Helmut Schmidt

»Knacks im Vertrauen zum Führer«

Der frühere Bundeskanzler ist eine Ikone und wird allerorten gefeiert. Sein Umgang mit der Wehrmachts-Vergangenheit wird heute gerne verschwiegen

von Benjamin Ortmeyer  23.12.2018 11:39 Uhr

»Seit 1937 bin ich jedem bewussten NS-Einfluss so gut wie entzogen gewesen«: Helmut Schmidt Foto: ullstein bild - BPA

Der frühere Bundeskanzler ist eine Ikone und wird allerorten gefeiert. Sein Umgang mit der Wehrmachts-Vergangenheit wird heute gerne verschwiegen

von Benjamin Ortmeyer  23.12.2018 11:39 Uhr

Ohne Frage ist Helmut Schmidt eine Ikone, insbesondere in Hamburg. Zu seinen Lebzeiten wurde sogar eine Universität der Bundeswehr nach ihm benannt und er ist wohl einer der populärsten Politiker in der Bundesrepublik Deutschland gewesen, dessen Ruhm bis heute noch in einer Fülle von Publikationen bis hin zu Ehrenmünzen gefeiert wird.

Aber immer wieder kam es auch zu Konflikten mit der NS‐Vergangenheit in der Wehrmacht von Helmut Schmidt, insbesondere als Israels Ministerpräsident Menachem Begin ihm 1981 vorwarf, dass er den Fahneneid auf Hitler nie gebrochen habe – was ja wohl eine unbestreitbare Wahrheit ist, ob einem Begin als Politiker nun gefallen hat oder nicht.

In den 50er‐Jahren sprach Schmidt vor ehemaligen SS‐Angehörigen.

STREIT Ein Foto mit Hakenkreuz und in Wehrmachtsuniformen von Helmut Schmidt wurde an der Bundeswehrhochschule aufgehängt, abgehängt, wieder aufgehängt und symbolisiert den Streit verschiedener Biografen über die Haltung Helmut Schmidt zur Nazi‐Wehrmacht.

Es soll nur kurz in Erinnerung gerufen werden, was die Kritikpunkte an Schmidt waren. Der Sozialdemokrat Helmut Schmidt biederte sich bereits in den 50er‐ und 60er‐Jahren an die ehemaligen Angehörigen der Waffen‐SS an. Das ergab innerhalb der Sozialdemokratie heftige Debatten. Schmidt hielt 1953 bei der »Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen SS« (HIAG), die circa 20.000 Mitglieder hatte, auf einer großen Versammlung in Hamburg vor über 1200 ehemaligen SS‐Angehörigen einen Vortrag und beriet sich mit deren Vertretern.

Auch 1957 erklärte Helmut Schmidt auf einer Großveranstaltung des HIAG, er »habe selbst den Krieg im Osten als Oberleutnant in einer Heeresdivision mitgemacht«, und er müsse »ihnen, meinen Kameraden von der Waffen‐SS«, ja nun nicht erklären, »wenn wir damals in Russland wussten, rechts oder links von uns, oder vor uns, liegt eine Division der Waffen‐SS, dann konnten wir ruhig schlafen.« Von einem empörten Sozialdemokraten mit dieser fürchterlichen Aussage konfrontiert, notierte Helmut Schmidt 1965: »Nach wie vor meiner Meinung«.

Schmidt war nicht der einzige, der Mitglieder der Waffen‐SS als »normale und einfache Soldaten« ansah.

SS‐ANGEHÖRIGE 1965 hatte der Bundestag es abgelehnt, Ansprüche der SS‐Angehörigen auf sogenannte »Gleichbehandlung« mit den Angehörigen der Wehrmacht anzuerkennen. Helmut Schmidt passte das gar nicht. Er schrieb in einem Brief an seine ehemaligen »Kameraden« von der SS, der auf dem Jahrestreffen der HIAG verlesen wurde, er werde auch bei seiner »zukünftigen Arbeit im Bundestag versuchen, für gleichmäßige Gerechtigkeit zu Gunsten aller ehemaligen Soldaten zu wirken«.

Nun war Schmidt nicht der einzige, der lange vor Bitburg 1985 die Mitglieder der Waffen‐SS als sogenannte »normale« einfache Soldaten ansah, obwohl die SS in den Nürnberger Prozessen zur »verbrecherischen Organisation« erklärt wurde. Auch CDU‐Kanzler Konrad Adenauer hofierte den Mitgliedern dieser »verbrecherischen Organisation.« Erst 30 Jahre später, 1981, beschloss die SPD, dass HIAG‐Angehörige nicht Mitglied der SPD sein können.

Der SS‐Mann und Leiter des SD in Rom, Herbert Kappler, war ein in Italien inhaftierter und seit Juni 1948 verurteilter Kriegsverbrecher. Im Oktober 1943 veranlasst er, dass 1259 Juden verhaftet wurden, von denen 1007 nach Auschwitz deportiert wurden. Er war zudem verantwortlich für die Hinrichtung von 335 italienischen Zivilisten im Alter von 15 bis 74 Jahren in den Ardeatinischen Höhlen im Süden Roms, darunter 75 jüdische Geiseln. Einige davon ermordete er eigenhändig durch Genickschuss, um seinen »Kameraden« zu zeigen, wie man das »effektiv« durchführt. Die Hinrichtungen dauerten 5 Stunden.

