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Klassenkämpfer am Ende der Welt

Auf dem Place des Fêtes ist es menschenleer an diesem verregneten Pariser Nachmittag. Ein paar maghrebinische Jungs stehen vor dem Ausgang der Métro herum, rauchen und schauen auf die Hochhaussiedlungen von Belleville, einem ehemaligen Arbeiterviertel im Norden der Stadt, wo sich in den vergangenen Jahren immer mehr Einwanderer angesiedelt haben.

Samuel Zaoui fährt jeden Morgen mit dem Auto von hier aus nach Seine-Saint-Denis, in den Vorort nordöstlich von Paris, der im Herbst 2005 durch Unruhen und brennende Autos ins Schlaglicht geraten ist. Dort unterrichtet er Wirtschaft und Sozialkunde. Jetzt sitzt der 43-Jährige auf einem etwas abgenutzten roten Sessel in seinem spärlich möblierten Wohnzimmer. Ein Ledersofa, ein kleiner Tisch mit Fernseher, ein paar DVDs von Kubrick, Bücher und eine Modepuppe aus Holz, das ist alles. Sein kleiner Sohn kommt angerannt, präsentiert ein selbst gemaltes Bild. Nachher will er mit seinem Vater Fußball gucken, Olympique Marseille gegen Real Madrid. Aber erst einmal soll er Hausaufga- ben machen.

Bei Zaouis zu Hause geht alles seinen geregelten Gang. Doch landauf, landab tobt seit der Jahreswende ein Streit um Nationalstolz und republikanische Werte. Die von Einwanderungsminister Eric Besson ins Leben gerufene Debatte ist aus dem Ruder gelaufen. Aus der Suche nach einer gemeinsamen Identität ist die Frage, wie viel Islam ein laizistisches Land verträgt, geworden. Sie bietet inzwischen auch Rechtsradikalen ein Podium, die von »Überfremdung« tönen und so nostalgisch wie aggressiv von einem Frankreich schwärmen, in dem es einst weniger Immigranten gab.

in der zone Burka-Verbot, ja oder nein? Das ist die Frage, die die Nation spaltet. »Diese Kontroverse ist sehr konstruiert«, sagt Samuel Zaoui, während er sich eine Zigarette dreht. Sie würde von den eigentlichen Problemen ablenken. »Der Gegensatz besteht nicht zwischen Franzosen und Einwanderern, sondern zwischen denen, die in der Mitte der Gesellschaft stehen und denen, die immer ausgeschlossen bleiben werden«, sagt er, und es klingt kämpferisch. Seine schwangere Frau kommt ins Zimmer, bringt Bier, Weißwein und Salzstangen. Sie wirkt sanfter als ihr Mann. Die beiden haben sich am Gymnasium in der »Zone« kennengelernt, wie der Vorort oft abfällig genannt wird.

Zaoui ist jeden Tag nahe dran an den Menschen, die den in einschlägigen Elite-Instituten herangezüchteten Pariser Politikern so fremd erscheinen. Von den 30 Schülern in seiner Klasse sind fünf ursprüngliche Franzosen, alle anderen haben nordafrikanische Wurzeln. Die meisten ihrer Eltern können nicht lesen.

Er kennt deren Lebenswelt sehr genau, obwohl er selbst andere Erfahrungen gemacht hat. Zaoui wurde in Paris geboren. Seine Mutter stammt aus der algerischen Region Kabylei, der Vater aus einer Familie sefardischer Juden. »Meine Mutter hat immer hart gearbeitet«, sagt er. »Sie wollte es unbedingt schaffen in Frankreich.« Und ist Rechtsanwältin geworden. Sein Vater, der Mitte der 50er-Jahre den Heimatort Oran verlassen hatte, wanderte nach Frankreich aus. Die Grande Nation konnte damals qualifizierte Arbeitskräfte gut gebrauchen, denn die beiden Weltkriege hatten ein großes Loch hinterlassen. Italiener, Portugiesen, Spanier und Maghrebiner siedelten sich an der Peripherie von Paris an, in der rasend schnell Beton-Plattenbauten für sie hochgezogen wurden.

im mittelalter Zaouis Vater stand politisch links, engagierte sich bei der algerischen Nationalen Befreiungsfront, hat als Sekretär und Sportlehrer gearbeitet. »Er sah sich als Atheist, aber er war auch Mitglied in einer jüdischen Folklore-Tanzgruppe«, erzählt Samuel Zaoui. Die Ehe der Eltern ging in die Brüche, als er vier Jahre alt war. Seine Mutter hat daraufhin alle Verbindungen zur jüdischen Familie gekappt und sich auf ihre berufliche Karriere konzentriert.

