Erziehung

Kleine Einsteins

Nicht jeder kann ein Genie sein: Es ist die Aufgabe der Eltern, ihre Kinder so zu akzeptieren, wie sie sind. Foto: Thinkstock

Das vor Kurzem beendete Pessachfest hat es wieder einmal in Erinnerung gerufen: Das Judentum ist eine Religion des Lernens! Nicht zufällig steht im Zentrum der Haggada die Geschichte von den vier Kindern. Das zentrale Gebet des Judentums aber, das »Höre Israel«, weist Jüdinnen und Juden mit Blick auf die Tora an: »Diese Worte ... Du sollst sie deinen Kindern erzählen.« Das Judentum ist eine Religion und eine Kultur des Lernens. Aber ist das Judentum auch eine lernende Religion, eine lernende Kultur? Hat es gelernt, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind?

Die Geschichte jüdischer Pädagogik zeigt über Jahrtausende sehr Verschiedenes: von in talmudischer Zeit eingerichteten Grundschulen über die Schulen von Reform und Neoorthodoxie bis zur Einrichtung des unerträglichen, die Knaben an den Rand der Erschöpfung treibenden »Cheders« in den ärmeren Landstrichen Osteuropas.

pauker Viele Romane und Erzählungen jiddischer Schriftsteller berichten von den prügelnden, keineswegs besonders belesenen, geschweige denn pädagogisch gebildeten »Melamdim«, den Paukern. Diese Zeiten sind weltweit – mehr oder minder – vorbei. Aber wie ist es um die Erziehung jüdischer Kinder hier und heute in Deutschland bestellt? Weicht sie von der Haltung der Mehrheitsgesellschaft wesentlich ab?

Soeben hat eine von den Vereinten Nationen, der UNICEF, publizierte Studie Merkwürdiges belegt: Obwohl die Kinder in Deutschland alles in allem gesünder leben, besser versorgt sind und unter weniger Gewalt leiden als anderswo, sind sie weniger zufrieden. Freilich ist die Aussagekraft der Studie mit Blick auf statistische Fehler scharfer Kritik unterzogen worden, gleichwohl haben schon vor geraumer Zeit der Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Norbert Schneider, und soeben der Kindheitsforscher Hans Bertram angemahnt, dass die Deutschen ihre Kinder nicht überfordern, sie nicht einem zu großen Lern- und Qualifikationsdruck aussetzen sollen.

norm Hans Bertram, ein methodisch genauer und seine Worte abwägender Wissenschaftler, erwartet von Eltern: »Ein größeres Maß an Gelassenheit in Bezug auf die kindliche Entwicklung. Kinder sind so unterschiedlich. Aber wir haben in Deutschland ganz stark die Vorstellung, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Norm erreichen müssen. Manchen Kindern hilft das, weil die locker über jede Hürde springen. Andere Kinder sind langsamer. Da ist es die Aufgabe der Eltern, das Kind so zu akzeptieren, wie es ist.«

Bertrams Mahnungen treffen, wenn nicht alles trügt, auf die Mehrheit hierzulande lebender jüdischen Eltern zu. Die Ursachen dafür sind – auch nach ersten wissenschaftlichen Befunden – einsichtig: Die überwiegende Anzahl jüdischer Familien mit Kindern rekrutiert sich aus Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion, einer ohnehin stark leistungsorientierten Kultur, in der Juden – wenn überhaupt – nur dann eine Chance hatten, wenn sie deutlich besser abschnitten als andere.

leistung Diese Immigranten aber sind auch hier davon überzeugt, dass nur hohe und höchste Leistung eine Zukunft sichern kann. Sowohl aus empirischen Studien als auch aus Gesprächen mit Lehrkräften wissen wir, dass in jüdischen Schulen in Deutschland die meisten Kinder in den allgemeinen Fächern überdurchschnittlich gut abschneiden, während sie in den Fächern jüdische Religion, Geschichte und Hebräisch deutlich abfallen.

