, lobte Luther.

Mehr noch: Manchen Zeitgenossen, die das Judentum reformieren wollten, galt dieser kompromisslose Bekämpfer des Antisemitismus als der »Luther des Judentums«. Das freilich wäre kaum möglich gewesen, wenn liberale und reformorientierte Juden in der Mitte des 19. Jahrhunderts Martin Luthers Schriften über das Judentum zur Kenntnis genommen hätten, Schriften, die damals erhältlich und einsehbar waren und von den Antisemiten eifrig genutzt wurden. Etwa von Hartmut von Hundt-Radowsky, der in seinem Pamphlet Die Judenschule aus dem Jahr 1822 auf judenfeindliche Bemerkungen aus Luthers Tischreden Bezug nimmt.

Blaupause Ob, wem und wie sehr und ab wann genau Luthers 1543 erschienene Schrift Von den Juden und ihren Lügen bekannt war, ist noch immer Gegenstand eines Streits unter Philologen. Kein Zweifel kann indes daran bestehen, dass diese Schrift – mit Ausnahme der Gaskammern – eine Blaupause all jener verbrecherischen Maßnahmen – von der Verbrennung von Synagogen über die Zwangsarbeit bis hin zur Vertreibung – enthält, die das nationalsozialistische Deutschland Europas Juden antat.

Entsprechend war es nur konsequent, dass ein thüringischer Landesbischof es hoch bedeutsam fand, dass in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, also Luthers Geburtstag, Deutschlands Synagogen brannten. Ebenso wie es schlüssig war, dass der antisemitische Hetzjournalist Julius Streicher in Nürnberg aussagte, dass an seiner Stelle Martin Luther vor dem internationalen Militärtribunal hätte stehen sollen.

Martin Luther war ohne jeden Zweifel ein theologisches und sprachschöpferisches Genie sowie ein bedeutender politischer Denker, eine Figur von welthistorischer Wucht wie nur wenige seinesgleichen. Dass der von ihm immer wieder stark gemachte Gegensatz von »Evangelium und Gesetz« – hier die in Christus widerfahrene Gnade, dort die Härte der in der Tora angedrohten Weisungen – den christlichen Antijudaismus weiter verstärkte und zuspitzte, wird dadurch, dass er in einer frühen Schrift feststellte, dass Jesus ein geborener Jude war, keineswegs gemildert.

Daher kann es keineswegs die Rolle von Juden sein, beim öffentlichen »Gedenken« an Luther mitzuwirken: Verstehen wir doch im Allgemeinen unter »Gedenken« einen verinnerlichenden, trauernden und auch erhebenden, einen, sei es religiösen oder auch weltlichen, liturgisch gestalteten Bezug auf die Opfer der Geschichte – Opfer, zu denen Martin Luther in keiner Weise gehört.

Reformjuden Umgekehrt wurden Juden zu Opfern seines theologischen und politischen Judenhasses, der über die lutherischen Kirchen, die lutherische deutsche Nationalideologie sowie die offen nationalsozialistischen »Deutschen Christen« nicht erst im Nationalsozialismus virulent wurde. Dass er manchen »Reformjuden«, die seine Judenschriften nicht kannten und daher vor dem Nationalsozialismus in hohem Assimilationswillen an Luthergedenkfeiern mitwirkten, als ein Liberaler galt, der er nicht war, ändert daran nichts. Aus Unkenntnis folgt kein Argument.

Anders jedoch, wenn es nicht ums Gedenken, sondern um das »Kritische Erinnern«, also um gesellschaftliche Formen der aufklärenden Vergegenwärtigung von Vergangenheit geht, ihrer Strukturen, ihrer Personen, ihrer Möglichkeiten und verpassten Chancen.

Hier könnten Repräsentanten des Judentums tatsächlich als Zeugen, ja geradezu als Kronzeugen des Verhängnisses – nicht der Tragik – einer in sich zerrissenen Persönlichkeit, eines ambivalent christlichen Erneuerers und eines – leider doch allzu eindeutig – frühnationalistischen deutschen Denkers auftreten; als Kronzeugen, die aus eigener Perspektive darlegen können, wo diese für die deutsche Kultur doch so nachhaltig wirkende Persönlichkeit nicht nur dem christlichen Liebesgebot offen und programmatisch zuwidergehandelt hat – Luther sprach gerne von »strenger Barmherzigkeit« gegenüber den Juden –, sondern auch als Zeugen dafür, wie aus der Sehnsucht nach göttlicher Gnade unversöhnlicher irdischer Hass wurde.

Wenn also im Lutherjahr strikt zwischen »Gedenken«, bei dem Juden nichts zu suchen haben, und »kritischer Erinnerung« unterschieden wird, spricht alles für eine jüdische Teilnahme an diesem Prozess kritischer Erinnerung.

Ob und wie jedoch die lutherischen Kirchen der Opfer dieses Mannes und seiner Theologie gedenken wollen, muss ihnen überlassen bleiben.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und Publizist.

Nachruf

Trauer um Hubert Aiwanger

Der Freie-Wähler-Chef, bayerische Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister starb im Alter von 55 Jahren in einem Berliner Hotel

von Frederick Mersi  04.11.2026

Berlin

Antisemitische Schmierereien auf Skulpturen im Berliner Tiergarten

Der polizeiliche Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen.

 04.11.2026

Brasilien

Kein Freund Israels

Nach dem überraschenden Wahlsieg des linken Präsidenten Lula gibt sich die jüdische Gemeinde des Landes dennoch zuversichtlich

von Andreas Knobloch  04.11.2026

Berlin

Rot-grün-rote Koalitionsverhandlungen bis Januar

Linke, Grüne und SPD wollen erst im nächsten Jahr einen Koalitionsvertrag vorlegen. Und dann folgt noch ein Zwischenschritt

 04.11.2026

Koalitionsverhandlungen

Klingbeil fordert Linke auf, antisemitische Politiker rauszuwerfen

Bisher hat sich der SPD-Chef zurückgehalten, was die Berliner Koalitionsverhandlungen angeht. Jetzt macht er klar, was er von der Linken erwartet

 04.11.2026

USA

»Viele jüdische Wähler haben mit zugehaltener Nase abgestimmt«

Der jüdische Rechtsanwalt und Historiker Michael Traison über den Erdrutschsieg der Demokraten bei den Midterms und die möglichen Folgen für Amerikas Beziehungen zu Israel

von Michael Thaidigsmann  04.11.2026

Midterm-Wahlen

Iran erfreut über Trumps Wahlniederlage

Nach der Wahlniederlage der Republikaner in den USA meldet sich die iranische Spitze. Auch vom obersten Führer Modschtaba Chamenei werden Worte veröffentlicht

 04.11.2026

Meinung

Her mit den Inhalten!

Ayala Goldmann freut sich über die Eröffnung der Jüdischen Akademie in Frankfurt und ist gespannt auf das Programm

von Ayala Goldmann  04.11.2026

Sachsen-Anhalt

Linke überlegt, Gegenkandidatin gegen Ulrich Siegmund aufstellen

Der AfD-Politiker Ulrich Siegmund will im Dezember Ministerpräsident werden, doch ihm fehlen drei Stimmen für eine Mehrheit. Die Linke prüft, ob sie eine eigene Kandidatin ins Rennen schickt.

 04.11.2026