Einspruch

Krankheit und politischer Wahn

Ingo Way Foto: Stephan Pramme

Wieder ein psychisch kranker Einzeltäter. Im französischen Straßburg ging am vergangenen Freitag ein Mann mit einem Messer auf den 62-jährigen Chalom Levy los. Der Angreifer schrie »Allahu Akbar« und stach dem orthodoxen Juden in den Bauch. Levy konnte sich daraufhin in ein Restaurant retten, dessen Inhaber die Polizei riefen. Der Täter wurde verhaftet, die Ermittlungen laufen.

Als Terroranschlag möchte die französische Polizei den Angriff dennoch nicht werten. Dabei war der Täter den Behörden längst bekannt. Bereits im Jahr 2010 hatte er einen Juden, der eine Kippa trug, mit einer Eisenstange physisch attackiert und mit einem Messer verletzt. Verurteilt wurde er damals nicht; wegen seiner psychischen Probleme erklärte ihn das Gericht für schuldunfähig. Der Mann glaube an eine jüdische Weltverschwörung, hieß es, und mache Juden für seine persönlichen Probleme verantwortlich.

attentäter Der Täter war psychisch krank. Das hörte man unter anderem auch schon über den Amokschützen von München, den Selbstmordattentäter von Ansbach und den Lkw-Attentäter von Nizza. Nun gibt es aber Millionen von Menschen mit psychologischen oder psychiatrischen Problemen, doch diese Menschen tun niemandem etwas zuleide. Warum, um beim Straßburger Fall zu bleiben, sollte das Vorliegen einer entsprechenden Diagnose erklären, warum es jemand gerade auf Juden abgesehen hat?

Denn wenn derjenige während seiner Tat »Allahu Akbar« ruft, liegt man wahrscheinlich nicht meilenweit daneben, wenn man ein islamistisches Motiv annimmt. Und in islamistischen Kreisen gilt die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung keineswegs als Ausdruck mentaler Probleme, sondern als präzise Beschreibung der Realität. Das kann man mit Fug und Recht als politischen Wahn bezeichnen. Es rechtfertigt aber nicht, psychisch Kranke als besonders gefährlich darzustellen und sie somit zu stigmatisieren, nur um über muslimischen Antisemitismus nicht reden zu müssen.

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