Der Grund ist simpel: In vielen jüdischen Schulen sind diese Fächer nicht »versetzungsrelevant«, weshalb für sie weniger intensiv gelernt wird. Jüdische Religion und Kultur als Sahnehäubchen über angestrebten überdurchschnittlichen Abschlussnoten. Aber so war das bei der Einrichtung jüdischer Schulen nicht gedacht. Keiner Familie, keiner Gemeinde ist mit jungen Leuten gedient, die zwar mit anderen Juden zur Schule gegangen sind, aber über keine jüdische Bildung verfügen. Was sollten sie auch ihren Kindern weitergeben?

terminkalender Wenn zudem jüdische Kinder – wie zunehmend andere Kinder des Bildungsbürgertums – nachmittags noch neben Hausaufgaben immer mehr Musikunterricht und Sportkurse belegen müssen, bleibt für freie Zeit, Spiel mit anderen, die Pflege von Freundschaften immer weniger Zeit – bis hin zur gar nicht so wirklichkeitsfernen Karikatur eines zehnjährigen Kindes mit vollgestopftem Terminkalender, das von seinen gestressten Eltern von einem Termin zum anderen gefahren wird. Dass dabei Kreativität und Freude auf der Strecke bleiben, erschließt sich von selbst.

Wir dürfen vermuten, dass das im »Höre Israel« nicht gemeint war. Schließlich ließ Gott selbst das kreativste seiner Geschöpfe, nämlich die Weisheit – sie schuf mit ihm gemeinsam die Welt –, wie ein Kind vor sich spielen. Im Tanach, im »Buch der Sprüche Salomos« (8,30), spricht die Weisheit: »Als er die Grundfesten der Erde festsetzte, stand ich als Werkmeisterin ihm zur Seite und war seine Freude Tag für Tag, spielte vor ihm allezeit.«

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und Publizist.

Spanische Nordafrika-Exklave

Wie kam es zur Ceuta-Krise?

Die Ereignisse in Ceuta werfen viele Fragen auf: Duldeten marokkanische Sicherheitskräfte den Ansturm? Welche Motive könnte es gegeben haben? Und wer profitierte von den chaotischen Szenen?

 03.08.2026

Schifffahrt

Iran und Oman planen Rundkurs in Straße von Hormus

Als Folge des Konflikts mit den USA verhandelt Teheran mit Maskat über neue Fahrrinnen im Nadelöhr des internationalen Gas- und Ölhandels. Im Gespräch ist ein neues Routenmodell

 03.08.2026

Montréal

Verdacht auf Brandanschlag: Koscheres Restaurant zerstört

Die Behörden untersuchen den Vorfall als möglichen Brandanschlag. War auch diese Tat antisemitisch motiviert?

 03.08.2026

Studie

Spaniens Migrationskrise wird online mit antisemitischen Verschwörungsmythen verknüpft

Innerhalb von zwei Tagen erreichten Beiträge, die Israel für den Flüchtlingssturm auf Ceuta verantwortlich machen, beinahe 60 Millionen Nutzer

 03.08.2026

Nahost

Trump kündigt neue Gespräche mit Iran an – Verhandlungen sollen heute beginnen

»Eine Vereinbarung steht unmittelbar bevor«, erklärt der amerikanische Präsident. Israel, das an dem zunächst geplanten Angriff auf den Iran mitwirken sollte, erfuhr von dessen Absage in sozialen Medien

 03.08.2026

Interview

»Putin ist in der Sackgasse«

Lettlands Ex-Präsident Egils Levits über Russlands Krieg, einen EU-Beitritt der Ukraine und die Debatte über die Religionsfreiheit

von Michael Thaidigsmann  02.08.2026

New York/Madrid

»Warum unterhält Spanien noch immer koloniale Enklaven in Afrika?«

Israels UNO-Botschafter Danny Danon: »Vielleicht sollte Spanien, bevor es uns weiter belehrt, der Welt etwas erklären«

 02.08.2026

Kommentar

Sánchez’ alter, antisemitischer Trick

Wer trägt die Verantwortung für die jüngste Katastrophe in Ceuta? Ausnahmsweise wohl nicht »die Zionisten«

von Rafael Seligmann  02.08.2026

Auschwitz-Birkenau

Romani Rose: Gewalt gegen Sinti und Roma nimmt zu

Zum europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma warnt der Vorsitzende deren Dachorganisation, Mitglieder der Minderheit seien wieder mehr Anfeindung ausgesetzt

 02.08.2026