Samuel Zaoui hat zunächst Jura und Soziologie studiert. Während der Ferien zog es ihn aber in die Gegend, in der sein Vater groß geworden ist. »Es war bizarr, wie im Mittelalter. In manchen Dörfern holt man das Wasser noch aus der Quelle.«

Auch die anderen Wurzeln wollte er kennenlernen, besuchte seinen Onkel in Israel und lebte im Kibbuz. »Dort hatte ich das Gefühl, im Paradies zu sein.« Zaouis Blick wird ein wenig melancholisch. »Die Häuser hatten keine Türen, es war überall Platz, keine falsche Höflichkeit, sondern Solidarität.« Das Prinzip hieß: einen Tag arbeiten, am anderen Tag Hebräisch lernen. Also schuftete er auf den Feldern, war melken oder mähte Rasen. Die Sprache gebraucht er heute nur noch selten. Mittlerweile sei es auch im Kibbuz härter geworden. Die Leute von früher seien verschwunden, es gehe auch dort immer mehr ums Geld. »Da ist kein Paradies mehr, kein sozialistisches Ideal. Der Kibbuz ist zum Kapitalismus konvertiert.« Die Revolutionäre von einst sind gestrandet.

Zaoui kämpft jetzt in seiner Klasse, am Rande von Paris, für eine gerechtere Gesellschaft und ein bisschen Zukunft. »Diese Jugendlichen in den Vororten leiden«, sagt er, »physisch und psychisch«. Sie verzweifeln an ihrer Armut, an der Diskriminierung, »den Polizisten, die sie auf dem Pferd verfolgen, den dreifachen Überwachungen in den Supermärkten«. Wenn die Schüler aus dem Fenster schauen, sehen sie nur stumpfe Bauten, vom Schulhof aus blickt man auf die Autowaschanlage, die gegenüber des Gymnasiums liegt. Daneben ein Sandwichladen, um sie herum der Straßenring. »Ein Auto, das keiner haben wollte, wohnt in Saint-Denis und heißt Ali«, ist einer der gängigen Scherze in dem Vorort.

Inzest, Abschiebung oder Gefängnis: »Man sieht den Schülern nicht an, was in ihnen vorgeht, die meisten verhalten sich nach außen normal«, bestätigt Zaouis Frau, die auch Lehrerin ist. Manchmal muss eine Krankenschwester oder ein Psychologe gerufen werden, weil ein Schüler zusam-menbricht. Andere rasten irgendwann aus.

2006 hat die selbst ernannte »Bande der Barbaren« in einem Pariser Vorort den jungen Juden Ilan Halimi über drei Wochen in einer leer stehenden Sozialwohnung gefoltert. Einer der Bewacher hat einen Joint auf seiner Stirn ausgedrückt. Später wurde der Entführte an den Bahngleisen nördlich der Stadt zurückgelassen. Halimi starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

im konflikt Die Tat sei antisemitisch motiviert gewesen, hieß es. Samuel Zaoui schüttelt energisch den Kopf, diese Erklärung erscheint ihm allzu einfach. Zwar könnten Stellvertreterkonflikte, ausgelöst durch die Spannungen zwischen Israel und Palästina, eine Rolle spielen. Aber die gewalttätige Aktion sei auch der verzweifelten Lebensstimmung der Jugendlichen in den Vororten geschuldet. »Und der Schwierigkeit der Muslime, eine eigene Identität zu finden, sich zu integrieren«, sagt er. Antiarabische Angriffe gäbe es viel häufiger, nur darüber werde kaum gesprochen. Vor einem Monat zum Beispiel wurde eine algerische Regisseurin auf offener Straße mit Benzin übergossen, und ein Mann drückte ihr eine Zigarette ins Gesicht. Doch das Benzin entzündete sich nicht, einsetzender Regen rettete der Frau das Leben. Das Ereignis war rasch vergessen. Über das Burka-Verbot in öffentlichen Einrichtungen wird dagegen weiter heftig gestritten.