»Seit 1937 bin ich jedem bewussten NS‐Einfluss so gut wie entzogen gewesen«, sagte Schmidt.

HITLERGRUSS Für diesen Mörder Herbert Kappler gab es eine Welle von Gnadengesuchen, angefangen von Bundespräsident Lübke an Weihnachten 1966 bis zur deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands. »Besorgte Bürger« organisierten noch 1974 eine Unterschriftensammlung für Kapplers Freilassung und übergaben dem italienischen Botschafter gar 200.000 Unterschriften. Da konnte dann der Bundeskanzler Helmut Schmidt schlecht fehlen.

In einem Brief an den italienischen Ministerpräsidenten vom 2. März 1976 schrieb Schmidt, dass die weitere Inhaftierung »auch bei wohlmeinenden Kreisen der deutschen Öffentlichkeit zu starker Beunruhigung führen würde«.

Unglaublich aber wahr: Die Kosten der regelmäßigen Flüge seiner Frau von Deutschland nach Italien, um Herbert Kappler zu besuchen, wurden mit 21.954 DM für 19 Flugreisen aus der Bundeskasse unter dem Etattitel »Unterstützung zum Besuch von im Zusammenhang mit den Kriegsereignissen inhaftierten deutschen Gefangenen« bezahlt. Frau Kappler verhalf dann Herbert Kappler bei einem bewachten Krankenhausaufenthalt im August 1977 zur Flucht nach Deutschland. Seiner Beerdigung 1978 wohnten 800 Personen bei – von den Hitlergruß zeigenden »besorgten Bürgern« begleitet.

AUGSTEIN Menachem Begin hat Helmut Schmidt mit den Worten charakterisiert: »Er hat nie seinen Treueeid auf seinen Führer Adolf Hitler gebrochen.« Nachdem Begin also auf die Soldaten‐Vergangenheit von Helmut Schmidt 1981 wegen dessen proarabischer Einstellung und Waffengeschäfte (insbesondere mit Saudi‐Arabien als – nach den USA – angeblich »engsten Verbündeten« der BRD) hingewiesen hatte, erhielt Helmut Schmidt von dem Herausgeber des SPIEGELS, Rudolf Augstein, im Ton der heutigen AFD publizistischen Beistand unter dem Titel »Kein zweiter Holocaust, bitte«.

Israel sei, so wörtlich im SPIEGEL, »ein auf Eroberung programmierter Staat«. »Wie die Juden Opfer der deutschen Nazis waren, so sind die Araber nunmehr Opfer der Israelis«. Und zur Verteidigung der Deutschen, der deutschen Soldaten und Helmut Schmidt heißt es weiter: »Kein moralischer Unterschied also zwischen der schweigenden Mehrheit der Deutschen und der schweigenden Mehrheit der Juden.«

1941 bewarb Schmidt sich darum, zur »kämpfenden Truppe versetzt zu werden«.

Solcher Geschichtsrevisionismus kulminierte dann in folgender Behauptung: »Dem Kanzler Schmidt gebührt von Seiten der Israelis Dank, weil er nicht nur absichtlich, sondern objektiv eine Politik treibt, die den zweiten Holocaust gegenüber Juden verhindern soll«. Und Schmidt wäre ein »ehrenwerter Politiker«: »Die Herren Schmidt und Genscher haben nicht nötig, sich für die Politik des Adolf Hitler rechtfertigen zu müssen.«

»PFLICHT« 1941 bewarb Helmut Schmidt sich darum, weil er noch »keinerlei Tapferkeitsorden tragen« konnte, zur »kämpfenden Truppe versetzt zu werden«. Im Kontext der Belagerung Leningrads erinnert er sich auch an die Leichen an den Straßenrändern einer kleinen, 8000 Einwohner zählenden brennenden Stadt namens Sytschowka: »Meine Batterie hatte immer wieder Befehl bekommen, mit 2‐cm‐Flakgeschützen die Dörfer in Brand zu schießen, um feindliche Widerstandsnetze an den Dorfrändern auszuräuchern.« Das tat Helmut Schmidt, wie er selbst berichtet, »soldatische Pflicht« halt.

Helmut Schmidt berichtet über die Wehrmacht, in der er seit 1937 diente, als hätte es dort keine Nazis gegeben: »Seit 1937 bin ich jedem bewussten NS‐Einfluss so gut wie entzogen gewesen.«

Nun, das ist wohl für Helmut Schmidt eine Frage der Definition, wer eigentlich ein Nazi ist und wer nicht. Ende 1938, so behauptet Schmidt in seinen Nachkriegsaufzeichnungen Verwandlungen/Stichworte, er sei klar gegen den NS gewesen, »lediglich Hitler persönlich ausgenommen.« Für 1941 formulierte er dann: »Erstmaliger Knacks im persönlichen Vertrauen zum Führer.«

Der Autor leitete bis zu seiner Emeritierung an der Goethe‐Universität in Frankfurt am Main die Forschungsstelle NS‐Pädagogik.

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