Zaoui engagiert sich für die alten verschlissenen Werte der Republik, nicht nur als Lehrer, sondern auch als Schriftsteller. In seinem Debütroman Saint-Denis bout du monde, auf Deutsch: Saint-Denis, das Ende der Welt, erzählt er von den Immigranten, die in den 60er- und 70er-Jahren kamen, aber niemals wirklich akzeptiert waren. Es ist die Biografie seiner Eltern, die er schildert. Und die der folgenden Generation. Im Roman erfährt die 36-jährige Souhad, die mit ihrer Familie als Kind aus Algerien gekommen ist, dass ihr Vater plötzlich, 30 Jahre nach seiner Ankunft in Frankreich, in seine alte Heimat zurückkehren möchte. Souhad, die sich mustergültig integriert hat und Diplome vorweisen kann, wird sich von Saint-Denis aus auf den Weg machen und ihrer Geschichte nachforschen. Sie unternimmt eine Reise durch Frankreich, drei gute Freunde sind dabei.

Gemeinsam besuchen sie all die Orte, an denen die Eltern Leid und Demütigung erfahren haben. Souhad, die so gerne eine perfekte Französin sein würde, fängt an zu begreifen, was es bedeutet, das Leben eines Immigranten zu führen.

im widerspruch Samuel Zaoui möchte seinen Schülern die Fähigkeit zum kritischen Denken vermitteln. »Manche von ihnen leben mit einer sehr beschränkten Wahrnehmung, so, als würde sie der Rest der Welt nichts angehen«, regt er sich auf. »Das soziale Universum in Frankreich ist ziemlich geschlossen, aber man darf sich nicht selbst aufgeben.« Wenn er spürt, dass sich ein Schüler allmählich verändert, selbstbewusster wird, dann weiß er wieder, warum er diesen Beruf ausübt. Als Zaoui seiner Mutter erstmals von seiner Tätigkeit als Lehrer in Seine-Saint-Denis erzählt hatte, habe sie ihn völlig erschrocken angesehen. Wie bitte? Im Banlieue?

Es klingt nach Widerspruch und ähnelt vielleicht seinem Verhältnis zur eigenen Religion. Lange hat er darüber nachgedacht, was seine jüdischen Ursprünge für ihn heute noch bedeuten. Er ist nicht religiös, hat aber seine beiden Söhne beschneiden lassen. Ein Ritual. »Es käme mir seltsam vor, wenn es Elias und Solal anders gehen würde als mir«, sagt Zaoui. Sie sind elf und vier Jahre alt, benannt nach den jüdischen Autoren und Soziologen Elias Canetti, Norbert Elias und Albert Cohen, die auch in seiner Klasse gelesen werden. Und wenn ein Schüler ruft: »Hey, der hat ja den Kopf eines Juden«, sieht der Lehrer das gelassen. Das sei mehr ein unbedachter Spruch als Antisemitismus. »Sie sagen auch: der Kopf eines Arabers.« Er klärt sie dann trotzdem über die Geschichte auf, darüber, dass 1942, während des Vichy-Regimes, den Franzosen beigebracht wurde, woran man einen Juden erkennt.

Es ist jetzt schon nach acht, Zeit fürs Abendessen. Seine Söhne nehmen ihn in Beschlag. Samuel Zaoui soll in der Küche helfen, es gibt Buletten. Danach beginnt das Fußballspiel. Sie werden es gemeinsam ansehen. »Da auf der Tribüne sitzt Zidane«, ruft der kleine Sohn. Der berühmte Kicker mit den algerischen Wurzeln. Ein Held der Grande Nation.

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